myTT goes cinema: Übertrumpft Marty Supreme Forrest Gump?

    Das myTT-Team war bei der Preview des Hollywood-Blockbusters „Marty Supreme“ dabei. Redakteur Fabian Kleintges-Topoll und Volontär Timo Gotsch verraten in ihrer spoilerfreien Kritik, was sie als Tischtennisspieler von dem Film halten.

    Marty Mauser will ganz nach oben: In „Marty Supreme“ wird eine stark fiktionalisierte Geschichte erzählt. (© Tobis Film)

    „Marty Supreme“ – nahezu jeder im (deutschen) Tischtennissport hat von diesem Film gehört. Die kreative Marketing-Kampagne hat einen regelrechten Hype ausgelöst. Nachdem Tischtennis bereits in „Forrest Gump“ Teil eines großen Hollywood-Streifens war, kehrt der Sport ab heute in die deutschen Kinos zurück.

    Sogar Timo Boll ist in „Marty Supreme“ zu sehen – die deutsche Tischtennis-Legende taucht zwar nur am Anfang des Filmes auf, bei der Preview im CineStar-Kinocenters in Düsseldorf hatte der langjährige Düsseldorfer allerdings die Hauptrolle: Nach dem rund zweieinhalb Stunden dauernden Film erzählte der 44-Jährige von seinem Mitwirken an dem Film, der lose an das Leben des 2012 verstorbenen Marty Reisman, mehrfacher WM-Medaillengewinner in den 1940er- und 50er-Jahren, angelehnt ist.

    Rund 600 Gäste fanden im nahezu ausverkauften Saal Platz, der deutsche Rekordmeister Borussia Düsseldorf hatte die offizielle Premiere veranstaltet. Mit dabei war die Redaktion des myTischtennis-Teams – Redakteur Fabian Kleintges-Topoll und Volontär Timo Gotsch berichten von ihrem „Marty Supreme“-Erlebnis. Keine Sorge: Die wesentliche Handlung des Filmes wird nicht verraten.

    Fabians Meinung:

    Der Hype um das von vielen Experten im Vorfeld angepriesene Meisterwerk war riesig. Entsprechend hoch waren auch meine Erwartungen – und am Ende wurden sie nicht komplett erfüllt. Vorweg: Mit 149 Minuten Laufzeit ist der Streifen einen Tick zu lang geraten. 100 bis 120 Minuten hätten dem Film gutgetan. Schnell wird spürbar, warum der tischtennisverrückte Regisseur Josh Safdie für seine intensiven, teilweise schonungslosen Inszenierungen bekannt ist.

    Die größte Stärke des Films ist zweifellos die schauspielerische Leistung von Timothée Chalamet in der Hauptrolle, der nach eigener Aussage zur Vorbereitung selbst sieben (!) Jahre Tischtennistraining betrieben haben soll und seinen großen Traum lebt. Timo Boll schwärmte im Interview nach der Vorstellung nicht ohne Grund von dessen Professionalität: „Wir haben fünf Ballwechsel gedreht, wie sie zu der Zeit typisch waren. Nur einer wurde genommen. Ich hatte Muskelkater“, scherzte der Rekordeuropameister, der für wenige Sekunden auf der Leinwand zwei Wochen in die USA (nach New York) reiste.

    Die sportlichen Erfolge von Marty Reisman bleiben letztlich jedoch Nebensache. Viel stärker rückt das chaotische, tragische Leben des Protagonisten in den Fokus. Marty wird als klassischer Antiheld gezeichnet: einsam, aufreißerisch, selbstüberschätzt, narzisstisch, betrügerisch, skrupellos, zugleich emotional, ehrgeizig, rhetorisch brillant und manipulativ – inszeniert mit einer Prise Humor und satirischer Überhöhung.

    Manche Szenen wirken bewusst irritierend oder reizüberflutend. In die Figur kann man sich als Zuschauer schnell hineinversetzen und möchte sie im einen Moment schütteln, im nächsten in den Arm nehmen. Die Nebencharaktere bleiben dramaturgisch im Hintergrund, was den starken Fokus auf Marty unterstreicht. Die Handlung verlangt Aufmerksamkeit; einen klaren, klassischen Plot sucht man letztlich allerdings vergeblich.

    Am Ende vergebe ich drei von fünf Sternen. Gerade die Tischtennisszenen sind deutlich authentischer und dynamischer inszeniert als einst bei „Forrest Gump“. Ob „Marty Supreme“ jedoch wirklich in die großen Fußstapfen seines Vorgängers treten kann, bleibt abzuwarten. Neun Oscar-Nominierungen lassen es zumindest erahnen.

    Timos Meinung:

    Was für ein Film ist „Marty Supreme“ eigentlich? Nach den überzeugenden ersten Trailern zum Hollywood-Streifen mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle wusste ich zwar nicht ganz, was mich erwarten sollte – aber ich war sehr angetan von dem Mix aus der Stimmung und Musik. Ich erhoffte mir einen mitreißenden Abenteuerfilm, dessen charismatischer Antiheld-Protagonist mich mit auf eine wilde Fahrt durch allerlei Tischtennis-Turniere nimmt.

