Itagakis Aufstieg: Kann sie es Kaufmann nachmachen?

    EM-Gold, ungeschlagen zum Europe-Youth-Top-10-Titel und die jüngste deutsche Meisterin aller Zeiten: Koharu Itagaki spricht über ihren steilen Aufstieg, ihre Familie und ihre Ziele für die Zukunft. Ein Porträt.

    Gute Laune bei Koharu Itagaki (l.) neben ihrer Bundestrainerin Jie Schöpp bei der EM in Tschechien. (© ETTU)

    Der 16. Juni 2024 sollte nicht nur für Koharu Itagaki, sondern für ganz Tischtennis-Deutschland zu einem historischen Tag werden. Im Alter von gerade einmal 14 Jahren und 141 Tagen sicherte sich die DTTB-Nachwuchsakteurin in Erfurt an der Seite von Daniel Rinderer den Mixed-Titel und löste damit die bisherige DM-Rekordhalterin Nicole Struse ab. Eineinhalb Jahre später hat sich die Titelsammlung der Bad Königshofenerin noch einmal bedeutend vergrößert.

    Angstgegnerin passé – emotionaler Jubel nach EM-Gold

    Im dritten Anlauf krönte sich die inzwischen 15-jährige Jugendspielerin, die im Januar ihren 16. Geburtstag feiert, im Juli 2025 erstmals zur Einzel-Europameisterin der Mädchen 15. Beim Turnier in Ostrava war die Bayerin mit insgesamt vier Medaillen die erfolgreichste Athletin. Ein Kunststück, das zuvor nur Timo Boll (1997) und Annett Kaufmann (2021) gelungen war. Das kontinentale i-Tüpfelchen folgte im Oktober: In Tours gewann Itagaki das prestigeträchtige Europe Youth Top 10 ohne eine einzige Niederlage und ließ erneut ihre tschechische Dauerrivalin Hanka Kodet hinter sich.

    „Ich bin sehr stolz auf die ganze Arbeit, die es gebraucht hat, um das alles zu erreichen“, freut sich Itagaki über ihre konstanten Erfolge. Unvergessen bleibt der besondere Jubel: Das gesamte DTTB-Jugendteam stand Spalier, inklusive La-Ola-Welle, und umringte die neue Europameisterin Arm in Arm mit lauten „So sehen Sieger aus“-Gesängen (zum Video). Ein emotionaler Moment, der im Sommer selbst ihre erfahrene Bundestrainerin Jie Schöpp sichtlich bewegte. „Ich habe in meiner Trainerlaufbahn schon viel erlebt. Aber das war einfach großartig, nur schwer zu beschreiben und hat mir sehr viel bedeutet. Sie hat einfach immer daran geglaubt.“

    Mental und taktisch gereift – stabiles, familiäres Umfeld als Erfolgsfaktor

    Die gebürtige Chinesin schwärmt von der taktischen Finesse, Konsequenz, dem Mut und Risiko sowie der Nervenstärke ihres Schützlings am Tisch. All das zeichne Itagaki aus. „Sie weiß genau, was sie umsetzen muss, und hat sich vor allem im Kopf noch mal gesteigert.“ Beide verbindet seit 2021 ein enges Vertrauensverhältnis. Rückhalt findet die Rechtshänderin aber vom ersten Tag ihrer noch jungen Laufbahn vor allem in ihrem engsten Umfeld.

    Denn Itagaki stammt aus einer echten Tischtennisfamilie. 2016 zogen die Itagakis aus Japan nach Deutschland. Vater Koji ist bis heute als Bundesliga-Cheftrainer beim Heimatverein TSV Bad Königshofen tätig und begleitet seine Tochter seit ihren ersten Schlägen. Auch ihre Brüder Akito (DJK SpVgg Effeltrich/3. Bundesliga) und Kazuto (TSV Bad Königshofen II/Regionalliga) sind aktiv. „Meine Verbindung zu ihnen ist sehr eng, weil ich ja auch in Bad Königshofen wohne und zur Schule gehe. Sie geben mir sehr viel Unterstützung und sind immer für mich da – privat und im Tischtennis. Das motiviert mich“, so die Zehntklässlerin des hiesigen Gymnasiums.

    Aus der unterfränkischen Heimat in die Bundesliga

    Gemeinsam mit ihrer Mutter Shinobu schaffte Itgaki in der Saison 2021/22 mit dem TSV 1860 Bad Rodach die Meisterschaft in der Oberliga Bayern und den damit verbundenen Aufstieg in die Regionalliga. Zur Spielzeit 2022/23 schloss sie sich dem SV SCHOTT Jena an und gab dort bereits mit 13 Jahren ihr Bundesliga-Debüt – am 24. September 2023 gegen den TTC 1946 Weinheim.

