„Serve your Dream“: Wie Hans Nolte mit 90 Weltmeister wurde

Mit 90 Jahren Weltmeister? Für Hans Nolte ist dieser Traum 2026 wahrgeworden. Bei den Senioren-Weltmeisterschaften in Südkorea holte sich der Kirchweyher gleich zwei Medaillen - die Goldmedaille im Einzel und Silber im Doppel. Was ihm dieser Titel bedeutet, wie er die WM im hohen Alter erlebt hat und wie ihm Tischtennis in schweren Zeiten Kraft gegeben hat.

Mit stolzem Blick zeigt Hans Nolte seine Startnummer von den diesjährigen Senioren-Weltmeisterschaften, die vom 5. bis 12. Juni 2026 im südkoreanischen Gangneung stattgefunden haben. Es ist die Zahl 1935 - Noltes Geburtsjahr. Ganz zufällig wurde ihm diese Zahl bei 2.517 Teilnehmern als Startnummer zugeteilt – die Zahl, die ihn am Ende zum Weltmeister machte. „Als ich meine Startnummer gesehen habe, da habe ich gedacht, das muss doch was bedeuten. Es hat mir gleich Sicherheit gegeben. Ich dachte, das kann ja nur was Gutes werden, und tatsächlich, es hat geklappt.“
Und wie es geklappt hat! Mit 90 Jahren reiste Nolte zu seiner insgesamt dritten Weltmeisterschaft. Bereits 2006 nahm er bei seiner Heim-WM in Bremen teil, nach langer Pause folgte 2024 dann die Reise nach Rom. Seinen bis dato größten Erfolg heimste der Rentner bei den Senioren-Europameisterschaften 2025 im serbischen Novi Sad ein, wo er in der Ü90-Konkurrenz sowohl im Einzel als auch im Doppel die Goldmedaille holte. Die lange Reise nach Asien zu den Weltmeisterschaften schreckte den gebürtigen Nienburger nicht ab. Mit einer klaren Mission meldete er sich schließlich für das Turnier an: „Ich bin ja zweifacher Europameister, im Doppel und im Einzel. Da habe ich mir gedacht, einer muss Europa vertreten. Ich hatte den Anspruch darauf und dachte mir: Melde dich einfach an“, lacht Nolte.
„Serve your Dream“ – Noltes Weg zum Erfolg
Vorbereitet hat sich der frischgebackene Weltmeister für seinen Auftritt auf der Weltbühne mit vielen Trainingsstunden, insbesondere mit jungen Menschen aus seinem Verein, der SV Kirchweyhe. Doch auch vor Ort ging Nolte mit einem genauen Plan in das Turnier: „Ich beobachte immer. Ich schaue mir die Gegner an und merke, der kann gefährlich werden, er bewegt sich anders, er läuft die Treppen anders hoch und so weiter.“ Und am Ende zahlen sich seine analytischen Fähigkeiten gemeinsam mit seiner Spielstärke aus: In seiner Klasse, den Senioren Ü90, verlor Nolte im gesamten Turnierverlauf nicht ein einziges Spiel. Selbst gegen die harte Konkurrenz aus China setzte sich der ehemalige Postbeamte durch. Im Halbfinale bezwang er den Chinesen Tong Ling mit einem knappen 3:2, ehe er sich im Finale gegen den Penholderspieler Zongxi Zhang, ebenfalls aus China, mit einem klaren 3:0 zum Weltmeistertitel spielte.
„Als ich gespielt habe, da habe ich erst mal gar nichts gedacht“, so Nolte auf die Frage, was ihm während des Finals durch den Kopf ging. „Als ich dann aber gewonnen habe, da war ich schon sehr erleichtert und habe mich sehr gefreut.“ Und diese Freude war spürbar, als bei der Medaillenzeremonie beim frisch gekürten Weltmeister und seinen Begleiterinnen dann doch die eine oder andere Träne floss. Getreu dem WM-Motto „Serve Your Dream“ hat sich auch Hans Nolte mit dem Weltmeister-Titel einen Traum erfüllt.

