Mühlbach: „Es gibt kaum ein Gegenmittel“

Er ist der „Anti-Flüsterer“: Nach Luka Mladenovic und Carlos Mühlbach hat Hermann Mühlbach zuletzt auch Sabine Winter bei der Umstellung auf einen Antispin-Belag geholfen. Im Magazin tischtennis spricht er über einen neuen Spielertypus und dessen Vorteile.

Daran, dass Sabine Winter die Top 10 der Weltrangliste geentert hat, hat er großen Anteil: Hermann Mühlbach war der Erste, der die Nationalspielerin auf die Idee brachte, mit einem Antispin-Belag zu spielen. Zuvor hatte der langjährige Zweitliga-Spieler bereits Luka Mladenovic und seinem Schwager Carlos Mühlbach bei der Umstellung auf einen Anti geholfen – und ihnen enorme Leistungssprünge ermöglicht. Mladenovic ist zum Olympioniken und Weltklassespieler geworden, Carlos Mühlbach hat sich beim TTC SR Hohenstein-Ernstthal in der 2. Bundesliga etabliert. Wieso Hermann Mühlbach die Entwicklung von Sabine Winter noch nicht am Ende sieht, warum sich das moderne Glanti-Spiel künftig in der Weltspitze etablieren könnte und wann das Anti-Spiel auch für Amateure Sinn ergibt – das erklärt Mühlbach, der mittlerweile hauptberuflich für die ESN-Tochterfirma Spinsight arbeitet, im Gespräch mit tischtennis.
Hermann, du hast Sabine Winter den Impuls gegeben, auf einen Antispin-Belag umzustellen. Wie kam es dazu?
Hermann Mühlbach: Ich kenne Sabine schon lange. Sie ist so alt wie meine Schwester [die ehemalige Nationalspielerin Kathrin Mühlbach; Anm.], ich habe früher als Sparringspartner der Mädchen-Nationalmannschaft auch oft mit ihr trainiert. Sabine kam im Februar 2023 auf mich zu. Sie hatte zu dem Zeitpunkt schon fast alles erreicht, hatte große Erfolge gefeiert. Aber mehr schien mit dem, was sie gespielt hat, kaum möglich. Sie war an einem Punkt in ihrer Karriere angekommen, an dem es nicht mehr weiter nach oben ging. Das drückte auch auf die Motivation. Ihre Idee war: Ich will etwas anderes probieren, und wenn es nicht klappt, habe ich auch nicht viel verloren. Sabine hatte zunächst an Abwehr mit langer Noppe gedacht. Ich habe ihr gesagt: Das ist ein schwieriger Weg und du wirst kaum besser, als du vorher warst. Wir haben dann auch über die Option gesprochen, einen Anti auszuprobieren. Sie hatte ja mitverfolgt, dass Luka und Carlos [Luka Mladenovic und Carlos Mühlbach; Anm.] mit meiner Hilfe auf Anti umgestellt hatten. Mir war direkt klar, dass das auch bei Sabine sehr, sehr gut funktionieren könnte.
Warum?
Hermann Mühlbach: Weil Sabine ideale Voraussetzungen für die Vision vom modernen Anti-Spiel mitbringt: Sie kann beidseitig sehr gut angreifen, im Damen-Bereich hat sie sogar einen der besten Vorhand-Topspins der Welt. Sie ist beweglich und kann sehr geschickt den Schläger drehen.
Wie sieht das Zielbild vom modernen Anti-Spieler denn aus?
Hermann Mühlbach: Um das zu erklären, sollte man am besten erst das Material verstehen, das Spieler wie Luka oder Sabine spielen…
Welches ist das?
Hermann Mühlbach: Die Antispins, die Sabine oder auch Luka und Carlos nutzen, werden auch Glantis genannt. Vor einigen Jahren kam zur glatten Oberfläche dieser Antis eine Entwicklung hinzu, nämlich dämpfende Schwämme. Beim normalen Belag sagt man: je dicker der Schwamm, desto schneller der Belag. Beim Anti mit Dämpfungsschwamm ist es andersherum: je dicker der Schwamm, desto undynamischer der Belag. Spieler wie Luka oder Sabine spielen die extremste Kombination dieser Glantis: die glatteste Oberfläche mit dem langsamsten Schwamm. Wenn man den Glanti allerdings klassisch spielt, als reinen Störbelag auf einer Seite, ist er ab einem gewissen Niveau nicht mehr gefährlich genug.
Weil man nur Schnitt erzeugen kann, wenn der Gegner Schnitt gibt.
Hermann Mühlbach: Wenn der Gegner mit sehr guter Qualität, mit viel Tempo und viel Rotation, spielt, erzeugt der Anti den größten Kontrast: einen sehr langsamen Ball mit der umgekehrten Rotation. Die Grundtaktik gegen Anti ist dementsprechend, ohne Rotation in den Anti zu spielen und auf den nächsten Ball draufzugehen. Die Taktik reicht aber gegen moderne Glanti-Spieler wie Luka oder Sabine nicht.
