Der Mann, der Marty („Supreme“) Reisman besiegte
Ab Donnerstag ist der Film „Marty Supreme“, der an das Leben des US-Tischtennisspielers Marty Reisman angelehnt ist, in deutschen Kinos zu sehen. Franz-Josef Hürmann aus Hamm erzählt von seinem denkwürdigen Duell mit Reisman 1977 in Las Vegas.

Es ist zwar schon fast 50 Jahre her, aber Franz-Josef Hürmann kann sich noch genau daran erinnern, wie Marty Reisman bei den geschlossenen amerikanischen Meisterschaften im Jahr 1977 den Caesars Palace in Las Vegas betrat. Der US-Amerikaner, der in den 40er- und 50er-Jahren mehrfach bei Weltmeisterschaften aufs Siegertreppchen steigen durfte, hatte seinen ganz eigenen Stil - spielerisch wie optisch. So setzte er bis zu seinem Lebensende auf einen sogenannten „Hardbat“ - ohne Schwamm, mit kurzen Noppen - und war bekannt dafür, mit langer Hose, weißen, dünnen Turnschuhen, schwarzem Rollkragenpullover und französischem Barett auf dem Kopf an den Tisch zu gehen. „Er war schon ein bunter Vogel“, erinnert sich Hürmann. „Vor dem Finale gegen mich hat er erst einmal den Roomservice vom Caesars Palace in die Halle bestellt, der ihm mit goldenem Wägelchen sein Frühstück serviert hat.“
Mit Green Card zu den Meisterschaften
Ein extravaganter Typ also, der kürzlich Hollywood inspirierte. Regisseur Josh Safdie drehte den Kinofilm „Marty Supreme“ mit „Dune“-Star Timothée Chalamet in der Hauptrolle, die zumindest grob an das Leben von Marty Reisman angelehnt ist. „Als ich gehört habe, dass Martys Leben verfilmt wird und Timothée Chalamet die Hauptrolle spielen soll, habe ich sofort gesagt: Es gibt keinen Besseren, der Marty verkörpern kann. Allein schon von seiner Statur und seinem Aussehen passt er perfekt“, findet Hürmann, der zweimal die Ehre hatte, mit Reisman am Tisch zu stehen. Der ehemalige Hammer Bundesligaspieler lebte von 1974 bis 1979 in den USA und hatte dank seiner US-amerikanischen Ehefrau eine Green Card, die es ihm ermöglichte, an den geschlossenen amerikanischen Meisterschaften teilzunehmen. Wie Reisman setzte Hürmann sein ganzes Leben lang auf ein Brettchen als Spielgerät, noch heute spielt er mit einem Eberhard-Schöler-Schläger, und hatte sich in der amerikanischen Tischtennisszene, die damals nur über Turniere funktionierte, bereits einen Namen gemacht.

Bei den amerikanischen Meisterschaften wurde in den unterschiedlichsten Klassen gespielt. So gab es auch eine Kategorie „Hardbat“, die laut Hürmann auf Reisman zurückging. „Nachdem er 1952 bei der WM hoch gehandelt worden war, aber dort erstmals auf Spieler mit Schwämmen traf, die den Sport komplett veränderten, hatte Reisman gesagt: Gegen diese Betrüger spiele ich nicht mehr“, erzählt der 76-Jährige. „Auch um ihn, den Meister dieses Spiels, weiter zu würdigen, sind danach diese Hardbat-Turniere entstanden.“ Als Hürmann 1977 bei den US-Meisterschaften auflief, war Reisman allerdings noch gar nicht in Las Vegas. Erst als sich herausstellte, dass hier ein junger Deutscher im Teilnehmerfeld war, der dem Meister gegebenenfalls Paroli bieten konnte, wurde Reisman extra aus New York eingeflogen. Am Ende des Wettbewerbs traf er im erhofften Endspiel dann tatsächlich auf Hürmann, der die Halle - gefüllt mit etwa 1000 anderen Teilnehmern - hinter sich hatte.
