Stephans Blog: Ist die 1. Damen-Bundesliga überflüssig?
Über das nahende Ende der 1. Damen-Bundeliga wurde schon häufig gemunkelt. Da hilft es nicht, dass auch der TSV Langstadt zurückgezogen hat. Dr. Stephan Roscher überlegt in seinem Blog, wie die nahe Zukunft der Liga aussieht.

Nach dem kleinen historischen Abriss in der Vorwoche wenden wir uns nun dem aktuellen Stand im Juni 2026 samt Ausblick und Perspektiven zu. Wo also stehen wir aktuell? Allen düsteren Prognosen und den leidenschaftlichen Schwarzsehern zum Trotz, die in manchen Foren den lieben langen Tag herunterbeten, wie uninteressant doch die Liga sei, um zugleich wertvolle Stunden ihrer kostbaren Lebenszeit damit zu vergeuden, sich über jene "überflüssige" Spielklasse die Finger wund zu schreiben, darf man festellen: Die 1. Bundesliga Damen lebt, ja sie ist sogar quicklebendig und pulsiert. Und begeistert die Fans mehr denn je. Zwei restlos ausverkaufte Endspiele wie am vorletzten Freitag und Sonntag - man hätte die Hallen in Dachau und Berlin doppelt füllen können, so groß war die Nachfrage - hatten wir lange nicht mehr und eine TV-Präsenz in ARD und BR schon gar nicht.
Es ist aber auch zu konstatieren, dass ein Zuschauerschnitt von etwas über 200 Fans pro Partie - die Play-offs mitgerechnet, in der Punktrunde waren es im Mittel 185 - eindeutig zu wenig ist im Verhältnis zu den exorbitanten Leistungen, die den Zuschauern bei relativ moderaten Eintrittsgeldern geboten werden.
Mehr Zuschauer erwünscht, Attraktivität steigern
Da müssen die Vereine noch kreativer werden und neue Strategien entwerfen, um für dieses tolle "Produkt" zu werben. Doch auch hier sollte man nicht vorwurfsvoll agieren, sondern zur Kenntnis nehmen, dass die Vereinsverantwortlichen durchgehend das Problem erkannt haben und sich längst eifrig Gedanken machen, wie mehr Besucher in die Hallen gelockt werden können. Zum Beispiel durch besonders kreative, familienfreundliche Aktionen rund um die Spiele oder Einladungen an Promis aus anderen Sportarten, dem TV oder der Musikbranche.
Es gibt vielfältige Mittel und Wege, diese attraktive Liga noch attraktiver zu präsentieren. Es wird sich in naher Zukunft in dieser Hinsicht gewiss einiges tun, auch wenn man dann vielleicht einmal die angestammte Sporthalle mit allzu kleiner Kapazität für eine, zwei oder drei Partien verlassen muss. Zur externen Ausrichtung vergebene Spiele, etwa an Vereine in Regionen, in denen die in jedem Dorf reichlich vorhandenen Tischtennisspieler und -fans normal kein Toptischtennis zu sehen bekommen, sind ein Weg, der in der Vergangenheit immer gute Zuschauerzahlen brachte, jedoch zu selten beschritten wurde.
Interessant ist auch die Kopplung an besondere Partien in der TTBL oder der 2. Herren-Bundesliga in Form gemeinsamer Großevents. Ein Weg, den der ttc berlin eastside bereits gegangen ist, der am 18. Januar im Berliner Sportforum in Kooperation mit Herren-Rekordmeister Borussia Düsseldorf je ein Bundesligaspiel des Damenteams als auch eine attraktive TTBL-Partie präsentierte. Auf diesem Weg sahen immerhin 1.600 Menschen das Spiel gegen den ESV Weil, auch wenn jenes überaus einseitig verlief, zumal der Gegner verletzungs- und krankheitsbedingt arg geschwächt an die Tische gehen musste. Wiederholungen sind aber wünschenswert und bereits in Arbeit, möglichst dann Duelle von Topmannschaften, bei denen es um viel geht, damit die Besucher auch einen Eindruck davon erhalten, wie spannend es in der 1. Bundesliga Damen tatsächlich zugehen kann.
Immer mehr Tischtennisbegeisterte nehmen inzwischen zur Kenntnis, auf welchem Topniveau in der deutschen Damen-Bundesliga gespielt wird, die viele - obwohl in Frankreich massiv öffentliche Gelder für die Vereine fließen - für die beste Liga Europas halten. Zu Recht, wie ich meine. Weltklassespielerinnen und hoch ambitionierte deutsche und europäische Ausnahme-Talente geben sich im Oberhaus förmlich die Klinke in die Hand. Die Zeiten sind vorbei, in denen lokale männliche Bezirksklassen-Cracks immer wieder von sich gegeben haben: "Das ist doch uninteressant, gegen mich hätten die sowieso keine Chance!". Keine zwei Gnadenpunkte, inklusive obligatorischem Fehlaufschlag der höflichen Dame, würden jene gegen durchschnittliche Bundesligaspielerinnen machen, und das wissen sie auch oder ahnen es zumindest, allen markigen Tönen zum Trotz.