Weil sie gegen passive Bälle selbst aktiv spielen.
Hermann Mühlbach: Genau. Der Belag ist ein Hilfsmittel, um in die Initiative zu kommen. Weil der Belag so langsam ist, kann man auch sehr gute Topspins nah am Tisch stehend mit viel Unterschnitt und teilweise sogar kurz zurückspielen. Wenn eine Profispielerin mit viel Rotation in den Anti zieht, kommt dieselbe Menge Schnitt zurück wie bei einem Abwehrball mit einer langen Noppe. Mit einem Unterschied: Der Ball kommt früher zurück. Der Gegner wird gezwungen, zu schupfen – und man kann selbst angreifen. Die Vision vom modernen Glanti-Spiel geht sogar noch weiter: Man spielt beidseitig Angriff, und hat als zusätzliche Option den Anti. Wir sprechen da quasi von einem dritten Belag. Das klingt schwierig, aber wenn man zum Schlag ausholt, kann man eigentlich immer den Schläger drehen. Drehen braucht kaum Zeit, wenn man es automatisiert hat.
Warum hat die Umstellung gerade bei Sabine so gut gefruchtet?
Hermann Mühlbach: Sabine hatte früher gerade gegen die Top-Asiatinnen Schwierigkeiten im Rückschlag, sodass sie ihre starke Vorhand zu selten einsetzen konnte. Mit dem Anti hat sie nun mehr Kontrolle im Rückschlag, um den Ball öfter kurz und flach abzulegen. Ein anderes Problem war, dass sie mit ihrer ersten Vorhand nicht immer durchgekommen ist und im Ballwechsel über Rückhand-Vorhand-Wechsel irgendwann ausgespielt wurde. Sabines Rückhand ist zwar gut, von der reinen Schlagqualität sogar besser als die der meisten Frauen in der Weltspitze, aber sie ist im tischnahen Spiel vielleicht nicht so sicher und schnell wie die absoluten Weltklassespielerinnen. Mit dem Antispin bekommt sie im Ballwechsel nun aber öfter eine zweite Chance mit der Vorhand.
Hattest du erwartet, dass es für Sabine Winter so weit nach oben geht?
Hermann Mühlbach: Damit gerechnet nicht, aber ich habe es schon gehofft. Sabine hat mich zu Beginn gefragt, was ich glaube, was für sie mit der Umstellung möglich ist. Ich habe gesagt, dass sie nach drei Monaten intensivem Training Ergebnisse spielen kann wie vorher. Und dass sie noch mal ein Jahr brauchen wird, um besser zu werden. Aber man muss klar sagen: Die Idee hinter der Umstellung war nie, nur ein bisschen Spaß mit anderem Material zu haben.
Mittlerweile ist Sabine in den Top 10 der Weltrangliste angekommen. Kann sie noch besser werden?
Hermann Mühlbach: Die Indikation in ihr Spiel, also wann sie welche Schläge einsetzt, ist schon sehr gut. Im ersten Jahr war Sabine allerdings froh, wenn sie die Bälle mit dem Anti auf den Tisch gespielt hat. Sogar bei ihren guten Turnieren Ende letzten Jahres hat sie meist nur sicher in die Mitte geblockt. Dass sie nach einem Jahr mit dem Anti kaum Fehler gemacht hat, war schon bemerkenswert. Aber mittlerweile schafft sie es immer öfter, bewusster zu platzieren – kurz in die Vorhand, lang in die Rückhand. Trotzdem ist Sabines Anti-Spiel längst noch nicht ausgereift. Luca oder Carlos sind beim reinen Anti-Spiel weiter, haben mehr Variationen, die Sabine kennt und auch trainiert. Ihre Gegnerinnen werden sich besser auf sie vorbereiten. Aber Sabine wird auch noch mal besser, vor allem mit dem Anti.
Wie seid ihr bei der Umstellung vorgegangen?
Hermann Mühlbach: Wir haben Ende 2023 zwei Wochen eine Art Intensivkurs gemacht. Was ist ein Antispin überhaupt? Wie spielt man damit? Was ist die Idee hinter dem Spielsystem? Bei den Schlagtechniken tun sich viele Spieler, die vorher griffige Beläge gespielt haben, schwer. Man muss sich zum Beispiel gegen Sidespin zwingen, den Schläger gerade zu halten. Das klingt einfach, aber wenn man es ein Leben lang anders gemacht hat, ist es sehr schwierig, das zu verinnerlichen. Im nächsten Schritt muss man die Schläge automatisieren. Sabine hatte damals die Umstellung noch mal unterbrochen, weil sie 2023 Hoffnung hatte, 2024 noch für die Olympischen Spiele nominiert zu werden. Nach den Olympischen Spielen war dann der perfekte Zeitpunkt. Sabine hat drei Monate sehr intensiv mit dem Anti gearbeitet. Als sie den Belag Ende 2024 im Wettkampf genutzt hat, war der Anti noch nicht so sicher. Aber man hat einen Vorteil bei der Umstellung…
Welchen?
