Timos Blog: Abschied einer großen, aber normalen Spielerin

    Beim Pokalevent in Kolbermoor war eigentlich alles wie immer. Zwei Tage Damen-Tischtennis pur, Sieg vom Serienmeister Berlin – aber diesmal dazwischen: die Verabschiedung einer der Bundesliga-Ikonen. Sohn und myTT-Volontär Timo war dabei.

    Die junge neben der alten Generation: Annett Kaufmann und Qianhong Gotsch spielten lange Zeit im selben Team. (© Gotsch)

    Es gibt Zeiten, die schätzt man erst, wenn sie schon längst vergangen sind. Ich erinnere mich noch genau an die Spieltage der Damen-Bundesliga in Böblingen. In der Halle am Silberweg gab es drei Reihen Zuschauerbänke, die an einem guten Tag ziemlich voll waren. Ich war acht, zehn oder zwölf Jahre alt. Und wenn ich nicht im Bistro war, dann kletterte ich manchmal zwischen die Gerüste der Zuschauerbänke. Dort versteckte ich mich, während der Ball auf dem Tisch klickte und die Zuschauer über mir aufstampften, klatschten, jubelten – typische Sounds meiner Kindheit. An etwas erinnere ich mich aber nicht: die Spiele meiner Mutter. Ich hatte sie so gut wie nie gesehen, obwohl ich oft genug in der Halle war. Ich las lieber oder spielte auf dem Nintendo 3DS.

    Wenn die Spiele vorbei, waren rannte ich zu meiner Mutter. „Hast du gewonnen?“, fragte ich dann. „Natürlich“, sagte sie ziemlich oft und lachte dabei. Allein für die SV Böblingen hat meine Mutter von rund tausend Pflichtspielen ganze 795 Siege eingefahren, dabei nur 181 Mal verloren. In der höchsten Damen-Tischtennis-Spielklasse zu gewinnen, war für sie täglich Brot. Für mich – und die Zuschauer – war es ebenso normal.

    Heute ist vieles anders als früher. Qianhong Gotsch – von allen „Hongi“ genannt, von mir „Mama“ – hat ihre ewige Karriere aus gesundheitlichen Gründen beenden müssen. Ihr früheres Leben, von dem ich als Kind nie etwas mitbekommen habe – die Ausbildung im harten chinesischen Sportinternat, die ersten Erfolge (Studenten-WM-Gold), der Bruch mit Chinas Nationaltrainern, das Finden einer neuen Heimat in Deutschland, der Gewinn von EM-Einzel-Gold, ihre Olympia-Teilnahme – könnte einen Roman füllen.

    Ein früheres Leben, ein normales Leben

    Inzwischen hat sie mir immer mal wieder aus ihrer Zeit in China erzählt: Wie sie im Internat die Kleidung des jüngeren Liu Guoliang wusch, wie sie als Strafe von den Trainern Rundenläufe aufgebrummt bekam, wie sie nur Abwehrspielerin wurde, weil im Internat Abwehr-Trainingspartner gebraucht wurden.

    Später, wegen des Zerwürfnisses mit Chinas Nationalteam und einem langwierigen Aufnahme-Prozess in die DTTB-Auswahl, konnte sie im besten Tischtennis-Alter kaum international spielen. Dennoch holte sie im Jahr 2000 Einzel-EM-Gold und wurde Fünfte bei den Olympischen Spielen in Sydney. Zu einem ganz großen Triumph, bei einer WM oder Olympia, kam es aber nie. Auch, weil sie kurz nach 2000 ihre internationale Reise beendete.

    Ob es sich gelohnt hat, zwei Kinder gegen die Chance auf eine große Medaille einzutauschen, habe ich sie mal gefragt. Es ist sehr ironisch, als Sohn diese Frage zu stellen – ihre Antwort war offensichtlich („Natürlich“, mit einem Lachen). Ein normales Leben mit Familie, mehr als das habe sie nie gewollt. „Nach einem Sieg, oder wenn man eine Medaille gewonnen hat – so schön es für den Moment auch ist, aber da oben an der Spitze ist man immer einsam.“

    So wie immer und doch anders

    Gemeinsam reisten wir am zweiten Januar-Wochenende zum Damen-Pokalevent ins bayerische Kolbermoor. Wir saßen auf der Tribüne, unten auf Tisch eins und Tisch zwei liefen die beiden Halbfinal-Partien. Der Ball klickte, die Zuschauer klatschten. Dieses Mal sah ich zu – aber meine Mutter war es nicht, die spielte.