Zunehmendes Interesse ambitionierter Vereine am Damen-Oberhaus
Ich möchte nicht verschweigen, dass die Stimmungslage im Januar tatsächlich zunächst düster war, als der TSV Langstadt, sieben Jahre einer der Musterklubs der 1. Bundesliga mit vorbildlichem Management, seinen Rückzug aus dem Leistungstischtennis zum Saisonende verkündete. Der Frust war bei den sechs übriggebliebenen Vereinen - zwei Jahre hatte kein Zweitligameister von seinem Aufstiegsrecht Gebrauch gemacht - indes bereits nach wenigen Tagen verflogen, als klar wurde, dass es gleich mehrere Bewerber für die Übernahme des Langstädter Platzes im Oberhaus gab. Von diesen konnte natürlich nur einer den Zuschlag erhalten, nämlich die bis dahin mehr im Herrenbereich hervorgetretene TG Langenselbold, keine 40 Kilometer von Langstadt entfernt.
Noch größer wurde die Zuversicht, als man registrierte, dass sich der TuS Fürstenfeldbruck und der MTV Engelbostel-Schulenburg im Unterhaus in einem packenden Duell um den Aufstiegsplatz befanden, das die Bayern am Ende knapp zu ihren Gunsten entscheiden konnten. Man hätte, wenn das Reglement dies ermöglichen würde, in der Saison 2026/27 sogar mit gut und gerne zehn Teams an den Start gehen können, da es weitere interessierte Zweitligisten gibt.
Und so muss das auch sein, dass ein starke, attraktive Spitzen-Liga die Bewerber anzieht. Der Zustand in den letzten beiden Jahren war nicht gut und keine schöne Visitenkarte, ist zum Glück aber überwunden. Zumal das Zaudern einiger Interessenten in den Vorjahren ein wenig verwunderlich war. Die 1. Bundesliga Damen ist im Gegensatz zur TTBL keine Lizenzliga und die Hürden für eine Teilnahme sind nicht annähernd so hoch. Selbst wenn man etatmäßig keine riesigen Sprünge hätte machen können, wäre es doch eine tolle Gelegenheit gewesen, jungen, ambitionierten deutschen Toptalenten eine Chance ganz oben zu gewähren.
Die aktuellen Liganeulinge - beide unter anderem mit zwei vormaligen Langstädterinnen bestückt - werden im Übrigen gut besetzt in die neue Saison gehen und könnten zu einer Bereicherung der Liga werden.
Acht hochmotivierte Teams werden 2026/27 um Titel und Erfolge kämpfen
Neben Berlin mit seinem Starensemble werden wieder Dachau mit der aktuellen Weltranglisten-Neunten Sabine Winter und Defensiv-Ass Seoyoung Byun dabei sein, ebenso der vorzüglich verstärkte TTC 46 Weinheim, dem sich unter anderem die Top-Thailänderin Orawan Paranang, mit Abstand beste Spielerin des TSV Langstadt, angeschlossen hat. Und natürlich der SV DJK Kolbermoor mit seinem charismatischen Jungstar Annett Kaufmann. Die TTG Bingen-Münster/Sarmsheim und der ESV Weil werden versuchen, Anschluss zu halten. Die TG Langenselbold wird uns mit der Weltklasse-US-Amerikanerin Sally Moyland sowie der indischen Materialstrategin Ayhika Mukherjee, die schon die chinesische Weltranglistenerste Sun Yingsha geschlagen hat, neue Gesichter präsentieren. Und der TuS Fürstenfeldbruck wird mit der aus Kolbermoor gekommenen Taiwanerin Huang Yu-Chiao, der Inderin Yashaswini Deepak Ghorpade sowie Franziska Schreiner und Chantal Mantz ebenfalls einen interessanten Kader ins Rennen schicken.
Tischtennis blüht als Teamsport erst richtig auf
Das ist doch etwas und verspricht Klassesport, Niveau und Spannung. Die Berliner Dominanz ist bei diesen hochkarätigen Konkurrenten keineswegs in Stein gemeißelt. Eine hoch interessante Saison steht in wenigen Monaten bevor. Für mich als großen Fan des Mannschaftstischtennis ist es da geradezu Pflicht, so viele Damen-Bundesligaspiele wie nie zuvor zu besuchen. Ich bevorzuge den Mannschaftssport eindeutig gegenüber dem Einzelsport und würde im Zweifel einem Bundesligaspiel zweier in etwa gleichwertiger Teams bei vergleichbarer Entfernung immer den Vorzug geben vor einem internationalen Turnier - selbst wenn dort zahlreiche Weltklassespieler am Start sind.
Mannschaftssport Tischtennis: Für mich eine ungeheure Faszination. So oft habe ich in den letzten Jahren gerade in den Damen-Bundesspielklassen Duelle live miterlebt, die an Spannung und Dramaturgie kaum zu übertreffen waren. Eben weil - und das ist für mich der springende Punkt -, die Spielerinnen gerade im Mannschaftskampf oft über sich hinauswachsen und alles investieren, was überhaupt menschenmöglich ist. Nicht zuletzt für ihre Teamkolleginnen und die teilweise begeistert mitgehenden Fans. Und in solchen Fällen ist das Team, ein echtes Team, eben ungleich stärker als die Summe der einzelnen Spielerinnen und auch nicht mehr nach TTR-Punkten oder vormaligen Erfolgen zu bemessen. Dutzende Male in den letzten Jahren so erlebt.
Meine Vorfreude auf die Saison 2026/27, insbesondere auf die 1. Bundesliga Damen, ist bereits jetzt gigantisch.
Der Autor:
Dr. Stephan Roscher, "gelernter" Historiker, freier Fotojournalist mit Schwerpunkt Tischtennis. Einst selbst begeisterter Mannschaftssspieler, der es mit Feuereifer, aber wenig Talent bis zur Landesliga geschafft hat. Freiberufliche Tätigkeit für einige Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet zum Thema Tischtennis, ferner zuständig für die Berichterstattung zur 1. Bundesliga Damen für die Vereine und den DTTB.
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