Blog: Darf sich Berlin Rekordmeister nennen?
Der ttc berlin eastside ist das dominierende deutsche Damen-Team unserer Zeit. Doch ist es historisch korrekt, wenn sich die frisch gebackenen deutschen Meisterinnen als Rekordchampion bezeichnen? Dem geht Dr. Stephan Roscher in seinem Blog ein.

Die Titelentscheidung im Mannschaftstischtennis der Damen liegt nun gerade zwei Tage zurück. Der neue Meister ist, nicht wenig überraschend, der "FC Bayern des Damen-Tischtennis", der seit 2014 nur zweimal der Konkurrenz den Vortritt lassen musste, ansonsten aber Garant für Titel in Serie ist.
Rekordmeister?
Doch ist der ttc berlin eastside tatsächlich deutscher Rekordmeister? An dieser Frage, zunächst eigentlich in erster Linie für die Statistik-Fans von Interesse - der Verfasser dieser Zeilen zählt sich selber zumindest ein wenig zu jener Kategorie - scheiden sich die Geister. Allgemein wird der DSC Kaiserberg unter dem Label Rekordmeister geführt - die Duisburgerinnen um die viel zu früh verstorbene Ursula Hirschmüller konnten sich zwischen 1962 und 1988 in der Bundesrepublik 18 Mal in die Siegerliste eintragen. Das waren grandiose Erfolge, die dem Verein aus NRW völlig zu Recht einen festen Platz in den Tischtennis-Geschichtsbüchern sichern.
Der ttc berlin eastside wird seit Sonntag als elfmaliger nationaler Titelträger geführt, übrigens vor dem TTC Langweid, der bis 2007 achtmal erfolgreich war, sowie dem FSV Kroppach und Eintracht Frankfurt mit je sieben Meisterschaften - Kroppach zwischen 2002 und 2013, Frankfurt dagegen ein halbes Jahrhundert früher, nämlich zwischen 1948 bis 1959. Auf Platz sechs folgt die Sportvereinigung Steinhagen, die sich in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren unter ihrem umtriebigen Manager Rüdiger Lamm, später Fußballmanager, sechs Titel am Stück sicherte und zugleich noch zweimal den Europapokal ins Westfälische holte. Nicole Struse als herausragende Steinhagener Spielerin dieser Ära dürfte noch jedem bekannt sein.
In der Hauptstadt sieht man sich selbst als Rekordmeister - und das hat einen plausiblen Grund. Man beruft sich nämlich auf eine Auskunft des DTTB, wonach auch die Erfolge in der DDR in die Statistik mit einflössen. Eigentlich auch völlig logisch, wenn die Meriten in der "alten" Bundesrepublik berücksichtigt werden, kann man die im anderen Teil Deutschlands erspielten Titel nicht elegant ausblenden, auch wenn das Niveau im Westen gewiss etwas höher war, selbst wenn im Osten einige Europapokalsiege verbucht werden konnten.
Berlin mit drei Vorgängerklubs
Ja, und in der DDR war der heutige ttc berlin eastside mit drei Vorgängerklubs vertreten. Zunächst dem 1955 im Stadtteil Prenzlauer Berg ins Leben gerufenen SC Einheit Berlin, der zwischen 1956 und 1958 drei DDR-Meisterschaften verbuchte. Im Februar 1963 schloss sich der SC Einheit mit den Klubs SC Rotation Berlin und TSC Oberschöneweide zum neuen Verein TSC Berlin zusammen, der sich zwischen 1964 und 1967 viermal in Folge die DDR-Meisterschaft sicherte. 1967 schließlich wurde die Tischtennisabteilung des TSC in die BSG Außenhandel Berlin ausgegliedert. Unter diesem Namen wurde das Damenteam zwischen 1968 und 1981 stolze 13 Mal DDR-Champion - und, ganz "nebenbei", in den Jahren 1968 und 1969 noch Europapokalsieger der Landesmeister. Einigen wird vielleicht der Name der langjährigen Spitzenspielerin Gabriele Geißler bekannt sein, die passionierte Schachspielerin, am Tisch natürlich Defensivstrategin, stand 1969 in München sogar im WM-Finale. Auch die BSG-Herren sammelten übrigens in dieser Ära mit insgesamt zwölf nationalen Meisterschaften fleißig Titel und Erfolge.
Nach der Wiedervereinigung löste sich der Verein auf und die Aktiven schlossen sich wieder dem TSC Berlin (ab 1992 Berliner TSC) an. 1999 endete für die Berliner Tischtennissportler die TSC-Ära, man wurde unter dem Namen des Hauptsponsors als 3B Berlin, dem unmittelbaren Vorgänger des ttc eastside bis 2010, selbstständig. Auch dort wurde von Anfang an Damen-Tischtennis auf hohem Niveau gespielt. Allerdings konnte 3B damals unter seinem legendären, 2007 verstorbenen Manager Rainer Lotsch keinen Meistertitel verbuchen, sondern "nur" drei ETTU-Cup-Siege in den Jahren 2002, 2004, 2007.
Gigantische Berliner Erfolgsbilanz
Die drei eastside-Vorgängerklubs in der DDR kamen also zusammen auf 20 Mannschaftsmeistertitel. So gerechnet, stünde der ttc berlin eastside mit seinem Erfolg gegen Dachau nunmehr bei sagenhaften 31 nationalen Meistertiteln und wäre damit einsamer deutscher Rekordchampion.
Nur am Rande erwähnt seien elf deutsche Pokalmeisterschaften des Hauptstadtklubs seit 2014, der letzte im Januar 2026 in Kolbermoor, sowie sechs Titelerfolge in Europas Königsklasse, der letzte glückte vor einem Jahr in Metz. Viermal schaffte man bisher das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League, mit deren aktuellem und künftigem Modus man sich nicht einverstanden erklärt. Man wird sehen, ob und wie es mit den Berlinerinnen auf internationaler Bühne weitergeht.
Diese Zeilen betrachte ich nicht als Erbsenzählerei, sondern einen hoffentlich interessanten Exkurs in die leider viel zu wenig beachtete Tischtennis-Geschichte.
Der Autor:
Dr. Stephan Roscher, "gelernter" Historiker, freier Fotojournalist mit Schwerpunkt Tischtennis. Einst selbst begeisterter Mannschaftssspieler, der es mit Feuereifer, aber wenig Talent bis zur Landesliga geschafft hat. Freiberufliche Tätigkeit für einige Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet zum Thema Tischtennis, ferner zuständig für die Berichterstattung zur 1. Bundesliga Damen für die Vereine und den DTTB.
1 Kommentar
Um einen Kommentar abzugeben, musst du mit deinem myTischtennis.de-Account eingeloggt sein.


