Herzenssache: Endet Dudas Bergneustadt-Kapitel?

    Benedikt Duda ist in den Top 10 der Welt angekommen, spielt aber noch immer in seinem Heimatverein Bergneustadt, wo die ganze Familie mithilft. Dieses Kapitel könnte bald enden.

    Benedikt Duda (l.) wird in Bergneustadt von seinem Bruder Frederik gecoacht (©Kubeile)

    Wenn beim TTC Schwalbe Bergneustadt ein Heimspiel ansteht, begegnet man in der städtischen Burstenhalle vielen Mitgliedern der Familie Duda. Angefangen bei Benedikts Bruder Frederik und Vater Heinz, die als Trainer und Manager die Mannschaft führen, über Mutter, Onkel, Tanten, Cousinen und Schwägerin, die sich um Auf- und Abbau, Technik, Liveticker, Social Media, Webseite und Verpflegung kümmern, bis hin zu Benedikt Duda selbst, der als Nummer zehn der Welt noch immer für seinen Heimatverein am Tisch steht. „Ich weiß den Rückhalt meiner Familie sehr zu schätzen. Die haben auch nicht immer Lust, am Wochenende früh aufzustehen und bis spät abends abzubauen, nur um mich Tischtennis spielen zu lassen“, dankt ihnen der 31-Jährige. „Das ist eine große Herzenssache für mich und mir ist es sehr wichtig, was zurückzugeben.“ So ist seine engagierte Familie sicherlich ein Grund dafür, warum der inzwischen zu einem der besten Spieler der Welt gereifte Duda als Eigengewächs seinem Heimatverein treu geblieben ist. Die Frage ist jedoch, wie lange noch. In Kürze stehen die nächsten Vertragsverhandlungen an - und für die Bergneustädter Nummer eins ist klar, dass sich etwas ändern muss, wenn er weiter im Oberbergischen spielen soll. „Ich hoffe sehr, dass Bergneustadt diesen Weg mit mir geht“, macht Duda klar, dass seine Wunschoption nach wie vor der TTC ist. „Aber wenn nicht, ist das auch fein für mich.“

    Bergneustadts Lebensversicherung

    Die Bergneustädter Erfolgsgeschichte ist dabei sehr eng mit dem Vize-Europameister verbunden. In der Saison 2010/11 wurde er mit 16 Jahren zum ersten Mal als Stammspieler in der Zweitligamannschaft geführt, drei Jahre später wagte der Verein erstmals den Aufstieg in die TTBL, „damit unser Eigengewächs nicht den Verein verlassen musste, um den letzten Schritt in die 1. Bundesliga zu tätigen“, wie der 1. Vorsitzende Andreas Grothe im Grußwort der Vereinschronik zum 75. Vereinsjubiläum 2021 schrieb. „In den ersten Jahren konnte ich einfach frei aufspielen, der Verein hat mir Zeit zum Reifen gegeben und an mich geglaubt“, erinnert sich Benedikt Duda. „Das ist in anderen Vereinen nicht selbstverständlich.“ Das Nachwuchstalent zahlte das in ihn gesteckte Vertrauen zurück und trug wesentlich dazu bei, dass der TTC Schwalbe Bergneustadt seitdem ununterbrochen in der ersten deutschen Spielklasse unterwegs ist. Für Sportwart Heinz Duda ist jedoch klar, dass dieses Kapitel enden wird, falls sein Sohn den Verein verlässt. „Benedikt ist quasi die Lebensversicherung für die Bundesligamannschaft. Wenn er funktioniert, dann funktioniert auch die ganze Mannschaft“, beschreibt der Teammanager die aktuelle Situation. „Wenn sich der Verein und Benedikt nicht einigen, wird es in Bergneustadt keine Bundesliga mehr geben. Dann ist die TTBL für uns gestorben.“

    Eine wegweisende Entscheidung also sowohl für den Verein als auch für den Spieler, der im TTC mehr als nur verwurzelt ist. Seine Eltern Heinz und Martina lernten sich in der Tischtennishalle kennen, seine Mutter spielte noch im siebten Monat ihrer Schwangerschaft für Bergneustadt in der Oberliga. Später machte Benedikt Seite an Seite mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Frederik im TTC die ersten Schritte im Tischtennis, obwohl sich die Eltern doch eigentlich einen anderen Sport für ihre Kinder gewünscht hätten. „Frederik war das größere Talent von uns beiden, er hatte von Anfang an das Gefühl und Spielverständnis, das ich mir erst erarbeiten musste“, blickt sein Bruder zurück. „Für mich war die Konkurrenz mit ihm ein entscheidender Faktor. Deshalb hatte ich den großen Ehrgeiz, besser zu werden.“ Heute begleitet ihn Frederik nicht nur als Vereinstrainer, sondern auch als Coach bei so mancher WTT-Reise, wenn der DTTB keinen Trainer stellt. Die Hälfte seiner Urlaubstage hat der IT-Fachmann bei der Firma Schwalbe dafür geopfert, Reise- und Verpflegungskosten trägt jedoch sein Bruder. „Frederik kennt mich am besten, er weiß, wie ich mich in bestimmten Situationen fühle und wie er mit mir reden muss, wenn es mal nicht gut läuft“, beschreibt der Ältere ihre Beziehung.

