Phasendreschers TT-Lexikon: B wie Belag
"Phasendrescher" Philipp Hell behandelt in seinem "TT-Lexikon" den zweiten Buchstaben im Alphabet: Für das B sucht er sich den "Belag" aus und erzählt von kryptischen Namen, riskanten Experimenten und der vergangenen Frischklebe-Chemiewolke.

Ein Tischtennis-Schläger lebt von seinem Belag. Schon klar, das Holz hat auch einen Einfluss auf das Spiel, aber der Belag kann alles grundlegend verändern: Noppe innen, Noppe außen, Anti? Es gibt so viele Möglichkeiten: schnell, langsam, mittel und seit einigen Jahren auch noch grün, blau, pink statt nur rot und schwarz. Wie soll man sich da entscheiden?
Kryptische Kürzel
Wer in Tischtennis-Katalogen blättert oder online sucht, findet bei Belägen bunte Bilder (allerdings ist das zumeist nur die Verpackung), vielversprechende Namen (Raptor, Predator, Baracuda) sowie Zahlenkolonnen und kryptische Kürzel. Nehme ich OF/OF- mit T 93, K 85 und S 93? Oder doch lieber AR+ mit T 89, K92 und S 94? Und dazu Schwammstärke 1,8 oder 2,0 oder gar 2,3? Schwierige Entscheidung. Zumindest für diejenigen, die sich mit diesen Kürzeln auskennen. Alle anderen fragen einfach Josef, denn der weiß immer über die heißen Belag-Modelle der Saison Bescheid.
Als Kind war alles noch ganz einfach: Damals wurde der erstbeste Schläger im Kaufhaus gekauft und das war’s. Von einem Belag konnte da natürlich nur im weitesten Sinne die Rede sein. Letztlich war auf einer runden Spanplatte ein Hauch von Schaumstoff geklebt und darauf befand sich eine dünne Gummischicht ohne jegliche physikalischen Eigenschaften. Es prüften zwar alle Experten an der Rundlauf-Platte an ihren Haaren, ob der Belag „noch zieht“ – aber eigentlich tat er das schon am Tag des Kaufs nicht. Und, hat es uns damals geschadet? Haben wir nicht trotzdem „das Schmettern“ gelernt und etwas, das entfernt an Unterschnitt erinnerte?
Das mag sein, aber natürlich lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen. Wenn heute Kinder neu im Jugendtraining auftauchen, haben sie spätestens nach drei Monaten dutzende YouTube-Videos gesehen, in denen ihnen alle Highlights des Beläge-Marktes erklärt werden. Mama freut sich schon, wenn sie einen Hunni für neue Beläge investieren soll, nur damit Emil bei der nächsten Vereinsmeisterschaft auf dem Treppchen landen kann. Aber trotzdem ist das immer noch günstiger, als eine komplette Eishockey-Montur zu erwerben.
Never change a winning team?
In den Erwachsenen-Mannschaften gibt es viele Spieler, die seit Jahren oder Jahrzehnten den gleichen Belag spielen – manchmal sogar denselben. Ab und zu wird vielleicht ein neues Exemplar bestellt, aber warum sollte man etwas ändern, das funktioniert? Schließlich ist Fritz auch seit 45 Jahren mit seiner Helga verheiratet – und zwar glücklich, wie er gerne betont.
Andere Spieler hingegen sind da experimentierfreudiger und kaufen sich regelmäßig neue Beläge. Wobei, nun ja, experimentierfreudig: Ist der Unterschied zwischen K 84 und S92 sowie K 86 und S 91 wirklich so groß? Stefan ist davon absolut überzeugt und lässt sich auch von Karl nichts einreden, auch wenn dieser lapidar feststellt: Beide Beläge sind rot. Handelt es sich bei Stefan etwa um einen „Tischtennis-Prinzen auf der Erbse“? Einen, der Dinge bemerkt, die andere einfach nicht spüren? Schon möglich, und daher kein Wunder, dass mindestens einmal je Saison neue Beläge ausprobiert werden. Und wenn es damit nicht läuft, hat er wenigstens direkt eine plausible Ausrede zur Hand.
Radikale Wechsel sind selten
Einen tatsächlich einschneidenden Belagwechsel nehmen nur wenige Spieler vor: den Wechsel auf einen Störbelag, also Noppen oder Anti. Entweder handelt es sich um langsam in die Jahre kommende Spieler, die ohnehin nie eine allzu starke Rückhand hatten. Da klebt man sich – der Legende nach – einfach so einen hässlichen Belag auf das Holz und spielt am nächsten Tag 30% besser und kann sich dabei auch noch 50% weniger bewegen. Das ist natürlich noch nicht mal die halbe Wahrheit, denn fairerweise muss man sagen: Manche sind auch nur 3% besser und bewegen sich genauso wenig wie vorher.
Die anderen Wechsler sind Jugendliche, bei denen der Trainer es aufgegeben hat, ihnen eine sinnvolle Rückhand beizubringen. Nach monatelangen hilflosen Versuchen greift mancher Trainer dann einfach zur „nuklearen Option“ und kauft Noah eine lange Noppe. Denn damit ist er zunächst mal der King in der Jugend-Bezirksklasse B. Er weiß zwar nicht, was er mit seinem neuen Belag tun soll – aber seine ebenfalls jungen Gegner wissen halt noch weniger, was sie dagegen tun sollen. Das ist kurzfristig ein Riesenvorteil, aber mittelfristig wissen natürlich alle, dass Noah es bei den Erwachsenen sicherlich nie über die zweitunterste Liga hinausschaffen wird. Aber das ist halt auch genau eine Liga höher, als er es mit einem glatten Rückhand-Belag je schaffen würde.
Wenigstens ist die Zeit des Frischklebens vorbei. Damals stank es in den Umkleiden und Tischtennis-Hallen nach Chemie, hörten sich die Beläge immer irgendwie komisch an und waren selbst Topspins von mittelbegabten Spielern schneller, als die Tischtennis-Polizei erlaubt. In dieser Zeit entschied der Belag schonmal im Alleingang über den Ausgang eines Spiels. Nicht unbedingt, weil ein Spieler mit frischgeklebtem Belag so stark war, sondern weil der Gegner von der Chemie in der Umkleide so benebelt war, dass er hinterher keinerlei Erinnerung mehr an die ersten beiden (schnell verlorenen) Sätze hatte.
(Philipp Hell)
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Übrigens: "Phasendrescher" Philipp Hell hat nun schon sein zweites Buch auf den Markt gebracht. Nach "Netzball" geht es in "Schon wieder ein Netzball" weiterhin mit einem Augenzwinkern durch die Kreisliga.
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