B75-Camp in Dänemark hilft Coaches, ihre Wirkung zu verstehen
Im Trainingslager B75 in Dänemark wird Tischtennis ein wenig anders vermittelt. Jedes Jahr im Sommer werden rund 200 Tischtennis-Begeisterte von professionellen Trainern begleitet.

Das B75-Camp richtet sich an Spieler aller Leistungs- und Altersklassen, aber auch an Trainer, die wissen wollen, wie sie ihre Schützlinge am besten unterstützen – und warum sie ihre Wirkung auf das Lernen, die Motivation und die Leistung des Sportlers verstehen sollten. Darauf geht der Sportpsychologe und ehemalige norwegische Nationalspieler Istvan Moldovan in seinem persönlichen Bericht ein:
Viele Trainer – selbst auf Eliteniveau – arbeiten immer noch nach einem traditionellen Top-down-Modell und gehen davon aus, dass Erfahrung gleichbedeutend mit Expertise ist und Kontrolle zu Ergebnissen führt. Doch die psychologische Forschung zeigt ein anderes Bild: Die wahrgenommene Autonomie (Gefühl der persönlichen Entscheidungsfreiheit), Kompetenz (Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen) und Verbundenheit (Gefühl, von anderen geschätzt zu werden) von Sportlern sind die Grundlage für langfristige Motivation. Dies erfordert einen Wandel der Traineridentität – vom erfahrenen Ausbilder zum reflektierenden Lernbegleiter.
Die Trainer coachen
Bei B75 arbeitete ich als Trainer für die Trainer. Meine Mission war es, den Coaches zu helfen, die Selbstwahrnehmung der Athleten zu stärken, damit sie Eigenverantwortung für ihr Lernen und ihren Fortschritt übernehmen. Die Kernaufgabe bestand darin, dass die Trainer verstehen, wie sie ihre eigene Wahrnehmung nutzen („Worauf achte ich?“) und wie sie Entscheidungen treffen („Wie sage ich den Athleten, was sie tun sollen?“), und dabei auf die Reaktion des Athleten („Wie hat der Athlet die Nachricht aufgenommen?“) achten – und, das ist am wichtigsten, darauf, wie der Athlet das Feedback umsetzt, um die gewünschte Veränderung zu erreichen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse war: Je höher der Status eines Trainers, desto weniger reflektiert er darüber, was der Athlet tatsächlich hört. Um diesem Problem entgegenzuwirken, bildeten wir Teams aus vier Trainern, klärten ihre individuellen Coaching-Ziele und führten tägliche Check-In- und Check-Out-Gespräche ein.
Mini-Interventionen, die den Unterschied machen
Um das Coaching-Bewusstsein zu stärken, habe ich während den Trainingseinheiten ab und zu eingegriffen. Dazu gehörten Mini-Auszeiten während der Dialoge zwischen Trainer und Athlet, in denen ich Fragen stellte wie: „Was denkst du, hat der Spieler gerade gehört?“ Und am Ende der Sitzungen fragte ich die Athleten direkt: „Wie haben Sie den Trainer in dieser Sitzung erlebt?“ Diese Feedback-Schleifen erwiesen sich als äußerst effektiv, um blinde Flecken aufzudecken und einen tieferen Dialog zu ermöglichen. Ein junger Spieler erzählte: „Mir wurde klar, wie sehr sich mein Blick und mein Gefühl vom Blick des Trainers unterscheiden, wenn ich meine Vorhand spiele.“ Diese Art von Feedback unterstützte den Trainer dabei, seine Kommunikation für den weiteren Verlauf der Woche zu anzupassen, und schuf ein besseres gegenseitiges Verständnis.
Einer der häufigsten Fehler nach meinen Erkenntnissen – insbesondere bei Spitzentrainern – besteht darin, dass sie sich darauf versteifen, ihre eigene Brillanz zu demonstrieren, in der Hoffnung, ihren Status oder ihre Expertise in den Augen des Athleten, der Gruppe oder ihrer Trainerkollegen zu stärken. Doch wenn diese Leistung nicht auf dem aktuellen Verständnis oder den tatsächlichen Bedürfnissen des Athleten basiert, spüren Athleten das sofort – und das Vertrauen schwindet. Das fehlende Puzzleteil ist oft nicht Wissen, sondern aktives Zuhören.
Das ist nicht nur etwas, was ich bei B75 beobachtet habe. Im Laufe der Jahre, in mehr als tausend Beratungsgesprächen mit Spielern, Trainern sowie Managern in der Wirtschaft, habe ich ein wiederkehrendes Muster beobachtet: Trainer überschätzen oft ihren Einfluss auf die Entwicklung und den Erfolg der Sportler. Obwohl sie es meist gut meinen, ist die Diskrepanz zwischen Gesagtem und Verständnis oft viel größer, als ihnen bewusst ist. Dies unterstreicht, warum aktives Zuhören, Reflexion der Sportler und Feedbackschleifen die Grundlage für wirkungsvolles Coaching bilden.
Von Druck zu Präsenz
Leistung beginnt nicht mit Druck. Sie beginnt mit Präsenz, Vertrauen und Bewusstsein. Wenn Sportler nicht die Verantwortung für ihren Lernerfolg übernehmen, müssen sich Trainer fragen: Bauen wir Vertrauen auf oder erzwingen wir die Bereitschaft? Konzentrieren wir uns auf unsere Botschaft oder auf das, was wirklich verstanden wird? Nachhaltige Leistung beginnt in dem Moment, in dem wir uns fragen: Was ist meine Wirkung?
Im Kern nachhaltiger Talententwicklung liegt diese doppelte Wahrheit: Trainer müssen ein Selbstverständnis für ihre eigene Wirkung entwickeln und sie müssen so coachen, dass das Selbstverständnis der Sportler gefördert wird. Hier beginnen wahres Engagement, Selbstbestimmung und Leistung der Sportler.
Wahre Führung erfordert nicht nur Selbstreflexion, sondern auch die Bereitschaft, zuzuhören und sich an die Erfahrungen anderer anzupassen. Wenn wir die Stimme der Athleten aktiv in unsere Feedbacksysteme einbeziehen, gelangen wir von guten Absichten zu einer sinnvollen Verbindung – und vom Leistungsmanagement zur menschlichen Entwicklung.
(Istvan Moldovan, Sportpsychologe und ehemaliger norwegischer Tischtennis-Nationalspieler)
INFO
Ob Spieler oder Trainer – wenn Sie etwas dazulernen möchten, erhalten Sie jedes Jahr im Sommer in Dänemark die Gelegenheit dazu. Das B75-International-Camp fand beispielsweise in diesem Jahr vom 10. bis 28. Juli in Aabybro statt. Es bietet Spielern ein umfassendes Trainingsprogramm, das sich durch eine intensive Zusammenarbeit mit den mehr als 20 Coaches auszeichnet, und hilft Trainern, sich ebenfalls zu verbessern. Spieler aus über 30 verschiedenen Ländern nehmen teil, vom Alter ist von unter 10 Jahren bis 75 Jahre alles dabei. Wer Lust auf eine Reise nach Dänemark bekommen hat – egal, ob man nur für eine Woche oder über die volle Trainingszeit dabei sein möchte –, kann sich auf der Website www.b75.dk (auf Dänisch) informieren oder bei lars@rokkjaer.com die Anmeldeformulare anfordern.
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