Für mehrere Vereine spielen? Gar nicht so einfach

    Die „Mehrfachspielberechtigung“ geht in ihre zweite Saison. Wie hat es den Spielbetrieb verändert, dass Spieler bis hoch in die Regionalliga gleichzeitig auch im Ausland spielen können?

    Aus der TTBL in die vierte Liga: Andrei Putuntica spielt künftig in der Regionalliga. (© WTT)

    Barbara Jungbauer kam sich vor wie in einer Dauerschleife. Als Geschäftsführerin kümmert sie sich um die sportlichen Geschicke beim TTC Langweid. Für den einstigen Europapokalsieger endete die Spielzeit 2024/25 erfreulich. Die Schwaben sicherten sich frühzeitig die Meisterschaft in der 2. Bundesliga der Frauen – und nahmen den Aufstieg in den Blick. „Die 1. Liga hätte für uns aber nur Sinn gemacht, wenn wir uns verstärken“, sagt Jungbauer. Mindestens eine Spielerin fürs obere Paarkreuz habe man benötigt, um auch in der höchsten Spielklasse konkurrenzfähig zu sein. Also machte Jungbauer sich Anfang des Jahres an die Arbeit – und kontaktierte potenzielle Neuzugänge. Weil Langweid bereits eine Nicht-EU-Ausländerin im Kader hatte, kam nur eine Spielerin mit europäischem Pass infrage. Dennoch war die Liste, die Jungbauer durcharbeitete, lang. „Etliche Spielerinnen hatten auch Interesse, in der Bundesliga zu spielen“, erzählt Jungbauer. Doch dann musste die Langweiderin erklären, dass ein Engagement in den deutschen Bundesligen nicht damit zu vereinbaren ist, dass Spielerinnen parallel für Vereine im Ausland antreten. „Vielen war das nicht klar. Und sobald das klar war, hatte sich das meist auch wieder erledigt.“ Entweder schlossen die Spielerinnen einen Wechsel nach Langweid dann kategorisch aus – oder sie erhöhten ihre finanziellen Forderungen, sodass wiederum der TTC abwinkte. „Die Spielerinnen auf diesem Niveau können und wollen nicht mit einem Engagement auskommen“, so Jungbauer. „Dann müsste man das Exklusivrecht kaufen – und das können zumindest wir uns nicht leisten.“ Das Ergebnis unzähliger Telefonate, E-Mails und Textnachrichten: Langweid stand ohne erstligataugliche Verstärkung da, blieb in der 2. Bundesliga – und das Bundesliga-Oberhaus erreicht in dieser Saison einmal mehr nicht seine ohnehin reduzierte Sollstärke von acht Mannschaften.

    Die „doppelte Spielberechtigung“ gilt nur für untere Ligen

    Im März 2024 hatte der Bundesrat des DTTB beschlossen, eine „doppelte Spielberechtigung“ einzuführen. Der Name ist irreführend, denn die Regelung erlaubt Spielerinnen und Spielern trotz einer Mannschaftsspielberechtigung in Deutschland auch während der laufenden Saison zusätzlich für mehrere ausländische Vereine anzutreten. Allerdings gilt die Regelung, die am 1. Juli 2024 in Kraft getreten ist, nur für die unteren Ligen, einschließlich der Regionalliga. Ausgeschlossen sind jeweils die drei Bundesligen der Erwachsenen und der Damen. Denn während mit der Einführung des Mehrfachspielrechts das Ziel verfolgt wurde, gerade Spielern, die nah an der deutschen Grenze leben oder sich für eine gewisse Zeit im Ausland befinden, zum Beispiel für Studium oder Beruf, Flexibilität zu ermöglichen, hat man die professionellen und semi-professionellen Spielklassen bewusst ausgeklammert. „Die Beibehaltung der alten Regelung in den Bundesligen soll die Top-Ligen vor Wettbewerbsverzerrung schützen, den Vereinen und ihren Partnern Planungssicherheit bieten und die Identifikation mit den Vereinen und Mannschaften stützen“, hieß es seinerzeit dazu in der Erklärung des DTTB. In fast allen anderen europäischen Ländern ist das anders: Dort dürfen auch Spielerinnen und Spieler in den Topligen parallel im Ausland spielen. Nur Frankreich bildet eine Ausnahme.

