Zwischen Sport und Vielfalt – Queere Tischtennisvereine im Ligabetrieb

    „Solange sie mit uns kein Problem haben, haben wir keine Probleme mit ihnen." Kai Baumgärtner muss nicht lange überlegen, wenn es um die Philosophie der Tischtennisabteilung von Startschuss Queer Sport Hamburg geht. Der Verein zählt zu den größten queeren Sportvereinen Deutschlands – und gehört gleichzeitig zu einer kleinen Minderheit: Denn queere Tischtennisvereine im regulären Ligabetrieb sind bis heute selten.

    Queere Tischtennisabteilungen gibt es bereits zahlreich, im Ligabetrieb nehmen diese jedoch nur geringfügig teil. (©Unsplash)

    Eine „Community für alle“ – so beschreibt sich Startschuss Queer Sport Hamburg e.V., ein gemeinnütziger Verein für Bewegung, Sport und Fitness. Mit 25 Sportarten, mehr als 1.100 Mitgliedern und über 50 Trainingsangeboten pro Woche zählt der 1990 gegründete Verein zu den größten queeren Sportvereinen Deutschlands. Und auch Tischtennis gehört zum Angebot. Heute nimmt die Abteilung sogar mit einer Damen- und zwei Erwachsenenmannschaften am Ligabetrieb teil. Abteilungsleiter Kai Baumgärtner erzählt vom Vereinsleben, den Erfahrungen seiner Mannschaften und davon, warum vergleichbare Vereine bundesweit die Ausnahme bilden.

    Ein Verein für alle – aber ohne Jugend

    Die Tischtennisabteilung existiert bereits seit den Anfangsjahren des Vereins. Zur Philosophie der Abteilung betont Baumgärtner, dass sowohl queere als auch nicht-queere Personen willkommen sind: „Solange sie mit uns kein Problem haben, haben wir keine Probleme mit ihnen.“ Ein abgeschotteter Raum ist Startschuss ausdrücklich nicht – vielmehr ein offener Ort für alle, die in einem respektvollen und vielfältigen Raum Sport betreiben und Gemeinschaft erleben möchten.

    Die Community bei Startschuss ist bunt gemischt. Laut Baumgärtner gibt es unterschiedliche Wege, auf denen neue Mitglieder in den Verein finden. Bei ihm war es reiner Zufall: „Ich bin neu nach Hamburg gezogen, wollte wieder Tischtennis spielen und bin dann halt auf Startschuss gestoßen. In der Community ist der Verein auch sehr bekannt.“ Viele entscheiden sich ganz bewusst wegen der queeren Community für den Verein, darunter auch nicht-queere Menschen. Gleichzeitig spielt aber auch das breite und attraktive Angebot eine Rolle: „Wir sind halt auch wahnsinnig günstig“, lacht Baumgärtner. 

    Was im Verein bis heute jedoch kaum vertreten ist, sind Jugendliche. Ein Grund dafür liegt in den Vorurteilen der Gründungszeit. Damals war die diskriminierende Gleichsetzung von Homosexualität und Pädophilie weit verbreitet. Aus Sorge vor entsprechenden Reaktionen entschied sich der Verein gegen eine Jugendarbeit – eine Entscheidung, die bis heute nachwirkt. Mittlerweile kann jeder ab 16 Jahren in der Tischtennisabteilung mitspielen, wobei Minderjährige eine Einverständniserklärung der Eltern benötigen. Die Geschichte des Vereins zeigt zugleich, wie eng queerer Sport mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft ist. Denn auch wenn sich vieles verändert hat, erleben queere Menschen weiterhin Vorurteile und Diskriminierung.

    So zeigt beispielsweise das Vielfaltsbarometer der Robert Bosch Stiftung, dass die Akzeptanz der Dimension „sexuelle Orientierung“ 2025 im Vergleich zu 2019 um 8 Punkte abnahm. Besonders deutlich zeigt sich das bei trans- und nicht-binären Menschen: So waren 2019 noch 11 Prozent der Ansicht, dass transgeschlechtliche Menschen unter sich bleiben sollen, 2025 waren es bereits 21 Prozent. Insgesamt registrierten die Behörden 2025 2084 queerfeindliche Straftaten, was einer Verzehnfachung gegenüber 2010 entspricht.

    „Die Akzeptanz ist im Tischtennissport höher als bei anderen Sportarten“

    Dass Startschuss heute drei Mannschaften im Ligabetrieb stellt, ist allerdings eher die Ausnahme. Bundesweit gibt es nur wenige vergleichbare Vereine. Doch warum ist das so? 

    Baumgärtner betont in diesem Zusammenhang: Viele Spieler seien zum Zeitpunkt ihres Outings bereits in einem Verein aktiv. Das Zugehörigkeitsgefühl zu ihrem Heimatverein ändere sich dadurch häufig nicht. Das spiegelt sich auch in seiner Abteilung wider. Rund 90 Prozent der Mitglieder seien nach Hamburg zugezogen. Der 61-Jährige beobachtet im Tischtennis nämlich insgesamt eine hohe Akzeptanz gegenüber queeren Menschen. „Die Akzeptanz ist im Tischtennissport höher, glaube ich, als im Fußballsport. […] Natürlich gab es auch schon mal eine Situation, wo die Gegner nach dem Spiel sehr schnell aus der Kabine verschwunden waren, nachdem man gesagt hat, dass man ein schwul-lesbischer Verein ist. Da haben wir uns schon gefragt: Haben die jetzt Angst gehabt vor uns? Grundsätzlich sehe ich das im Tischtennis aber als wenig problematisch."

    Baumgärtner vermutet deshalb einen anderen Grund für die geringe Zahl queerer Ligavereine: In queeren Vereinen sei ein Großteil der Mitglieder reine Hobbyspieler, die für die Gemeinschaft und den Spaß dabei sind. Wer leistungsorientiert spiele, bleibe häufig in seinem Heimatverein und nehme dort am Ligabetrieb teil. Dieses Bild zeige sich auch bei queeren Turnieren. Dort träfen sich zahlreiche Hobbyspieler, die außerhalb solcher Veranstaltungen keinen Ligabetrieb spielen.

    Gerade deshalb haben diese Turniere für die Community eine wichtige Bedeutung. Alle zwei Jahre - im Wechsel mit der queeren Tischtennisabteilung von Team München e.V. - richtet die Abteilung den Schupf-Nudel-Cup aus. Das Turnier zählt zu den größten queeren Tischtennisevents Deutschlands und zieht Spielerinnen und Spieler aus zahlreichen Regionen an, allen voran Hobbyspieler.

    Auf die Frage hin, ob Baumgärtner sich eine rein queere Tischtennisliga in Deutschland vorstellen könnte, wägt er ab: „Das hängt auch mit Zeit und Kosten zusammen. Da sind ja die Wege deutlich größer, da das dann deutschlandweit wäre. Dafür gibt es aktuell zu wenige Vereine im Ligabetrieb. Ausschließen würde ich es aber nicht.“ 

    Noch sind queere Tischtennisvereine im Ligabetrieb eine Seltenheit. Dennoch zeigen Vereine wie Startschuss, dass sie sich erfolgreich im regulären Spielbetrieb etablieren können. Neben dem Hamburger Verein sind übrigens auch Team München e.V. und Abseitz Stuttgart im Tischtennis-Ligabetrieb vertreten.

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