Das KZ dank Tischtennis überlebt: Aloizy Ehrlich

    Auf den Tag genau 77 Jahre war es am 27. Januar her, dass das Konzentrationslager in Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Einer, der als Gefangener nach Auschwitz deportiert wurde, war der Pole Aloizy "Alex" Ehrlich. Um den dreifachen Vize-Weltmeister im Einzel ranken sich einige Legenden. Gesichert ist immerhin, dass er dem Tod in der Gaskammer entging, weil die Nazis ihn als Profispieler erkannten. 
    Bild: Alex Ehrlich während eines Interview in den 80er-Jahren (©YouTube)
    Alex Ehrlich während eines Interview in den 80er-Jahren (©YouTube)
    "Er ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten, die es im Tischtennissport je gegeben hat", berichtet Günther Angenendt, der Besitzer des mobilen Tischtennis-Museums, mit Blick auf Aloizy "Alex" Ehrlich, über den es so viele Geschichten zu erzählen gäbe. Historisch gesichert ist allerdings nur manches davon. Fest steht, dass Ehrlich dem Tod in der Gaskammer entging, weil er von den Nazis als jemand identifiziert wurde, der er insbesondere vor, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg war: ein Weltklasse-Tischtennisspieler. 
    Sechs Medaillen gewann der 1914 geborene Pole insgesamt bei den Weltmeisterschaften 1936, 1937 und 1939, während er 1938 leer ausging. Dreimal erreichte er bei den drei erstgenannten Turnieren das Finale im Einzel, dreimal unterlag er. 1939 trat Ehrlich als Ägypter an, weil er vom ägyptischen König Faruq als Trainer für die Damen-Mannschaft des Landes verpflichtet worden war und Polen aufgrund von Restriktionen bei der WM nicht vertreten war. Geschichte hatte Ehrlich aber vor allem 1936 geschrieben, mit dem längsten bei einer Weltmeisterschaft gespielten Ballwechsel. Zwei Stunden und zwölf Minuten schupften sich Ehrlich, der eigentlich auch Angriff spielen konnte, darauf aber in diesem Spiel verzichtete, und Farkas Paneth im Spiel zwischen Polen und Rumänien den Ball hin und her. Zweimal musste in dieser Zeit der Schiedsrichter ausgetauscht werden (siehe Kommentar von Ehrlich im unten aufgeführten Video).
    Da Rumänien durch die Ergebnisse der vorherigen Spiele schon für das Finale qualifiziert war, bekam Paneth vom rumänischen Coach die 'Erlaubnis', die Partie gegen Ehrlich verlieren zu dürfen – nach dem über zwei Stunden andauernden Ballwechsel und dem zweiten Ballwechsel des Spiels, der sich ebenfalls über mehr als zehn Minuten erstreckte. Im späteren Finale sahen die Rumänen gegen Österreich schon wie die sicheren Sieger aus, doch Paneth verlor sein Spiel gegen Alfred Liebster noch nach 14:6-Führung im entscheidenden Satz. Polen wiederum und Alex Ehrlich durften sich über den dritten Platz freuen, für ihn war es die zweite Bronzemedaille mit der polnischen Mannschaft. Die hatte er schon 1935 in Wembley gewonnen, genau wie Bronze im Einzel. 
    In Honig gewälzt, um Mitgefangene mit Kalorien zu versorgen
    1939 brach der Zweite Weltkrieg aus und der jüdische Alex Ehrlich wurde in den Kriegsjahren von den Nazis gefangen genommen. In einer Quelle heißt es, er wurde zunächst nach Auschwitz deportiert und später nach Dachau. Eine andere Quelle erwähnt nur Auschwitz. "Über die Zeit im Konzentrationslager hat er selbst auch wenig gesprochen. Daher ist nicht alles bekannt", erzählt Günther Angenendt. Eine kuriose Geschichte aus dieser Zeit gebe es laut Angenendt jedoch zu berichten: So soll Ehrlich sich an einem Bienenstock in Honig gewälzt haben, damit seine Mitgefangenen von diesem Honig essen und somit zumindest ein paar Kalorien zu sich nehmen konnten. "Er selbst war als junger Sportler für die Strapazen im KZ vergleichsweise gut gewappnet", erläutert Angenendt. 
    Auch nach dem Krieg war der Tischtennissport das erste Standbein von Alex Ehrlich, der nach Paris zog und bei Weltmeisterschaften fortan für Frankreich auflief. Nicht nur als Spieler war der gebürtige Pole bei internationalen Meisterschaften in verschiedenen Ländern häufig aktiv, sondern auch als Trainer verdiente er seine Brötchen. Zudem verkaufte Ehrlich Tischtennis-Equipment und verdiente auch am "Ehrlich-Schläger" mit. Den hatte der schwedische Hersteller STIGA auf den Markt gebracht, er zeichnete sich durch Löcher im Griff aus, die der Schweißabfuhr dienten. 1964 stellte Ehrlich bei der EM in Malmö einen Tischtennisroboter vor, den er – wahrscheinlich auch mit Hilfe von STIGA – entwickelt hatte. Später betrieb Alex Ehrlich in Frankreich ein Tischtennis-Ferienzentrum und starb am 7. Dezember 1992 in einem Krankenhaus in Saint-Denis im Alter von 78 Jahren.

    In diesem Video spricht Alex Ehrlich über den Marathon-Ballwechsel von 1936:

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