Timos Blog: Wer Talent hat, sollte das schnell vergessen

Talent bringt nichts – wenn man sich nur darauf verlässt. Warum Nachwuchssportler nicht hören sollten, ob und wie begabt sie sind, erzählt Volontär Timo Gotsch aus eigener Erfahrung in seinem Blog.

Ich weiß noch, als ich 2012 das Finale der Jugend-Bezirksmeisterschaften verloren habe. Ich war neun Jahre alt, spielte gerade mal seit einem Jahr Tischtennis. Trotz der 1:3-Niederlage im Endspiel war ich mit dem Turnier eigentlich zufrieden.
Gleich danach kam ein fremder Trainer auf mich zu. Er hatte das Finale als Schiedsrichter überwacht und gezählt. Und er klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, lächelte und sagte: „Den Vorhandtopspin musst du noch lernen.“
Zack. Eben noch glücklich über meine erste Medaille, war ich auf einmal wütend. Sehr wütend. Mit finsterer Miene eilte ich davon und packte meinen Schläger ein.
Gut, Kinder sind launisch. Vermutlich dachte der Trainer nur, ich wäre enttäuscht. Und ganz sicher wollte er mir helfen. Aber ich war nicht enttäuscht. Was mich so empfindlich traf, war die Feststellung, dass ich noch an mir zu arbeiten hätte.
Nichts außer meinem Lieblingsschlag
So ziemlich das Einzige, was ich damals konnte – und heute ist das immer noch so – ist der Vorhandschlag. Das hat sich vor allem so entwickelt, weil ich nie das Gefühl hatte, im Tischtennis hart arbeiten zu müssen.
Irgendwie flog mir das meiste zu. Und ein wenig wurde mir der Sport vielleicht auch in die Wiege gelegt. Und eine gewisse Tischtennis-Affinität kann man mir ja zumindest nachsagen. Besonders zu Beginn hörte ich das Wort „Talent“ ab und zu. Damals hätte ich es vermutlich nicht zugegeben, aber in meiner Zeit als Tischtennis-Anfänger war es eindeutig so: Ich habe mich darauf ausgeruht, ein (kleines) Talent zu sein.
Ironischerweise – auch wenn ich vielleicht keine großen Startschwierigkeiten in den Sport hatte – bin ich mittlerweile der Meinung, dass ich für Tischtennis nicht wirklich Talent habe.
So einfach und doch so schwer
Ich tue mich verflucht schwer damit, neue Dinge schnell zu lernen. Ich brauche viel zu lange dafür. Mit ein Grund, weshalb ich mit elf Jahren – das Alter, kurz bevor ich aufhörte – eigentlich noch immer keinen Topspin spielen konnte.
Ich erinnere mich noch an das eine Training, in dem mir meine beiden Eltern versuchten, das Gefühl für den Vorhandtopspin beizubringen. Ball um Ball habe ich gespielt, alle flach getroffen oder angehoben. Wirklich ein Gefühl entwickelt habe ich nicht. Absurderweise könnte ich bis heute nicht sagen, ob ich den Vorhandtopspin nun wirklich beherrsche oder nicht. Ich würde sagen, nein.
Mit Aufschlägen tue ich mich auch extrem schwer. Oder gefühlvolle Spins spielen – Snake-Shots, Flips, was auch immer irgendwelche Ballzauberer veranstalten können – all das kann ich nicht. Und ich bewundere diejenigen, die das können.
Alles, was ich heute im Tischtennis kann, kam nur durch harte Arbeit zustande. Und deshalb kann ich fast nichts.
Bewusste Trennung
Wirklich harte Arbeit, so hatte ich damals als Kind das Gefühl, hatte ich nie zu investieren brauchen. Warum auch? Es hätte der Auffassung widersprochen, dass mir alles zufliegt.
Vielleicht mit ein Grund, warum ich zum Fußball wechselte, eine Sportart, in der ich mich sehr anstrengte. Und das, obwohl mein Ballgefühl mit dem Fuß noch viel schlechter ist (ich kann nicht mal den Ball jonglieren. Deshalb bin ich auch Torwart gewesen.)
Fußball spielte ich vor allem deshalb, weil ich es wirklich wollte. Harte Arbeit fühlte sich da für mich nicht wie harte Arbeit an. Ich spielte unzählige Stunden auf dem Schulhof, in den Pausen, am Nachmittag, dann noch ins Training. Weit gebracht hätte ich es nie, das war mir immer klar. Aber es machte mir nichts aus.
Was wirklich zählt
Zu merken, dass man für etwas Talent hat, ist schön. Es ist der Funke, der die Flamme entfacht. Mehr aber auch nicht. Um das Feuer am Laufen zu halten, braucht es etwas anderes. Dafür ist Wille nötig.
Auch wenn Kinder etwas anderes sagen, sie wissen ziemlich genau selbst, ob sie ein Gefühl für eine Sportart haben oder nicht. Nur ist es so, dass ihnen oft alles Mögliche eingeredet wird, bevor sie es sich wirklich eingestehen können. Bei jeder Heimfahrt, bei jedem Training, bei jedem Spiel oder Turnier. Die vielen Stimmen von außen überlagern irgendwann die Stimme von innen.
Es mag sein, dass am Ende der Entwicklung oder im Leistungssport wieder die kleinen Fünkchen den Unterschied machen. Doch dahin kommt nur, wer es geschafft hat. Am Ende des Tages geht es im Leistungssport nicht darum, ob man mehr Talent hat als der Gegner. Es geht darum, ob man gewinnt.
Genau da gibt es den Unterschied. Ob man gewinnen will, oder ob man wirklich gewinnen will.
Der Wille allein
Gewinnen wollte ich schon. Irgendwie. Aber im Tischtennis gab ich nie mein Bestes. Und damit meine ich: Ich wollte nie wirklich gewinnen, ich gab nie wirklich mein Bestes. Denn dazu hätte ich mir eingestehen müssen, dass ich eigentlich kein Talent habe.
Schlimmer war noch, dass ich nichts Besonderes mehr war, als ich merkte, dass Talent allein nicht reichte. Neben mir waren so, so viele andere Kinder besser als ich. Mitunter auch viele, die mehr Talent hatten, klar. Aber ich wurde vor allem von denen geschlagen, die fleißiger waren als ich.
Wäre ich auch fleißig gewesen oder hätte mir zumindest nicht eingebildet, allein mit Talent alles lösen zu können, dann wäre ich niemals so empfindlich getroffen gewesen nach dem Finale der Jugend-Bezirksmeisterschaften. Ich hätte mich gefreut, dass ich noch Arbeit vor mir habe. Denn an sich selbst arbeiten zu können, heißt doch nur, dass man noch die Chance hat, sich weiter zu verbessern.
Vielleicht hätte ich als Kind nicht so oft zu hören bekommen sollen, dass ich eine gewisse Begabung mitbringe. Aber das wäre zu leicht gedacht. Zumal der fremde Trainer ja die Finger in meine Wunde gelegt hat.
Wenn ich mit mir selbst sprechen könnte, mit dem damaligen Kind, dann hätte ich vermutlich etwas ähnliches gesagt. Es war genau das, was ich hatte hören müssen zu der Zeit. Und wenn ich damals wirklich Tischtennis gewollt hätte, dann hätte ich es auch verstanden.
Wer bis hierhin gelesen hat – vielen Dank! Seht ihr es ähnlich wie ich? Oder seid ihr anderer Meinung? Eure Eindrücke dazu interessieren mich. Es würde mich freuen, davon in den Kommentaren zu lesen!
6 Kommentare
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