„Hans, der kann‘s!“ – die Unterstützung vom Spielfeldrand
Wie Nolte betont, hat ihm insbesondere seine „Clique“, bestehend aus seinen Tischtennis-Freundinnen Beate Koch, Joanna Jerominek und Danuta Brennecke, über sieben Tage lang Kraft gegeben. Wie „Cheerleader“ hätten sie ihn am Spielfeldrand angefeuert und motiviert: „‘Hans, der kanns!‘, haben sie geschrien und mit Lametta gewunken. Sie haben auch das Publikum animiert und das war wirklich toll.“ Nach den ereignisreichen Turniertagen wurde abends gemeinsam gegessen, gefeiert und gelacht – Momente, für die Nolte besonders dankbar ist.
Auch seine anschließende neuntägige Reise durch Südkorea wird Nolte in guter Erinnerung behalten. Mit einer organisierten Tischtennis-Reise besuchte er unter anderem die Hafenstadt Busan, für ihn das absolute Highlight.
„Ich habe auch einfach Glück gehabt“ - der Werdegang eines Weltmeisters
Die Anfänge von Noltes Tischtenniskarriere liegen in den Wurzeln seiner Kindheit. Mit seiner Familie lebte er in jungen Jahren in der Nachbarschaft des Finanzamtes Sulingen. Ein Mitarbeiter war es, der ihm und seiner Familie das Tischtennisspielen beibrachte – damals noch mit Holzbrettern anstatt Schlägern. Mit Beginn der Schulzeit begann Nolte auch im Verein mit dem Tischtennis- und Fußballspielen. „Mit dem Tischtennis habe ich immer Bekannte gehabt, auch Freunde. Und das hat mir immer geholfen, denn ich hatte immer gleich Kontakt.“
Doch noch etwas anderes begeistert den Senior am Tischtennissport: „Tischtennis hat mich immer fitgehalten“, lacht Nolte. „Ich kann nur jedem empfehlen, sich zu bewegen. Hierfür muss man auch kein Spitzensportler sein.“ Gleichzeitig zeigt sich Nolte aber auch dankbar, denn Gesundheit ist für ihn nicht selbstverständlich: „Ich habe auch einfach Glück gehabt. Mein Schicksal ist eben so gelaufen, dass ich immer noch gesund bin und mich bewegen kann.“ Bei seinem Verein, der SV Kirchweyhe bei Bremen, spielt der 90-Jährige nun schon seit 1972.
Für seine Fitness arbeitet der Senior auch im hohen Alter noch zielstrebig: „Wenn Hans in die Halle kommt, dann ist das nicht nach einer Stunde gegessen. Er macht schon zwei bis drei Stunden Training. Und das auch mit vielen jungen Leuten. Hans ist extrem ehrgeizig. Dafür, dass er so gut ist, tut er auch wirklich was“, beteuert Christian Timmermann, stellvertretender Spartenleiter der Tischtennisabteilung der SV Kirchweyhe.
„Kleiner Späteinsteiger“ – Der Weg zur internationalen Bühne
„Ich bezeichne mich selbst ja als kleinen Späteinsteiger“, so Nolte in Bezug auf seine Teilnahme am internationalen Tischtennisgeschehen. „Meine Frau war sehr krank. Wir konnten deshalb nicht weit weg sein. Ich habe da meine Pflichten als Ehemann erfüllt und sie gepflegt. Und das habe ich auch nie bereut.“ Nolte verzichtete daher lange auf die Teilnahme an internationalen Großturnieren, spielte jedoch regelmäßig bei nationalen Turnieren wie den Senioren-Landesmeisterschaften mit. „Wir hatten unser Dreigestirn im Verein“, erinnert sich Nolte. Mit seinen engen Freunden Annegret und Heinz reiste er jahrelang durch Deutschland, um gemeinsam Turniere zu bestreiten. Der gebürtige Nienburger ist nun seit vier Jahren Witwer. Der Tischtennissport habe ihm in der Zeit nach dem Tod seiner Frau besonders geholfen. „Hätte ich meinen Verein, den SV Kirchweyhe, nicht gehabt, dann wäre das für mich extrem schwierig gewesen. Von Anfang an hatte ich aber dadurch Ablenkung. Meine Vereinskollegen haben mich immer motiviert, weiterzumachen.“
Als sein Doppelpartner Horst aus Salzgitter ebenfalls Witwer wurde, kamen die beiden auf eine wegweisende Idee: Sie fliegen nach Rom zu den Senioren-Weltmeisterschaften 2024! „Ich war ja alleine. Ich konnte machen, was ich wollte. So bin ich darauf gekommen, nach Rom zu fliegen“, erinnert sich Nolte. Die Weltmeisterschaft habe ihm gezeigt, dass nicht alles an der eigenen Stärke hängt, und dass man auch mit guter Taktik und viel Training einiges erreichen kann. „Da habe ich Lust bekommen, viel trainiert und bei den Europameisterschaften im nächsten Jahr klappte es ja auch sofort. Drei Veranstaltungen, vier Medaillen, das ist doch ein wirklich positives Ergebnis“, resümiert Nolte stolz.
Einen größeren Medaillenschrank musste sich Nolte schon früh zulegen. Die Medaillensammlung des Kirchweyhers umfasst aktuell neben seinen Medaillen von Europa- und Weltmeisterschaften noch 13 Edelmetalle von den deutschen Meisterschaften, acht Medaillen von den norddeutschen Meisterschaften und ganze 43 Medaillen von Landesmeisterschaften. 2026 wurde er außerdem zum Sportler des Jahres des Kreises Diepholz gewählt.
Ziel vor Augen: Titelverteidigung bei den Europameisterschaften 2027 in Riga
Mit dem Weltmeistertitel ist für Hans Nolte die Tischtenniskarriere aber noch nicht beendet. Sein nächstes großes Ziel hat der Weltmeister bereits vor Augen: Die Senioren-Europameisterschaften 2027 in Riga. „Ich werde öfter gefragt: ‚Warum machst du das eigentlich noch?‘ – aber es macht mir einfach Spaß. Wenn es mir kein Spaß machen würde, dann würde ich es ja auch nicht machen. Ich habe auf jeden Fall noch sportliche Ziele.“
Seine Begeisterung für internationale Turniere färbt mittlerweile auch auf seine Freunde im Verein ab. Bereits vier Teamkollegen hat Nolte als Mitstreiter für die EM akquirieren können. Gemeinsam werden sie vom 28. Juni bis 3. Juli 2027 in der lettischen Hauptstadt um Medaillen kämpfen. Ob dort noch einmal Gold hinzukommt, wird sich zeigen. Sicher ist jedoch schon jetzt: Der Weltmeistertitel von Hans Nolte steht für einen Traum, der nach vielen Jahren, schweren Zeiten und unzähligen Trainingsstunden Wirklichkeit geworden ist. Und zeigt eindrucksvoll, dass es nie zu spät ist, sich Ziele zu setzen.
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