    Nun startet der Spielbetrieb in Deutschland in seine zweite Saison mit einem mehrfachen Spielrecht, die zweite Sommer-Wechselperiode mit der neuen Regelung ist abgelaufen. Wie wird sie angenommen? Wie hat das Doppelspielrecht den Spielbetrieb verändert? Wie sieht seine Zukunft aus?

    So viel spielen, wie es geht

    Lukas Bosbach gehörte zu den ersten Spielern in Deutschland, die von ihrem neuen Recht Gebrauch machten. Der  Beschluss zum Mehrfachspielrecht war im Frühjahr 2024 erst wenige Tage alt, da erhielt Bosbach einen Anruf von einem befreundeten Funktionär und Spielerberater aus den Niederlanden. Der fragte Bosbach, ob er sich vorstellen könne, künftig nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden für einen Verein zu spielen. Der 22-Jährige gehört mit einem TTR-Wert von knapp 2300 Punkten zur erweiterten deutschen Spitze, spielt für den West-Regionalligisten DJK Franz-Sales-Haus Essen und wohnt in Recklinghausen. Von dort sind es bis zur niederländischen Grenze kaum mehr als 50 Kilometer. Für Bosbach war schnell klar, dass er die Chance auf eine Auslands-Erfahrung nutzt. Seit der vergangenen Saison spielt er nun schon für den TTV Smash 70, einen Verein in Harskamp im Zentrum der Niederlande, in der Eredivisie – parallel zu seinen Spielen in der deutschen Liga. Bosbach gefällt die andere
    Atmosphäre bei den Matches: „Es ist ein bisschen wie in einer Kneipe. Alle sind etwas lauter als in Deutschland, das ist schon eine geile Stimmung.“ Zudem freut er sich über neue Gegner und verdient sich etwas dazu. „Ich habe einfach Lust, zu spielen“, sagt Bosbach, „und nehme mit, was geht.“ In dieser Saison bleibt es für den Rechtshänder deshalb nicht nur bei zwei Vereinen: Er steht auch noch bei Klubs in der Schweiz (TTC Neuhausen) und Belgien (TTC Dillbeek) in der Aufstellung. Ob er dort wirklich zum Einsatz kommen wird, wisse er noch nicht, sagt Bosbach. Denn viele Vereine bedeuten auch viele Termine, die oft nicht miteinander zu vereinbaren sind. „Prio 1 ist Deutschland, Prio 2 ist Holland. Wenn es sich dann noch ergibt, spiele ich in der Schweiz oder in Belgien“, sagt Bosbach. Jung, ambitioniert, Lust auf neue Erfahrungen am Tisch: Lukas Bosbach ist ein Paradebeispiel für die neuen Möglichkeiten, die die Mehrfachspielberechtigung bietet. Aber auch dafür, wie sie den Spielbetrieb verändert. Denn Bosbach sagt auch: „Ich finde schade, dass es die Möglichkeit ab der 3. Liga nicht mehr gibt. Das ist derzeit auch ein Grund für mich, lieber in der Regionalliga zu bleiben.“

    Skurille Entwicklung

    Das gilt, gerade für den männlichen Bereich, mittlerweile für viele Spieler – und treibt skurrile Blüten. Denn die Aussicht, für einen Verein in Deutschland zu spielen, aber parallel für Klubs im Ausland, macht die Ligen unterhalb der 3. Bundesligen immer stärker. Demgegenüber haben Vereine in den Bundesligen, vor allem in der 3. Bundesliga der Erwachsenen, Schwierigkeiten, gerade europäische Spieler für ein Engagement zu begeistern. Die Liste mit prominenten Spielern unterhalb der Bundesligen ist mittlerweile lang. Zum TTC Waldniel, einem Verein, dem auch Bosbach in der Regionalliga West gegenübersteht, wechselten im Sommer Andrei Putuntica und Kirill Fadeev. Sie treffen dort auf den russischen Weltklassespieler Kirill Skachkov. Putuntica und Fadeev sind im besten Sportleralter und haben sich zuletzt gut entwickelt. Der Moldauer holte in der vergangenen Saison eine positive Bilanz in der TTBL (7:6), Fadeev schloss mit dem 1. FSV Mainz 05 die Saison in der 2. Bundesliga als Zweiter ab und spielte dort am Spitzenpaarkreuz (11:16 Siege). Dennoch wechselten beide in die vierte Liga. Waldniel stellt damit in der Regionalliga eine Mannschaft, die in Bestbesetzung wohl in der 2. Bundesliga um die Meisterschaft spielen würde. Auch andernorts gibt es viel Prominenz unterhalb der Bundesligen: So tritt der griechische Weltklasse-Abwehrer Panagiotis Gionis schon seit vergangener Saison für den TTC Oggersheim in der Regionalliga Südwest an. In der Oberliga Nordwest ist der polnische Weltklassespieler Samuel Kulczicky beim TSV Schöppenstedt gemeldet. Der 23-Jährige spielte einige Jahre für die TTF Ochsenhausen in der TTBL und steht in der Weltrangliste unter den Top 100. Was all diese Topleute eint: Sie würden in diesen Ligen ohne eine Mehrfachspielberechtigung, die es ihnen erlaubt, auch in ausländischen Ligen anzutreten und dort Geld mit ihrem Sport zu verdienen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht spielen.

