Phasendreschers TT-Lexikon: A wie Aufschlag
Unser „Phasendrescher“ Philipp Hell meldet sich mit einer neuen Blog-Serie, die ausnahmsweise nichts mit Phasen zu tun hat. In jeder Folge seines humorvollen „TT-Lexikons“ widmet er sich einem wichtigen Tischtennisbegriff von A bis Z.

Wer hat noch nicht lautstark „Der kann ja bloß Aufschläge!“ gejammert, wenn man sieben der letzten acht Returns ins Netz oder Aus gesetzt hat? Wer hat sich noch nicht beschwert, dass „Der keinen einzigen richtigen Aufschlag macht!“, schließlich sind die „alle aus der Hand“? Ja, der Aufschlag kann in einem Tischtennis-Match schon mal eine sehr zentrale Rolle spielen. Natürlich immer nur auf der falschen Seite, das ist klar! Oder hat sich jemals ein Spieler darüber beschwert, einen technisch stärken Gegner bezwungen zu haben, bloß weil dieser mit dem eigenen Service einfach nicht zurechtkam? Eben.
Aber wer trainiert denn schon regelmäßig Aufschläge? Wirklich nur die absolut Überambitionierten, die auch sonntags noch ein Individualtraining gebucht haben, weil ihnen nach dem Punktspiel am Freitag und dem „Race“ am Samstag sonst einfach langweilig wäre. Diese Jungs stehen nach Ende des normalen Trainings noch eine halbe Stunde am Tisch und üben den „Ovtcharov-Backspin“, den „Reverse Tomahawk“ oder den „Pendelaufschlag“. Irgendeinen Aufschlag jedenfalls, zu dem es zwar zahlreiche YouTube-Videos gibt, von denen Heinz aus der Vierten aber noch nie etwas gehört hat, weil: „Ich mach seit 30 Jahren immer den gleichen Aufschlag, das passt schon.“ Gut möglich, dass dies ein wichtiger Grund ist, warum Heinz eben seit 30 Jahren in der Vierten spielt, aber, klar, das passt schon.
Da pocht die Halsschlagader
Verfügt der Gegner über einen starken Aufschlag, können die meisten Spieler psychologisch damit ganz gut umgehen. Man ärgert sich zwar bitterlich über die eigene Unfähigkeit, diesen Aufschlag anzunehmen, aber kann man eben nicht ändern. Doch wenn es sich um tatsächlich oder vermeintlich falsche Aufschläge handelt, kochen die Emotionen gerne mal hoch: Vom Unterarm verdeckt, neben dem Tisch geschlagen oder direkt aus der Hand – egal, beim dritten Mal pocht die Halsschlagader! Ganz egal, ob das nun ein Vorteil für den Aufschläger ist oder nicht. Aber da geht’s dann eben schnell mal ums Prinzip, nicht wahr!? Könnte ja jeder kommen.
Also wird manchmal freundlich, meist jedoch unfreundlich beim Gegner eingefordert, doch bitte korrekte Aufschläge zu machen. Den Ball hochwerfen, zum Beispiel. Doch natürlich ist sich kein Gegner jemals einer Schuld bewusst. Weil: „Den mach ich schon immer so!“ Ja gut, klar, der war halt dann auch schon immer falsch, mein Freund. Oder spätestens nach der letzten Regelverschärfung, die auch schon wieder deutlich länger als ein Jahrzehnt her ist. Nächstes Argument: „Da hat sich bei mir ja noch niemand beschwert!“ Da weiß jeder erfahrene Amateur-Spieler, auch ohne im Augenwinkel den Mitspieler des Gegners eindeutig zusammenzucken zu sehen, dass das eine glatte Lüge ist. Und dass die direkt darauffolgende Drohung „Wenn ich meine Aufschläge nicht mehr machen darf, dann hör ich eben auf!“ ein absolut leeres Versprechen ist. Wenigstens pulsieren jetzt auf beiden Seiten des Tisches die Halsschlagadern.
Wer ist schuld?
Und wer ist schuld daran, dass kaum jemand richtige Aufschläge kann? Alle, weil es früher einfach egal war? Die Verbandsfritzen, die in der Praxis undurchsetzbare Regeln aufgestellt haben? Ah, ne, der Jugendtrainer. Weil der hätte es seinen Kids schon mal zeigen können, wie man so einen Aufschlag richtig ausführt. Jedenfalls sieht das Karlheinz so, der zwar selbst in 40 Jahren Tischtennis noch keinen Fuß während des Kindertrainings in die Halle gesetzt hat, der es aber trotzdem ganz genau weiß.
Doch wer je versucht hat, ein paar Zwölfjährigen einen Rollaufschlag beizubringen, bei dem nicht der Ball rückwärts in den Schläger geworfen wird, der werfe den ersten Tischtennis-Ball. Und, wehe, der Jugendtrainer äußert auch nur dezente Kritik, dann kann es schon mal Widerworte geben: „Digga, was willst du von mir, dann hör ich eben auf!“ Das kann natürlich kein Jugendtrainer wollen, dass der einzige Anwesende mit Talent aufhört, nur damit die talentfreien Kinder richtige Aufschläge lernen. Also werden beide Augen zugedrückt und nächste Woche üben wir dann lieber wieder Topspin.
Aufschlag-Typen vom Angeber bis zur Nervensäge
Auf jeden Fall ist der Aufschlag oftmals eine unterschätzte Disziplin. Denn wer einen krassen Vorhand-Topspin treffen will oder den Gegner von der Platte blocken möchte – ja, der muss halt zuerst mal abwechselnd Aufschläge so ausführen, dass der Kontrahent nicht direkt punkten kann und Aufschläge so annehmen, dass der Gegner nicht sofort angreifen kann. Klingt logisch, scheint aber auch nicht jeder zu wissen.
Folgende Aufschlag-Typen lassen sich in der Kreisklasse oft beobachten: Der Angeber, der den Ball fast bis zum Hallendach hochwirft, nur um ihn dann maximal unsauber zu treffen. Die Nervensäge, bei der es nach maximalem Gefuchtel zu minimaler Ballrotation kommt. Oder der Konzentrations-Fetischist, der vor dem Aufschlag den Ball dutzende Male auf den Boden prellt – bevor er ihn dann noch weitere dutzende Male auf dem Schläger topsen lässt.
Und natürlich die beiden Strategen, die sich beim Doppel immer unterm Tisch den nächsten Aufschlag anzeigen. Nur, dass sie die Zeichen eben völlig unterschiedlich interpretieren und sich Horst daher immer wundert, wenn ihm der Gegner anscheinend Überschnitt zurückspielt, obwohl doch rein physikalisch nach dem von Frank angezeigten Aufschlag bei dieser Bewegung nur Unterschnitt drin sein kann. Tja, da hilft es nur noch, seinem Partner die Zeichen auch für den Gegner gut sichtbar zu machen, so dass am Ende bei drei von vier Spielern am Tisch maximale Verwirrung herrscht. Aber vermutlich sogar bei allen vieren, denn nach eigener Aussage weiß Frank selbst beim Ballhochwerfen noch nicht, welchen Aufschlag er eigentlich machen will. Nun, genau so sieht das auch aus.
(Philipp Hell)
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Übrigens: "Phasendrescher" Philipp Hell hat nun schon sein zweites Buch auf den Markt gebracht. Nach "Netzball" geht es in "Schon wieder ein Netzball" weiterhin mit einem Augenzwinkern durch die Kreisliga.
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