Nach Deaflympics-Abenteuer: Arda Yenen trainiert jetzt wie ein Profi

    Der 19-jährige Gehörlosenspieler setzt nach seiner Tokio-Reise voll auf Tischtennis und blickt voller Motivation nach vorne. Das Turnier gewann ein alter Bekannter.  

    Arda Yenen bei den Deaflympics in Tokio. (© DGSV)

    Es war ein Abenteuer, das er so schnell nicht vergessen wird: Mitte November stieg Arda Yenen gemeinsam mit seinem Vater in den Flieger Richtung Japan. 13 Stunden später war der 19-Jährige aus Iserlohn in Nordrhein-Westfalen angekommen – bereit für seine erste Teilnahme an den Deaflympics, den Olympischen Spielen für gehörlose Athletinnen und Athleten. Am Dienstagabend kehrten beide erschöpft zurück, spät in Frankfurt gelandet, mit ordentlich Jetlag und vielen Eindrücken im Gepäck.

    Außenseiter mit hohen Ambitionen

    Die Yenens wussten, dass es in Tokio schwer werden würde. „Realistisch gesehen war klar, dass Arda nur Außenseiterchancen hatte“, beschreibt Vater und Coach Emre Yenen die Ausgangslage. 84 Spieler standen im Teilnehmerfeld. „Das Achtelfinale wäre perfekt gewesen, alles darüber hinaus überragend. Aber alle waren sich einig: So stark wie in diesem Jahr war das Feld noch nie.“ Am Ende war in der Runde der besten 32 Schluss.

    Eine Ernüchterung, nachdem Yenen auf die Top 16 gehofft und tief im Inneren voller Ehrgeiz sogar von einer Medaille geträumt hatte. Doch von Enttäuschung will er sich nicht lange bremsen lassen. „Ich wollte natürlich mehr erreichen. Manchmal läuft es wie erhofft, manchmal nicht – beides gehört dazu. Wichtig ist, dass man daraus lernt und seinen Weg weitergeht“, erklärte Arda Yenen über seinen Instagram-Kanal.

    Die Konkurrenz aus Asien war in diesem Jahr besonders stark. (© DGSV)

    Eine Bühne, die wächst - Gänsehaut-Atmosphäre in Olympia-Hallen

    Für den deutschen Gehörlosen-Sport waren die seit 1925 ausgetragenen Jubiläums-Weltspiele ein starkes Zeichen. Der DGSV trat mit über 80 Aktiven in zwölf Sportarten (darunter Leichtathletik, Handball, Sportschießen, Golf, Schwimmen, Bowling, Orientierungslauf, Radsport, Judo, Beachvolleyball, Tennis und Tischtennis) an. Yenen ging als einziger deutscher Tischtennisspieler ins Rennen. Insgesamt kämpften 3000 Sportler aus 100 Nationen um die Medaillen – und erstmals berichteten öffentlich-rechtliche Sender wie ARD und ZDF über die Veranstaltung. 

    In anderen Ländern werde das Event längst mit Olympia und Paralympics gleichgesetzt. „Das gab es früher nicht. Man merkt, dass sich da etwas tut und wir auch in Deutschland immer mehr Beachtung bekommen“, sagt Emre Yenen. Gespielt wurde in der 10.000 Zuschauer fassenden Halle des Tokyo Metropolitan Gymnasiums – jener Spielstätte, die 2021 während der Corona-Pandemie auch für Olympia genutzt wurde. „Überall hingen Erinnerungen an damals. An den besten Tagen war die Halle zu drei Vierteln gefüllt – die Stimmung war richtig gut“, so Yenen. Moderne Technik, große Leinwände, begeisterte, größtenteils japanische Fans: „Das war schon großartig.“

    Starker Rückhalt: Verband, Coaches, Familie – aus dem Ruhrgebiet nach Unterfranken

    Auch organisatorisch lief aus Sicht des deutschen Teams alles reibungslos: gemeinsames Hotel, Shuttleservice, tägliche Berichterstattung über sämtliche Ergebnisse, Medaillenehrungen mit Applaus. „Der DGSV hat das stark gemacht“, lobt Emre Yenen. Der 52-Jährige steht seit dem ersten Schlag an der Seite seines Sohnes, war als Coach mit vor Ort – zusätzlich in der Vorbereitung unterstützt durch die enge Partnerschaft mit dem Shakehands-Center Bad Königshofen, aus dem auch Trainer Yoshihiro Hiraoka stammt. Die Familie profitiert inzwischen also auch von der geschaffenen Vernetzung nach Japan.