    Nachdem sich der Ostklub aus der höchsten Spielklasse zurückgezogen hatte, wechselte Itagaki im Frühjahr 2024 zum TSV Dachau, wo sie ihre Entwicklung im nationalen Oberhaus der Damen fortsetzt, mit guten Bilanzen glänzt und weiter wichtige Erfahrungen sammelt. „Ich kann von meinen Teamkollegen wie beispielsweise Sabine Winter sehr viel lernen und meine Spielweise mit diesem Wissen noch verbessern.“ Ihr Stil: ruhig, überlegt, technisch präzise, fokussiert und zielstrebig. „Ich habe an meiner gesamten Spielweise gearbeitet und spiele vor allem mit der Vorhand noch ein bisschen aggressiver als zuvor“, sagt Itagaki.

    Training in der Heimat – Spagat zwischen Schule und internationalem Erfolg

    Vier Trainingseinheiten à drei Stunden pro Woche, dazu Punktspiele und internationale Turniere – ein Pensum, das sich nur schwer mit der Schule vereinbaren lässt. „Das ist manchmal stressig“, gibt der Teenager zu. „Aber meine Lehrer sind verständnisvoll und meine Freunde helfen mir, wenn ich etwas nachholen muss.“ Beim Shoppen oder bei lockeren Gesprächen mit ihren Freundinnen findet sie in der Freizeit den nötigen Ausgleich zum Wettkampfalltag als Profi.

    Ab dem 1. Januar steigt Itagaki dann in die Altersklasse der U19-Mädchen auf – der nächste Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Spitze? „Ich erwarte noch nicht so viel vom ersten Jahr“, gibt sich die 15-Jährige bescheiden. Und auch Schöpp warnt mit Blick auf den schwierigen Übergang und mahnt zur Geduld: „Das wird ein neuer Abschnitt – mehr Tempo, mehr Qualität und Timing, was man oft unterschätzt. Aber ich traue ihr zu, sich schnell anzupassen. Sie hat die Fähigkeiten, aber sie weiß auch, dass noch Arbeit vor ihr liegt.“ Neben Schöpp und ihrem Vater gehört auch der Japaner Yoshihiro Hiraoka aus dem heimischen Shakehands-Center Bad Königshofen zu den Trainern, die sie bisher am meisten geprägt haben.

    Nach der Jugend-WM in die U19-Altersklasse

    Langfristig träumt die junge Bayerin von der Damen-Nationalmannschaft. Ein Ziel, das auch Schöpp dem Ausnahmetalent zutraut. „Irgendwann bei den Olympischen Spielen zu spielen, war schon immer mein Traum. Ich hoffe, dass ich ihn verwirklichen kann. Meine größte Inspiration ist Sun Yingsha – ich mag ihre Spielweise sehr.“ Das nächste wichtige Event für die Viertplatzierte der U15-Weltrangliste der Mädchen und die derzeitige Nummer 237 der Erwachsenen wird die Jugend-WM Ende November im rumänischen Cluj-Napoca sein. Dort möchte sie ihren bisher größten Erfolg – Doppelbronze und Platz drei im Team – noch überbieten. Das Selbstvertrauen ist groß.

    Itagaki konnte zuletzt die gleichaltrige Josephina Neumann mit starken Ergebnissen fürs Erste in den Schatten stellen. Beide sorgten gemeinsam schon des Öfteren für Schlagzeilen – ihr größter Coup im nationalen Erwachsenensport ist wohl den meisten noch im Gedächtnis: der Finaleinzug im Damen-Doppel bei den deutschen Meisterschaften 2023 in Nürnberg nach dem gewonnenen Halbfinale gegen die damaligen Titelverteidigerinnen Chantal Mantz und Yuan Wan.

    Gut möglich, dass die 15-Jährige aktuell die größte deutsche Tischtennis-Nachwuchshoffnung überhaupt ist. Das Beispiel von Annett Kaufmann zeigt, was im Damen-Bereich in Zukunft möglich sein kann – und vielleicht schreibt auch Koharu Itagaki schon bald das nächste Kapitel ihrer ganz eigenen Erfolgsgeschichte.

    Zum Beitrag des Bayerischen Rundfunks: Deutsche Tischtennis-Hoffnung aus Unterfranken, zur TTR-Historie und zum Instagram-Profil von Koharu Itagaki.

    4 Kommentare

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