    Doch die Mehrfachspielberechtigung hat nicht nur Profis in Amateurligen geführt. Auch andere Spieler aus dem Ausland finden sich seither zahlreicher in den Aufstellungen von deutschen Vereinen, auch in Verbandsspielklassen. Viele Klubs haben dort mittlerweile gar mehrere Spieler aus dem Ausland an den Spitzenpositionen gemeldet. Immer wieder beklagen Vereine, die diesen Weg nicht gehen, Wettbewerbsverzerrung, wenn Klubs diese Spieler gezielt in entscheidenden Partien um den Auf- oder Abstieg einsetzen.

    Kippt die Regelung in den Bundesligen?

    Wie lange die Regelung in ihrer aktuellen Form Bestand hat, scheint ungewiss. Unter anderem bereitet der Bayerische Tischtennis-Verband einen Antrag für den Bundestag des DTTB Ende des  Jahres vor, der eine Ausweitung vorsieht: Bayern möchte erreichen, dass das Mehrfachspielrecht bei den Damen für alle Ligen kommt. Eingebracht hatte den Antrag auf dem Verbandstag: der TTC Langweid. „Ich würde mir wünschen, wir könnten die Spielerinnen so vergüten, dass sie nur bei uns spielen. Das wäre auch für die Identifikation schöner. Aber die Entwicklung geht in eine andere Richtung“, sagt Langweids Barbara Jungbauer. Dass sich Mehrheiten für eine Öffnung des Spielbetriebs bei den  Damen und auch in den 2. und 3. Ligen der Erwachsenen finden, scheint derzeit jedenfalls alles andere als undenkbar. Anders ist die Lage in der TTBL. Die Vereine dort vergüten die Spieler am besten. Die wenigsten Profis haben Interesse an einem zweiten Engagement. Im Gegenteil: Weil gerade die besten TTBL-Spieler viele internationale Verpflichtungen haben, reduzieren viele ihre Einsätze in der Liga. TTBL-Chef Nico Stehle spricht sich denn auch gegen eine Mehrfachspielberechtigung in der TTBL aus. Für die Spieler sei Flexibilität nachvollziehbarerweise ein wichtiges Anliegen, sagt Stehle, insbesondere angesichts globaler Turnierformate wie der WTT-Tour. Diesem Bedürfnis trage die TTBL bereits Rechnung. Er verweist auf die Möglichkeit, außerhalb der Saison in anderen Ligen zu spielen, wie es etwa viele Profis im Sommer in Indien tun. Stehle sagt aber: „Gleichzeitig legen wir als Liga großen Wert auf Kontinuität und Identifikation: Spieler sollen nicht nur in Spitzenspielen oder bei medial herausgehobenen Events auftauchen, sondern integraler Bestandteil ihres Vereins sein.“ Das schließe parallele Einsätze in anderen Ligen aus. „Man stelle sich vor, Bayern München würde Harry Kane nur punktuell einsetzen, während er parallel für weitere Klubs in anderen Wettbewerben spielt“, sagt Stehle. Ein Szenario, das den Wettbewerb entwerte und die Glaubwürdigkeit einer Liga untergrabe, findet Stehle. Er hat eine klare Haltung zur Mehrfachspielberechtigungen: „Flexibilität ja – aber nicht auf Kosten von Integrität, Planbarkeit und Identifikation.“

    Auch den DTTB hat die Debatte erreicht. Dessen Vorstand Sport sieht Befürworter auf beiden Seiten. Zudem, sagt Richard Prause, unterschieden sich die Bewertungen im männlichen und weiblichen Bereich deutlich. „Daher“, sagt Prause, „ergibt sich für uns weiterhin kein eindeutiges Stimmungsbild.“

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