Mit Bestmarke in die TTBL: Der Aufbruch von Spätstarter Tom Jarvis

    In der Weltrangliste steht Tom Jarvis so gut da wie nie zuvor. Warum es in der Karriere des Engländers zuletzt steil bergauf ging – und der Wechsel zum ASC Grünwettersbach ein logischer Schritt ist.

    Tom Jarvis beim WTT Feeder in Düsseldorf. (© WTT)

    Tom Jarvis schiebt das Tablett zur Seite, wischt sich mit der Serviette über den Mund und lehnt sich einen Moment zurück. Gerade hat er in der Kantine des Deutschen Tischtennis-Zentrums zu Mittag gegessen, der nächste Termin mit vollem Bauch wartet schon: Es geht zur Physiotherapie. Der 26-Jährige ist gesättigt und grinst, als er über den 1. FC Köln spricht – seinen aktuellen Klub in der zweiten Liga, noch. „Mein Ziel ist die TTBL“, sagt er selbstbewusst. Zu diesem Zeitpunkt ist der Transfer zum ASC Grünwettersbach kurz vor Ende der Winter-Wechselfrist noch nicht offiziell – aber intern wohl schon beschlossene Sache.

    Eine halbe Stunde zuvor hatte Jarvis beim WTT Feeder Düsseldorf sein Viertelfinale gegen den Schweden Elias Ranefur gedreht und mit 3:1 gewonnen. Im Halbfinale am Abend rang der Engländer DTTB-Talent Wim Verdonschot nieder und zog zum zweiten Mal nach 2022 in ein Endspiel auf der internationalen Tour ein. Zwar blieb ihm gegen den Franzosen Joe Seyfried erneut der Titel verwehrt – doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis Jarvis das Siegerpodest erklimmt.

    Denn der Brite ist angekommen – im Welttischtennis, im eigenen Selbstverständnis und ab Januar auch in einer der besten Ligen Europas. Erst am Dienstag erreichte der 1,88-Meter-Hüne mit Position 61 sein bisheriges Karrierehoch in der Weltrangliste, befindet sich aktuell im vielleicht entscheidendsten Kapitel seiner Laufbahn. Und die Kurve zeigt weiter nach oben. „Ich bin in sehr guter Form und habe viel Selbstvertrauen“, sagt er. Man glaubt es ihm sofort.

    Der Wendepunkt – spät, aber konsequent

    Doch gab eine Phase, in der Jarvis selbst spürte: So geht es nicht weiter. Zu viele Leistungsschwankungen, stagnierende Ergebnisse, zu wenig Konstanz, keine echten Fortschritte. Negativfaktoren, die dem einstigen Talent sichtlich zu schaffen machten. Vor rund eineinhalb Jahren zog er deshalb Konsequenzen, es kam zu einem markanten Einschnitt: raus aus der bequemen Komfortzone, rein in den Profi-Alltag.

    „Tom hat es verstanden und das spiegelt sich in seinen Leistungen wider“, sagt sein Trainer Jörg Bitzigeio. „Manche Dinge hätte er vielleicht schon mit 19 oder 20 ändern sollen. Es ist nicht zu spät – aber die Zeit rennt. Denn er ist kein junger hoffnungsvoller Spieler mehr, aber er lebt jetzt deutlich professioneller“, ergänzt der frühere Damen-Bundestrainer.

    Was dieser Wandel bedeutet? Regelmäßigere Trainingsblöcke, mehr Einheiten auf höchstem Niveau. Früher pendelte Jarvis aus England nur sporadisch nach Deutschland, lebt noch immer in der Heimat Sheffield. Mittlerweile trainiert er jedoch zu 90 Prozent unter den hiesigen Top-Bedingungen und hat seinen Schwerpunkt ins DTTZ nach Düsseldorf verlegt.

    In Grenzau leitete Bitzigeio bei seinem Schützling im Oktober 2024 einst den Feinschliff ein – physisch wie mental. Der Profi-Trainer weiß, wie man Spieler aus der Versenkung wieder nach vorne bringt, bestes Beispiel: Kanak Jha, der mit 14 Jahren die USA verließ und nach seiner Dopingsperre 2023 wieder zurück zu alter Stärke fand. „Diese Trainingsphase hat mir sehr geholfen. Wir haben viel an meiner Konstanz und an meiner Stabilität im Spiel gearbeitet“, so Jarvis.