    Zum ersten Mal seit 46 Jahren war sie als Fan und nicht als ein Profi bei einem solchen Event. „Seltsam, als Zuschauerin dabei zu sein“, sagte sie. „Es ist so spannend, ich kann das kaum aushalten.“ Ihr neues – und mittlerweile ehemaliges – Team, der SV DJK Kolbermoor, führte im Halbfinale mit 2:1, unterlag schlussendlich dem späteren Pokalsieger aus Berlin.

    Als sie nach dem Ende des Halbfinales zu den Spielerinnen ging, verwandelte sie sich von meiner Mutter zu der Bundesliga-Spielerin, die sie mal war – ein letztes Mal. Nach dem Wiedersehen mit alten (und jungen) Weggefährtinnen führte der SV DJK Kolbermoor in der Pause zwischen Halbfinale und Finale eine kurze, liebevolle Verabschiedung durch: eine Rede des Hallensprechers, meine Mutter bekam Applaus, Blumen und Schokolade. Viel Zeit war nicht – auch, weil meine Mutter wieder bald zurück in die Rehaklinik musste, die sie nur für diesen einen Tag hatte verlassen dürfen. Mit vielen Managern, Spielerinnen und auch den anwesenden DTTB-Verantwortlichen kam es gar nicht zu einem Gespräch.

    Die nächste Generation

    Als meine Mutter von der Bühne abtrat, wurde sie von einer jubelnden Annett Kaufmann empfangen. „Hongi!“, rief Annett, als sie meine Mutter in die Arme schloss und sich für die gemeinsame Zeit bedankte. „Ich habe so viel von dir gelernt." Es war rührend anzusehen.

    Tatsächlich hat Annett mit ihr lange Zeit gemeinsam in einem Team für die SV Böblingen gespielt, vor zwei Jahren wechselten beide zum familiären SV DJK Kolbermoor. Annett hat den Staffelstab schon längst übernommen, ihn schon ein gutes Stück geführt, bis nach Olympia in Paris. Dabei ist Annett erst 19 Jahre alt. Ohne Frage ein Wechsel der Generationen.

    Während Annett mit meiner Mutter sprach, wurden ich und der Rest meiner Familie angesprochen – eine Zuschauerin, die zwar nicht stören will, aber: „Könntet ihr Annett für mich fragen, ob sie ein Foto mit mir macht?“ Klar machten wir das, und klar machte Annett ein Foto. Der Moment zwischen der alten und der neuen Generation war vorbei. Die Damen-Bundesliga hat jetzt ein neues Gesicht.

    Kurz darauf startete das Finale. Wie so oft gewann Berlin. Irgendwie, so könnte man denken, hat sich nicht viel verändert. Meine Mutter hat so lange Zeit in der Bundesliga gespielt, sie ist vermutlich für die meisten Menschen normal geworden – so wie sie für mich schon immer war. Und auf eine gewisse Art und Weise war es auch dieser letzte Tag in ihrer langen Karriere: Es war die Verabschiedung einer großen, aber irgendwie normalen Spielerin.

    Es gibt Zeiten, die schätzt man erst, wenn sie schon längst vergangen sind. Die Halle in Böblingen ist mittlerweile umgebaut, die Zuschauerbänke anders, dort gibt es auch keine Damen-Bundesliga mehr. Und meine Mutter spielt nicht mehr. Aber wenn noch alles wie früher wäre – jetzt würde ich jedes Mal zusehen.

    Habt ihr besondere Erinnerungen an „Hongi“ und ihre Karriere? Schreibt es uns gern in die Kommentare!

    11 Kommentare

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