    Yenens sportliche Laufbahn war schon immer geprägt von mutigen Entscheidungen: Vom Heimatverein TTV Letmathe führte der Weg des ehemaligen WTTV-Akteurs über den BV Borussia Dortmund, den GSV Fröndenberg sowie Borussia Düsseldorf schließlich zur laufenden Saison nach Unterfranken. Seit Sommer lebt der dreifache U18-EM-Silber- und Jugend-WM-Bronzemedaillengewinner vom GTSV Dortmund in einer vom TSV Bad Königshofen organisierten WG und nutzt täglich die Trainingsmöglichkeiten im sieben Tage die Woche geöffneten Shakehands-Center.

    Die Kooperation entstand durch einen Besuch bei einem Lehrgang im Frühjahr 2025. Trainiert wird der rückhandorientierte Offensivakteur dort auch von Bundesliga-Trainer Koji Itagaki und starken Sparringspartnern, unter anderem aus der Ukraine. Bei Arda Yenen wurde im Alter von drei Jahren eine vermutlich angeborene Hörminderung festgestellt. Nach dem Fachabitur setzt er nun zunächst voll auf die Karte Tischtennis und möchte in ein bis zwei Jahren ein Sportstudium beginnen. „Schau, wie weit du kommst – und wenn du Lust hast, mach es. Wir stehen voll hinter dem nächsten Schritt. Die Bedingungen in Bad Königshofen sind hervorragend“, schwärmen seine Eltern zur Entwicklung ihres Sohnes.

    Gespielt wurde wie bei den Olympischen Spielen im Tokyo Metropolitan Gymnasium. (© DGSV)

    Nächste Ziele: EM, WM – und 2029 wieder Deaflympics – Keinath holt Gold

    Schon im April steht die Europameisterschaft in Österreich an, in zwei Jahren folgt die nächste Weltmeisterschaft. Für 2029 blickt Yenen jetzt schon entschlossen nach vorn. Und er hat Rückenwind: Neben dem Olympiastützpunkt NRW/Westfalen steht inzwischen auch ein Sponsor hinter dem Gehörlosenspieler. Sein Traum von Edelmetall auf der großen Bühne ist ungebrochen – auch wenn die Asiaten immer stärker werden. „Ardas internationale Einsätze bleiben wichtig. Asien spielt nicht nur sportlich, sondern auch im Bereich Inklusion, Förderung und Finanzierung in einer anderen Liga. Aber genau das motiviert – stärkere Wahrnehmung bedeutet auch stärkeren Wettbewerb“, weiß Emre Yenen.

    Am Ende überwiegen bei Arda trotz der ersten Enttäuschung die positiven Gefühle. „Es war etwas ganz Besonderes, zum ersten Mal für Deutschland an den Deaflympics teilzunehmen. Dieser Moment bedeutet mir unglaublich viel. Ich trainiere weiter, ich gebe nicht auf und schaue nach vorne. Das Leben geht weiter und ich nehme jede Erfahrung mit. Ein großes Danke an meine Trainer und natürlich an meine Eltern, die mir in jeder Situation den Rücken stärken. Ohne euch wäre vieles nicht möglich. Ich mache weiter – Schritt für Schritt, mit neuer Motivation.“

    Der Titel bei den Deaflympics ging im Übrigen an einen alten Bekannten: Ex-Bundesliga-Profi Thomas Keinath setzte sich im Finale mit einem starken Auftritt gegen einen chinesischen Gegner durch.

    Zur TTR-Historie und zum Instagram-Profil von Arda Yenen.
    Gehörlosenspieler Yenen erfült seinen WM-Traum (28. April 2023).
    Weitere Infos zu den Deaflympics findet ihr hier.

    Nach der Enttäuschung kam der Blick nach vorne: Arda Yenen lebt seinen Profi-Traum. (© DGSV)

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