Mengel: "In großen Krisen öffnen sich oft neue Türen"

    Nach seinem doppelten Triumph bei den Feeder-Turnieren in Portugal als Qualifikant und Düsseldorf innerhalb von einer Woche ist Steffen Mengel aktuell der Mann der Stunde. Erstmals seit dem Ende seiner Zugehörigkeit zum DTTB-Kader 2018 steht der Bundesligaspieler aus Mühlhausen mit 35 Jahren wieder in den Top 100 der Weltrangliste. Was der frühere Nationalspieler zu seinem Aufschwung sagt, wie der zweifache Familienvater seine größten Rückschläge weggesteckt hat und welche Pläne er für die Zukunft hat, lesen Sie im ausführlichen myTischtennis.de-Interview.
    Bild: Zweiter Frühling mit 35: Steffen Mengel spricht über seinen Aufschwung. (©WTT)
    Zweiter Frühling mit 35: Steffen Mengel spricht über seinen Aufschwung. (©WTT)
    myTischtennis.de: Steffen Mengel, zunächst auch von uns Glückwunsch zu den ersten beiden internationalen Einzel-Titeln deiner Karriere. Wie ordnest du die Erfolge mit etwas Abstand ein?
    Steffen Mengel: Vielen Dank! Ich bin sehr glücklich. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, weil für mich nach vielen Rückschlägen ein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist. Ich wollte unbedingt noch mal angreifen und habe im Training gemerkt, dass ich noch auf sehr hohem Niveau spielen und auch Top-Spieler schlagen kann. Ich habe noch einige sportliche Ziele, die ich erreichen möchte und will den Leuten, die mich abgeschrieben haben, weiter beweisen, wie gut ich noch bin und dass mit mir immer noch zu rechnen ist, zumal ich beide Turniere nicht glücklich, sondern verdient gewonnen habe. Das war schon eine Genugtuung. In Portugal habe ich nach dem Finale zehn Minuten auf dem Stuhl gesessen, es sind auch Tränen geflossen. Dass es mich so emotional gepackt hat, habe ich vorher noch nie erlebt.
    myTischtennis.de: Einen Monat vor der Meldung für das Turnier in Vila Nova de Gaia bist du zum zweiten Mal Vater einer Tochter geworden. Hat dich das auch beflügelt?
    Steffen Mengel: Definitiv. Es war ein ganz schönes Hin und Her, ob ich überhaupt spiele. Meine Tochter ist am 24. Oktober geboren. Ich habe meine Frau gefragt, ob sie es zuhause Ende November für ein paar Tage ohne mich schafft. Sie hat gesagt: ,Flieg hin‘, weil sie weiß, wie viel mir daran liegt und dass ich da ein bisschen verrückt bin.
    myTischtennis.de: Von März bis zum Saisonstart hattest du mit langwierigen Verletzungsproblemen zu kämpfen. Wie schwer war dein Weg zurück zu alter Stärke?
    Steffen Mengel: Es war eine sehr schwere Zeit und nicht zu 100 Prozent klar, wie sich alles entwickelt. Ende Februar habe ich noch gegen Timo [Boll; Anm. d. Red.] gespielt und schon leichte Krampfgefühle im Rücken gespürt. Drei Tage später war dann plötzlich 95 Prozent der Kraft im Oberschenkel weg. Die Maximalkraft lag unter fünf Kilo. Ich konnte mein Bein nicht mehr richtig ansteuern und musste mich beim Treppenlaufen am Geländer festhalten, um nicht kopfüber runterzufallen. Da denkt man sich schon: ,Was ist denn jetzt los?‘ Das MRT hat einen kleinen Bandscheibenvorfall ergeben, der aber den kompletten Nerv behindert hat. Einen Monat lang ging überhaupt nichts, bis ich wieder leicht aus dem Stand angefangen habe, ein paar Bälle zu blocken. Weil die Belastung dann aufs Knie ging, habe ich mir noch den Meniskus gerissen und musste im Juni noch mal operiert werden. Dann habe ich meine Koffer gepackt und bin für zwei Wochen in eine Spezialklinik nach Sri Lanka geflogen, wo der Nerv mit anderen Therapieansätzen wieder freigesetzt worden ist. Jetzt bin ich endlich wieder komplett fit. 
    myTischtennis.de: Auch dein Aus in der Nationalmannschaft vor fünf Jahren war unter anderem Folge von körperlichen Problemen. Wie bist du damit umgegangen?
    Steffen Mengel: Ich hatte damals Schmerzen und es wurde ein Teilriss im Hüftmuskel festgestellt. Doch es war eine ärztliche Fehldiagnose und wurde über Monate falsch behandelt. Es kam vom Rücken her und ich musste operiert werden. In dieser Zeit wurde auch das Weltranglistensystem umgestellt. Seitdem zählen nur noch die Ergebnisse der letzten zwölf Monate, ich bin auf Platz 936 abgerutscht. Mir wurde dann mitgeteilt, dass es in Bergneustadt für mich nicht weitergeht und ich meinen Kaderstatus verliere. Da hing für mich sehr viel dran, unter anderem mein Platz bei der Bundeswehr oder mein Sponsorenvertrag. Dann stand ich mit 30 da und hatte das Gefühl, dass mein Leben bei Null anfängt. Das war schon eine sehr harte Zeit mit Gedanken, die man lieber schnell verdrängen sollte. 
    myTischtennis.de: Um nicht in ein tiefes Loch zu fallen, hat für dich wenig später die Zusammenarbeit mit deinem Privattrainer aus der Schweiz, Samir Mulabdic, begonnen. Ein Glücksgriff, wie sich später herausstellen sollte.