„Die wollten ihn endlich mal verlieren sehen“
„Weil er seine Fähigkeiten schon sehr deutlich nach außen gestellt hat, war Reisman nicht unbedingt beliebt“, lacht der 20 Jahre Jüngere. „Die Leute in der Halle wollten den Kerl endlich mal verlieren sehen, was in der Kategorie vorher noch nie passiert war.“ Und genau das gelang dem jungen Deutschen, der anders, als es Reisman gewohnt war, mit dem Brettchen viel Unterschnitt mit der Rückhand erzeugen konnte. „Die Noppenentwicklung in Europa war da ein bisschen weiter. Martys Noppen hatten einen geringeren Durchmesser und waren kaum griffig“, erklärt Hürmann. „Marty hat versucht, mich abzuschießen, aber die Bälle landeten reihenweise im Netz und im Aus. Er hat in den ersten Sätzen gar nicht verstanden, was da passiert.“ Doch Reisman demonstrierte seine Klasse, indem er seine Strategie im Laufe des Spiels an seinen Gegner anpasste, nicht mehr schoss, sondern Hürmann laufen ließ. „Ich war völlig am Ende hinterher“, erinnert sich der Hammer, der das Spiel trotzdem mit 3:0 (21:7, 21:15, 21:19) nach Hause brachte. „Der letzte Satz war schon richtig knapp. Wenn er den gewonnen hätte, weiß ich nicht, ob ich das Spiel für mich hätte entscheiden können.“
Reisman, der in den USA nicht nur für seine Einsätze in der Nationalmannschaft, sondern vor allem auch als ‚Zocker‘ bekannt war und beim Stand von 19:19 gerne mal einen Hunderter unters Netz legte, hatte gleich ein Angebot parat: Er lud den in Phoenix lebenden, frischgebackenen Familienvater in seinen Club in Manhattan ein, wo regelmäßig um Geld gespielt wurde. Hürmann sollte den Einsatz bestimmen, lehnte die Einladung aber ab. Erst 30 Jahre später begegneten sich die beiden wieder, als der Hammer seinen in den USA lebenden Sohn Noel besuchte und mit ihm zu den - diesmal offenen - amerikanischen Meisterschaften fuhr. Schon in der Hotellobby sprach der Deutsche den immer noch extravagant auftretenden Reisman an, der inzwischen 77 Jahre alt war, sich aber durchaus noch an ihn und die Niederlage vor 30 Jahren erinnern konnte. Wie es das Schicksal wollte, trafen die beiden dann auch am Tisch noch einmal aufeinander - diesmal im Doppel-Finale. Und auch hier musste Reisman wieder eine Niederlage einstecken. „Noel konnte mit dem Hardbat ganz hervorragend angreifen, ich habe abgewehrt - und dann haben wir Marty wieder mit 3:0 geschlagen“, erzählt Hürmann. „Da habe ich ihn zum letzten Mal gesehen, 2012 ist er dann verstorben.“
Filmaufnahme aufgetaucht
Dass Marty Reisman nun Vorbild für einen Hollywood-Streifen ist, hätte Hürmann sich nicht träumen lassen. Den Film wird er einen Tag vor dem offiziellen Deutschlandstart bei einem Preview-Event in Düsseldorf am Mittwoch sehen, wo auch Timo Boll anwesend ist und Hürmann seine Geschichte erzählen wird. „Ich bin schon ganz gespannt und freue mich riesig“, sagt der 76-Jährige, der, seit der Film in aller Munde ist, selbst ein wenig in der Vergangenheit gekramt hat. Viele Jahre nach den US-amerikanischen Meisterschaften 1977 ist auf einem US-amerikanischen Dachboden nämlich eine alte Aufnahme auf einer Acht-Millimeter-Filmrolle aufgetaucht, anschließend digitalisiert und Hürmann geschickt worden. An Hollywood-Niveau kommt der aus dem Publikum gefilmte Amateur-Streifen des Hardbat-Endspiels zwischen dem deutschen und amerikanischen Brettchen-Spezialisten aus dem Jahr 1977 zwar nicht heran. Eine tolle Erinnerung an eines der denkwürdigsten Spiele aus Hürmanns Karriere ist er aber allemal.
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