    Frederik Duda (l.) nutzt einen Teil seines Urlaubs, um seinen Bruder zu WTT-Turnieren zu begleiten (©privat)

    Strahlendes Vorbild für die Jugend

    „Wenn er Anforderungen stellt, die nicht erfüllbar oder einfach abgehoben sind, dann kriegt er auch mal einen drüber“, schmunzelt Frederik, der aber gerade die Bodenständigkeit seines Bruders schätzt. So lässt sich die Nummer zehn der Welt auch mal bei Bergneustädter mini-Meisterschaften, bei Matches der 1. Damenmannschaft, wo seine Partnerin und Mutter des gemeinsamen Sohns Milan, Larissa Krohm, in der Regionalliga spielt, oder im Jugendtraining blicken und ist hier ein strahlendes Vorbild. „Es ist schön, dass hier Kinder gerne Tischtennis spielen, weil sie mich spielen gesehen haben“, findet Benedikt Duda. „Und ich weiß, dass hier alles zusammenbricht, wenn ich wechsele. Das möchte ich verhindern. Vielleicht kommt der nächste Nationalspieler aus Bergneustadt. Die Möglichkeit will ich den Kindern nicht nehmen.“ Zumal die nächste große Etappe in der Vereinsgeschichte schon eingeleitet wurde: Der langjährige Wunsch, eine eigene Halle zu haben, sich nicht mehr mit den anderen städtischen Vereinen wegen Trainingszeiten absprechen zu müssen und gegebenenfalls eine eigene Profi-Trainingsgruppe einrichten zu können, ist kurz davor, erfüllt zu werden.

    Beste Bedingungen also auch für den wichtigsten Spieler des Vereins, für den in den nächsten zwei Jahren aber ein anderes Ziel in den Vordergrund rücken wird: die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles, für die Duda nach jetzigem Stand gute Chancen hat, erstmals als aktiver Spieler nominiert zu werden. Dann wird er jedoch weiter an seiner Weltranglistenposition feilen müssen und zwischen den WTT-Turnieren nicht für jedes TTBL-Spiel nach Hause kommen können - so wie es bei den meisten seiner Kollegen auf diesem Niveau längst üblich ist. „Bergneustadt ist für mich weiterhin ganz klar die erste Option. Aber ich möchte mir die Spiele, die ich bestreite, aussuchen können“, macht Duda seine Position deutlich. „Und dafür müsste ein fünfter Spieler verpflichtet werden.“ Ein finanziell schwieriges Unterfangen, wie sein Vater Heinz weiß, auch wenn die Verhandlung mit den Athleten Sache der Abteilungsleitung ist. „Auch ein Fünfer will ordentlich bezahlt werden. Und da ist die Frage, ob der Verein sich das leisten kann“, erklärt der Sportwart, der sowohl auf Seiten der TTBL als auch des Vereins liegengebliebene Chancen bezüglich der Eigenvermarktung und Sponsorensuche sieht.

    „Wäre drastische Veränderung für mich“

    Mit dem Gedanken, den Verein zu verlassen, hat Benedikt Duda in der Vergangenheit schon gespielt - vor allem als es bei seinen Kollegen Dang Qiu oder Patrick Franziska viel besser lief als bei ihm, der um Platz 40 bis 50 in der Weltrangliste dümpelte. Interessanterweise hielten sich die Angebote von anderen Vereinen aber stets in Grenzen. Vater Heinz erklärt sich das damit, dass im Falle eines Wechsels mit dem Rückzug der Bergneustädter aus der lange Zeit um Erfüllung der Sollstärke kämpfenden TTBL zu rechnen gewesen wäre. Sohn Benedikt vermutet, dass ihm kein Verein ernsthaften Wechselwillen abgenommen, sondern bloß strategische Hintergedanken unterstellt hätte, um seinen Preis in Bergneustadt in die Höhe zu treiben. Der Erfolg, in der Heimat zu bleiben, auch wenn seine Mannschaft bislang nichts mit Titelgewinnen zu tun hatte, gibt ihm Recht. Er brauchte keinen großen Top-Verein, um sich bis auf den achten Platz der Weltrangliste vorzukämpfen.

    „Der TTC bedeutet Benedikt sehr viel. Die Verbundenheit, die er empfindet, ist mit kaum was aufzuwiegen“, findet Heinz Duda. „Aber es könnte nun der Tag kommen, an dem er sagt: Ich bin jetzt ein Top-10-Spieler und das möchte ich irgendwie gewürdigt haben. Ich glaube, die Verhandlungen werden für beide Seiten sehr schwierig werden.“ Sein 31-jähriger Sohn wirkt vor den anstehenden Gesprächen sehr aufgeräumt. Das Ziel Olympia ist klar, nun steht nur noch die Frage im Raum, ob der TTC mitzieht. „Wenn das Kapitel Bergneustadt enden würde, wäre das eine drastische Veränderung für mich. Aber ich habe in meinem Leben schon häufig erlebt, dass man manchmal eine Tür schließen muss, um den nächsten Schritt zu machen“, erzählt Benedikt Duda. „Wenn wir nicht zusammenkommen, werde ich meine Zukunft anders planen.“ Und auch für den TTC Schwalbe Bergneustadt würde dann ein gänzlich neues Kapitel beginnen - wahrscheinlich abseits der TTBL.

    (JS)

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