    Steffen Mengel: Ich brauchte jemanden, der mir hilft, zurückzukommen, weil sich niemand mehr um mich gekümmert hat. Ich kannte Samir und hatte eine gute Meinung von ihm. Dann habe ich ihn mal angerufen und wir haben uns in Koblenz zusammengesetzt. Es war ein langes Gespräch. Wir haben viel analysiert und danach sehr oft zusammen trainiert, in der Schweiz oder in Mühlhausen, neben meinem Haupttrainingsschwerpunkt in Düsseldorf. Er hat mir viele Schlag- und Beinarbeitstechniken vermittelt, die ich auf dem Niveau so nicht kannte. Er ist der Trainer, von dem ich am meisten über Tischtennis gelernt habe. Ich bin sehr dankbar, dass er sich dieser Herausforderung angenommen hat. Er hat mein Spiel auf ein neues Level gebracht. Man sieht, dass es langsam Früchte trägt. Ich bin groß und war koordinativ nie der Beste. Mit 30 brauchte es seine Zeit, um gewisse Automatismen zu verinnerlichen und umzusetzen. Jetzt bewege ich mich viel besser. In den größten Krisen öffnen sich manchmal neue Türen. Es ergeben sich Dinge, mit denen man nicht rechnet. Ich habe von der Zusammenarbeit enorm profitiert. 
    myTischtennis.de: Trotzdem musstest du beim Heim-Feeder in Düsseldorf ohne Coach auskommen. Was war der Grund dafür?
    Steffen Mengel: Das hat mich schon traurig gemacht. Ich habe einen Tag vor dem Turnier ein Foto mit den Ansetzungen der deutschen Spieler geschickt bekommen. Bei den Herren waren drei Trainer im Einsatz, bei den Damen zwei. Und bei mir stand keiner, auch wenn am ersten Tag nur einer zeitgleich mit mir gespielt hat. Ich wurde nicht einmal gefragt, ob ich betreut werden möchte. Auch am Finaltag, als ich als letzter Deutscher noch im Rennen war, war kein Trainer in der Halle, um mich zu unterstützen. Ich habe die Scheuklappen aufgezogen und in den Einzelkämpfer-Modus geschaltet. Das war schon schade. Samir ist natürlich nicht bei jedem Turnier dabei, er war jetzt auch mit seinen Spielern woanders unterwegs. Er hat seine Verpflichtungen beim Verband, weil er für die Schweiz als Nationaltrainer und Sportdirektor aktiv ist. 
    myTischtennis.de: Als unabhängiger, nicht vom Verband geförderter Spieler musst du dich komplett selbst finanzieren. Lohnt sich da überhaupt die Kosten-Nutzen-Rechnung mit Blick auf das Start- und geringe Preisgeld bei einem Feeder? Und sind künftig auch Contender oder Star Contender für dich attraktiv?
    Steffen Mengel: Ich zahle alles aus eigener Tasche. Beläge, Trainer, Turniere. Ich kann aber sagen, dass das, was ich in den vergangenen zehn Tagen erlebt habe, mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist. Viele haben mich gefragt, wieso ich diese Turniere spiele, wo ich nicht mehr in der Nationalmannschaft bin und mich auf die TTBL konzentrieren könnte. Ich habe zwei Turniere gewonnen und nicht mal die Kosten für den Flug und die Unterkunft in Portugal raus. Das ist für Außenstehende schwer zu erklären, warum man dann um die halbe Welt fliegt. Aber die Weltrangliste ist einfach das Markenzeichen, um sich Plätze bei großen Turnieren zu erspielen. Es zählen nur die besten acht Ergebnisse eines Jahres. Wenn man 18 Mal meldet und zehn Mal schlecht spielt, ist das egal. Für die Möglichkeiten, die sich jetzt auftun, habe ich unglaublich hart gekämpft. Wie schon gesagt, habe ich meine ganzen Träume und Ziele noch nicht erreicht. Ich möchte unbedingt weiter Gas geben. Vor vier Wochen hätten 98 Prozent der Leute noch gesagt: ,Was der Mengel da vor hat, ist Utopie.’ Ich liebe die Herausforderung und bin dank drei von acht Turnieren auf Platz 71 geklettert. Vielleicht ergibt sich sponsorentechnisch wieder etwas, dass ich zumindest bei den Reisekosten unterstützt werden kann. Am liebsten hätte ich noch in Italien gespielt, aber wir spielen am 16. Dezember mit Mühlhausen gegen Grenzau.
    myTischtennis.de: Deine TTBL-Bilanz ist ausgeglichen. Mit dem Post SV bist du auf Tuchfühlung zu den Play-offs. Was ist national in dieser Saison möglich?
    Steffen Mengel: Mühlhausen ist ein guter Verein, die Team-Chemie stimmt. Ansonsten passt auch alles. Bei unseren Heimspielen vor 450 Fans herrscht die beste Stimmung in der Liga. Es macht einfach enorm Spaß, dort zu spielen. Wir wollen wieder in die Play-offs kommen. 
    myTischtennis.de: Mit 35 ist bei dir noch nicht an ein Karriereende zu denken. Machst du dir trotzdem Gedanken darüber?
    Steffen Mengel: Ich denke schon darüber nach, was einen irgendwann reizen würde. Aber ich brenne noch extrem dafür, Profi zu sein, und spüre noch so viel Energie und Lust, viele Jahre auf hohem Niveau zu spielen. Danach werden wir sehen. Natürlich ist die Profi-Karriere endlich. Aber ich möchte mir niemals vorwerfen: ,Wenn du damals nicht das und das gemacht hättest, dann wäre das und das drin gewesen.'"
    (FKT)

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