Hermann Mühlbach: Viele Gegner spielen anders, sobald sie auf einen Spieler mit Anti treffen. Sabine hat den Anti in ihren ersten Spielen fast gar nicht gebraucht, weil die Gegnerinnen ihr sehr viele Gelegenheiten zum Angriff gegeben haben.
Du hast vor Sabine Winter schon Luka Mladenovic und deinen Schwager Carlos Mühbach bei der Umstellung auf einen Anti begleitet. Hat die Erfahrung geholfen?
Hermann Mühlbach: Absolut! Mit Luka war das etwas ganz Neues. Wir mussten uns jeden Schritt erarbeiten. Das war ein langwieriger Prozess. Was ist das richtige Material? Was sind die richtigen Schläge und relevanten Techniken? Nimmt man den Ball in der steigenden oder fallenden Phase, in welche Richtung wischt man gegen welchen Spin, um den besten Effekt zu erzielen? Diese Erfahrung hat bei Sabine geholfen – und auch die Technik von Spinsight. Wenn Luka einen abgestochenen Block mit 60 Umdrehungen pro Sekunde spielen kann, war das im Training auch der Zielwert für Sabine.
Wird es dieses Spielsystem künftig häufiger geben?
Hermann Mühlbach: Ich bin davon überzeugt, dass es ein neuer Spielertyp ist. Es ist zwar sehr anspruchsvoll, so zu spielen, weil man – ähnlich wie bei modernen Abwehrspielern – mehr Skills braucht. Man muss nicht nur mit beiden Seiten angreifen, sondern auch auf beiden Seiten mit dem Antispin spielen können. Und man muss sich entscheiden: Wann macht man was? Aber wenn man das System sehr gut spielt, gibt es kaum ein Gegenmittel. Selbst wenn man die Fähigkeiten hat, gegen Anti zu spielen, ist es nicht leicht. Das Spielsystem ist komplett und in sich geschlossen. Ich bin mir sicher: Luka und Sabine werden nicht die letzten Anti-Spieler in der Weltspitze bleiben.
Wäre es denkbar, dass jemand dieses Spielsystem von klein auf lernt?
Hermann Mühlbach: Absolut. Aber dafür muss man verstehen, dass man beides lernen muss: beidseitigen Angriff und Anti-Spiel. Früher war der Gedanke: Jemand hat kein gutes Rückhand-Gefühl, dann bekommt er eine kurze Noppe. Wenn das immer noch nicht reicht, bekommt er eine lange Noppe oder einen Anti. Wer den Anti klassisch auf der Rückhand nutzt und nur auf der Vorhand angreift, kann schon gut werden, aber für die Weltspitze braucht man mehr.
Welche Techniken gibt es?
Hermann Mühlbach: Grob gesagt: Je mehr der Gegner macht, desto weniger machst du selbst. Es macht mit einem Glanti ab einem gewissen Spin keinen Unterschied, ob man gegen einen Topspin nur hinhält oder absticht. Der Ball rutscht am Belag einfach durch, der erzeugte Spin bleibt gleich. Wenn weniger Spin kommt, kann man mit einem glatten Anti bis zu 20 Umdrehungen pro Sekunde selbst erzeugen. Dann musst du abstechen oder abwehren, um den Ball gefährlicher zu machen. Wenn der andere passiv spielt, gehst du dagegen. Mit einem Druckschupf oder einem Seitwischer, der einen etwas anderen Effekt hat. Es gibt für jeden Schlag und jede Spielsituation eine empfohlene Antwort und ein paar Alternativen.
Ist das Spielsystem sinnvoll für Amateure?
Hermann Mühlbach: Ein langsamer, glatter Anti ist der Belag, mit dem man am einfachsten schnittreiche Bälle annehmen kann. Das gilt auch für Amateurspieler, die Probleme mit rotationsreichen Aufschlägen oder Topspins haben. Wer eine starke Vorhand hat, aber keine gute Rückhand, der dreht nicht, sondern spielt den Antispin nur auf der Rückhand. Trotzdem bleibt die Idee gleich: Man sollte versuchen, mit dem Anti den eigenen Angriff vorzubereiten. Amateure, die nicht mit der Rückhand angreifen oder umlaufen und Vorhand ziehen, müssen allerdings häufiger aktivere Bälle mit dem Anti spielen als eine Sabine Winter. Deshalb empfiehlt sich da ein Anti, der etwas schneller ist. Und: Ein Umstieg ist kein Selbstläufer. Obwohl Sabine sehr talentiert ist, hat es selbst bei ihr über ein Jahr gedauert, bis sie den Anti gut kontrollieren konnte. Aber der Umstieg hat auch einen positiven Effekt: Man bekommt einen neuen Impuls. Wenn man plötzlich wieder neue Sachen lernt, geht man lieber ins Training. Auch das war übrigens bei Sabine nicht anders.
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