Phasendreschers TT-Lexikon: C wie Coaching
Ein Satz verloren, der Kopf voller Fragezeichen – höchste Zeit für einen guten Tipp von außen. Dumm nur, wenn niemand zugeschaut hat. "Phasendrescher" Philipp Hell behandelt in seinem "TT-Lexikon" den dritten Buchstaben im Alphabet: Für das C sucht er sich das "Coaching" aus und spricht über die Kunst, die nicht jeder beherrscht.

Der erste Durchgang ging schnell weg, ratlos stehe ich in der Satzpause an der Bande und rätsele, was da gerade eigentlich passiert ist. Zunächst wirkte der Gegner schlagbar, doch dann machte er lauter gemeine Aufschläge und zielte ständig unangenehm auf meine weite Rückhand – nach dem 3:3 lief bei mir eigentlich überhaupt nichts mehr zusammen. Nun wäre guter Rat teuer, etwas Coaching der Mitspieler könnte vielleicht eine – derzeit allerdings schwer vorstellbare – Wende einleiten.
Doch leider ist es wie so oft: Hans ist rauchen, Horst auf dem Klo, Fritz spielt selbst, Klaus ist Schiedsrichter. Und Peter hat sich zwar sofort zu mir gestellt und legt nun wichtig die Stirn in Falten. Doch außer der Aufforderung, unbedingt „mein Spiel zu spielen“ habe ich von Peter auch noch nie irgendeinen Ratschlag gehört. Ja, Coaching ist eine Kunst, die nun wirklich nicht jeder beherrscht.
Zuschauen wäre schon mal ein Anfang
Nun mag es verständlich sein, dass sich beispielsweise Noppen-Norbert schwertut, dem jungen Topspin-Helden Jayden spielerische oder taktische Ratschläge zu geben. Andererseits: Dass es bisher kein einziger seiner Topspins über das nun wirklich nicht besonders hohe Netz geschafft hat, dürfte sogar Jaydens Oma aufgefallen sein. Und die hat von Tischtennis sogar noch weniger Ahnung als Noppen-Norbert.
Für gute Tipps beim Coaching müsste man zunächst das Match seines Mitspielers verfolgt haben. Eine Voraussetzung, an der im Liga-Alltag oft viele Spieler scheitern. Schließlich gilt es, sich jovial mit dem gegnerischen Kapitän zu unterhalten, den man seit über zwanzig Jahren kennt. Außerdem darf man natürlich selbst während eines Punktspiels seinen Facebook-Feed nicht aus den Augen lassen. Und dann ist da ja noch Jans neue Freundin, die heute erstmals dabei ist und sehr apart am anderen Ende der Turnbank sitzt. Konzentration auf Bezirksklasse C-Tischtennis ist so natürlich kaum möglich.
Des Weiteren müsste bei der Beobachtung eines Satzes ein gleichbleibendes Muster aufgefallen sein, welches man dann in eine tieferliegende Erkenntnis überführen und schließlich in eine praktische Handlungsanweisung übersetzen könnte, zur akuten Verbesserung der sportlichen Performance unter rigider Hinzunahme mehrerer einfach umsetzbarer Sofortmaßnahmen. Ähm – wie bitte? Spielen wir hier gar nicht mehr Bezirksklasse C? Doch, doch, Helmut zitiert nur eifrig aus seinem neuen Trainer-Lehrbuch. Aber ob er dessen Inhalte schnell in praktische Tipps für seine Mitspieler umwandeln kann, ist mehr als fraglich.
Beim Coaching muss man also nehmen, was man kriegt. Aber oft genug fragt man sich, warum man eigentlich immer von Leuten „gecoacht“ wird, die mindestens 200 TTR-Punkte weniger haben als man selbst – aber nie von der Nummer eins. Der hätte wirklich Ahnung von der Materie – aber anscheinend nur selten Lust, sein Wissen zu teilen.
Klar ist eigentlich nur, dass man jetzt etwas ändern muss. Und zwar bald. Und dauerhaft! Nur was? Aufschläge in die Rückhand, Topspin in die Vorhand? Oder andersrum? Puh, keine Ahnung, am Tisch ist man oftmals froh, wenn man sich den Spielstand merken kann.
Dieser eine entscheidende Tipp
In fast allen Vereinen gibt es lediglich diesen einen Spieler, der wirklich ein gutes Auge für Tischtennis-Taktik und -Strategie hat. Damit hat er schon das ein oder andere Match seiner Mitspieler für sie gewonnen, weil sein Coaching eben diesen einen entscheidenden Tipp beinhaltete: Spiel ihn schnell auf der Rückhand an und dann direkt nachziehen. Aufschlag einfach auf den Bauch blocken und umgehend angreifen. Immer nur mit viel Schnitt arbeiten, bloß nicht gerade spielen. Solche Tipps eben – klingen erstmal einfach, und wenn man es ausprobiert hat, merkt man sofort einen Unterschied. Aber selbst draufgekommen? Ist man eben einmal mehr nicht. Und warum? Weil man einfach „sein Spiel spielt“ – wie immer. Und außerdem war auch Peter genau dieser Meinung.
Und dann gibt es noch das von der Seite reingerufene Coaching. Zwischen zwei Ballwechseln wird da – verbotenerweise – eine klare taktische Anweisung genannt, die weit über das übliche „Hau die Lusche weg!“ oder „Genau, immer auf den Bauch!“ hinausgeht. Das führt natürlich oftmals zu Konflikten mit den gegnerischen Zuschauern, die haben sich nämlich bisher brav mit Coaching zurückgehalten. Könnten jedoch auch anders, wie sie drohend ankündigen, denn taktisch haben die Jungs noch so Einiges in petto, das ist ja hoffentlich klar!
Allzu oft muss man sogar völlig ohne Coach auskommen. Bei wichtigen Spielen stehen aber dann plötzlich drei Mitspieler neben einem und reden intensiv auf einen ein. Hans hat dafür extra seine Zigarettenpause ausfallen lassen, Klaus kam sogar vom Schiedsrichter-Stuhl des Nachbartisches herübergelaufen und Werner ist heute eigentlich lediglich zum Zuschauen dieses vorentscheidenden Spiels gekommen, kann sich aber nun vor Hibbeligkeit kaum mehr zurückhalten. Schließlich hat er ganz genau gesehen, was hier falsch läuft. So überschlagen sich die drei mit zahlreichen Anweisungen für ihren Sportkameraden, der die Satzpause eigentlich nur für einen Schluck Wasser verwenden wollte und dafür, seinen Puls wenigstens wieder in annähernd gesunde Sphären zu bringen. Natürlich beinhalten diese Anweisungen vollständig gegensätzliche Tipps: offensiver, defensiver, mehr in die Rückhand, mehr in die Vorhand! Alles klar? Gut, dann hau ihn weg! Und, ganz wichtig: Spiel dein Spiel!
(Philipp Hell)
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Übrigens: "Phasendrescher" Philipp Hell hat nun schon sein zweites Buch auf den Markt gebracht. Nach "Netzball" geht es in "Schon wieder ein Netzball" weiterhin mit einem Augenzwinkern durch die Kreisliga.
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