    Bekommen habe ich dann etwas weniger Tischtennis, als dem Film vielleicht gutgetan hätte. War der Sport um den kleinen weißen Ball in Robert Zemeckis‘ Meisterwerk „Forrest Gump“ (1994) eher eine Randnotiz und so herrlich überdreht, dass ich es lustig fand, nimmt „Marty Supreme“ den Sport sehr ernst.

    Der Film startet recht bald mit einem großen Turnier, Timo Boll bekommen wir früh zu sehen. Als Tischtennis-Fan ist man in der ersten halben Stunde glücklich, wenn auch vielleicht etwas irritiert von dem doch sehr derben Touch, den der Film gleich zu Anfang unter Beweis stellt – wer die Szenen sieht, wird merken, was ich meine.

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    • Augen auf: Wer Timo Boll im Film erkennen will, muss vor allem am Anfang aufpassen. (© Tobis Film)
    • Richtig schön oldschool: Die Tischtennis-Szenen in „Marty Supreme“ erinnern daran, wie der Sport in den 40er und 50er-Jahren war. (© Tobis Film)

    Aber aus Tischtennis-Sicht biegt der Film nach dem durchaus mitreißend inszenierten Turnier in die falsche Richtung ab. Es gibt mehrere abstruse Handlungsstränge, die zwar Spaß machen, weil Timothée Chalamet wirklich brilliert und es schafft, einen eigentlich abstoßenden Charakter so charismatisch zu verkörpern, dass man mit ihm mitfiebert – aber die Verstrickungen um eine Film-Diva (Gwyneth Paltrow) und einen Hund sind nicht das, was Tischtennis-Fans wohl sehen wollen. Deutlich wird nach einigen Liebes- und Gewaltszenen auch: Der Film ist definitiv nicht für Jüngere gedacht.

    Nach dem (zu) langen Intermezzo geht es zum Ende wieder endlich mehr um Tischtennis. Längst ist dann aber klar, dass der Film mit dem echten Leben von Marty Reisman (der im Film auch Marty Mauser heißt) so ziemlich nichts zu tun hat. Zwar sind die Ballwechsel spannend inszeniert, aber kommen sie kaum an die echte Spannung eines Tischtennis-Matches heran – wenn man diese als Tischtennis-Spieler kennt. Alle Nicht-Tischtennisspieler könnten durch „Marty Supreme“ tatsächlich mal einen kleinen Geschmack davon bekommen, wie nervenaufreibend dieser Sport sein kann.

    Apropos Inszenierung: So spannend die Ballwechsel auch dargestellt sind, so sehr kann man ihnen leider anmerken, dass die Bälle per Computer eingefügt wurden. Die Ballsprünge sind manchmal verzerrt und wirken teils unnatürlich. Trotzdem sind sie deutlich authentischer als die Szenen aus „Forrest Gump“, wenngleich sie mit dem modernen Tischtennis, das wir heute kennen, auch nicht mehr viel gemeinsam haben.

    Tatsächlich ist ein Vergleich zu „Forrest Gump“ naheliegender, als man vorerst denken könnte. In beiden Filmen geht es um einen jungen Mann, der irgendwie durchs Leben kommt, und mit Tischtennis (mehr oder weniger) Erfolg hat. Der Charme beider Filme liegt auch darin, dass sie Genre-Chamäleons sind, die man wohl gesehen haben muss, um zu wissen, was einen genau erwartet.

    Nach dem Anschauen von „Marty Supreme“ wusste ich immer noch nicht ganz, was genau der Film sein will – zumindest aus meiner Perspektive als Tischtennisspieler. Einerseits erkennt man, dass Regisseur Josh Safdie und Timothée Chalamet dem Sport viel Liebe entgegenbringen, aber für einen Film, der Tischtennis so ernst nimmt, hätte man dann doch etwas mehr davon erwartet.

    Letztlich muss wohl der (deutsche) Kino-Erfolg abgewartet werden, um abzuschätzen, was „Marty Supreme“ dem Tischtennissport wirklich bringt. Ich gebe ebenfalls drei von fünf Sternen. Dass der neue Film ähnlich bei den Oscars abräumen wird wie Forrest Gump, glaube ich nicht – aber Chalamets oscarreifes Schauspiel ist ziemlich genau das, was man sich als Filmfan wünscht.

    Heute erscheint der Film Marty Supreme mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle in den deutschen Kinos. Wollt ihr ihn euch ansehen? Oder wie fandet ihr den Film nach eurem Besuch? Berichtet gern (spoilerfrei) in den Kommentaren!

    Hier könnt ihr einen der Trailer sehen:

    „Catch me if you can“ trifft „The Wolf of Wall Street“ – wer die beiden Filme kennt und mag, könnte seinen Spaß an Marty Mausers Abenteuer haben. (© Tobis Film)

    2 Kommentare

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