    Bitzigeio, 2020 erstmals an Jarvis‘ Seite, sieht seitdem deutliche Fortschritte: „Tom hat die Dinge angenommen, die nötig sind. Es geht nur über harte Arbeit. Je besser man werden will, desto anstrengender wird es. Die letzten Erfolge sind nicht selbstverständlich. Tom kann sich weiter verbessern, aber die Luft wird dünner und er muss den Weg weitergehen. Denn eine Garantie gibt es nie.“

    Entscheidend für den Aufschwung ist auch sein Trainer Jörg Bitzigeio. (© WTT)

    Die Bestätigung auf der Weltbühne - Liam Pitchford als Englands Nummer eins überholt

    Dass die Richtung stimmt, zeigte Jarvis im Mai bei der Individual-WM in Doha. Sein Sieg über Dang Qiu in Runde zwei (4:3 nach 3:0), damals noch als 139 der Welt, war ein Paukenschlag. Es folgte das Achtelfinale gegen Liang Jingkun, in dem er dem Top-Chinesen trotz der 2:4-Niederlage eine Menge abverlangte.

    „Ich hoffe, dass solche Duelle bald Normalität werden“, sagte Jarvis damals, der gegen den DTTB-Mann nach eigener Aussage zuvor „die besten drei Sätze“ seines Lebens spielte. Worte wie diese klingen weder übermütig noch naiv. Eher nach einem fleißigen Arbeiter, der gelernt hat, worauf es ankommt. „Er lebt viel professioneller und erntet nun die Früchte“, weiß auch Bitzigeio.

    Seit November ist der Rechtshänder zudem Englands Nummer eins – vor Liam Pitchford, dem langjährigen Aushängeschild des britischen Tischtennis. „Das bedeutet mir sehr viel. Dieses Ziel hatte ich immer. Und es gibt mir ein noch besseres Gefühl für meinen Weg.“ Für das englische Team möchte Jarvis nun zur Säule und Führungskraft werden, neben WTT-, EM- und WM-Turnieren auch bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles wieder angreifen.

    Ab Januar schlägt Jarvis, hier neben Manager Martin Werner, für den ASC Grünwettersbach in der TTBL auf. (© Verein)

    Nächste Etappe Grünwettersbach: TTBL-Traum geht in Erfüllung

    Und auch national erfolgte nun der nächste Step. Nach Stationen in Passau, Mainz und Köln nimmt Jarvis, der am Dienstag seinen 26. Geburtstag feierte, Anlauf für den nächsten Karrieresprung. Zur Rückrunde verstärkt er den ASC Grünwettersbach – und bleibt mindestens eine weitere Saison beim langjährigen Bundesligisten aus Karlsruhe, der Jarvis‘ Entwicklung schon über zwei Jahre beobachtete.

    „In der TTBL zu spielen, war viele Jahre lang eines meiner Ziele. Deshalb bin ich sehr froh, nun endlich die Chance zu bekommen und mich dieser neuen Herausforderung stellen zu können. Ich habe viele Spiele des ASC gesehen, und die Atmosphäre sowie die Unterstützung der Fans wirken großartig. Ich kann es kaum erwarten, dort zu spielen und hoffentlich einige Siege vor all den Fans zu holen“, freut sich Jarvis.

    Sein neuer Coach Kilian Ort schätzt die Flexibilität des Rechtshänders: Der Neuzugang könne überall spielen – und sei schwer auszurechnen. „Auch wenn der Schritt von der zweiten Bundesliga in die TTBL nicht immer einfach ist, traue ich ihm zu, sich im Oberhaus schnell zu akklimatisieren.“ Mit dem FC klopfte er zuletzt oben an, die Bilanz der Nummer eins ist solide (12:4).

    Dank an seinen Trainer

    Der rückhandstarke Jarvis, 2022 erstmals englischer Meister, ist kein Wunderkind, das mit 18 nach oben durchmarschiert. Energie, Leidenschaft und Kampfgeist gelten als seine großen Stärken am Tisch. Beim baldigen Erstligaspieler hat es rechtzeitig Klick gemacht, auch dank seines Trainers. „Jörg hilft mir sehr viel, hat mein Spiel entscheidend mit verändert. Wir probieren Dinge aus und arbeiten viel“, lobt Jarvis die Zusammenarbeit.

    Die Geschichte des Engländers ist längst nicht auserzählt. Im Gegenteil: Sie beginnt gerade erst richtig spannend zu werden.

    Im Magazin „tischtennis“ wurde Tom Jarvis im Januar zum Spieler des Monats gekürt. Darin spricht der STIGA-Vertragsspieler unter anderem über seinen Umzug mit 16 Jahren nach Schweden und seine Zeit mit Topstar Truls Möregårdh. Hier geht's zum E-Paper.

    Zum WTT-Profil, zur TTR-Historie und zum Instagram-Profil von Tom Jarvis.

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