Phasendrescher: Zum ersten Mal Turnierausrichter

    Wie wäre es, wenn der eigene Verein zum ersten Mal die Senioren-Kreismeisterschaft ausrichten würde? Phasendrescher Philipp Hell berichtet, mit welchen Katastrophen Organisator Bruno konfrontiert wird.

    Was hat sich Bruno da bloß aufgehalst?! (©Laven)

    Vor sechs Monaten hielt der umtriebige Bruno es für eine glänzende Idee, die Senioren-Kreismeisterschaft erstmals in der eigenen Halle auszutragen. Zwar war Abteilungsleiter Franz wie immer sehr skeptisch („Da bist du am Ende der einzige freiwillige Helfer, das kenne ich seit 20 Jahren!“), doch nach der glorreich gewonnenen Abstimmung in der WhatsApp-Gruppe der Tischtennis-Abteilung (fünf Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen, 40mal keine Antwort) ist Bruno die Organisation des Turniers euphorisch angegangen. Gut, von den sieben eingeplanten freiwilligen Helfern (Brunos Frau, ein echter Freiwilliger sowie fünfmal „wenn’s sonst keiner macht“) kam bisher wenig Unterstützung, aber nächste Woche beim Turnier änderst sich das bestimmt.

    Um eine Null vertan

    Allerdings muss Bruno wenige Tage vor Turnierbeginn einen kleinen Rückschlag hinnehmen: Beim erneuten Studieren der Turnierausschreibung des Verbandes stellt er fest, dass er sich wohl um eine Null vertan hat. Statt den bereits fest eingeplanten 1200 Euro Veranstaltungszuschuss sind es doch nur 120 Euro für den austragenden Verein. Wie damit ein dringend benötigter neuer Tisch für die Punktspiele angeschafft werden soll, steht jetzt natürlich in den Sternen.

    Doch zunächst hat Bruno ohnehin ganz andere Sorgen. Zunächst erreicht er tagelang den Hausmeister nicht, der ihm aber am Samstag und Sonntag morgens die Halle aufsperren muss. Außerdem sind von den ohnehin wenigen freiwilligen Helfern plötzlich gar nicht mehr so viele übrig, weil sie an diesem Wochenende anderweitig unabkömmlich sind: Tante Irmgards 85. Geburtstag, krankes Haustier, Männerschnupfen. Nach einem kurzen mentalen Tief setzt sich in Bruno aber der Kämpfer durch. Statt frühzeitig aufzugeben oder alles ganz allein zu machen, verpflichtet er seinen pubertierenden Sohn dazu, am Freitagnachmittag die Tische und Abtrennungen in der Halle aufzubauen. Das sorgt natürlich für eine äußerst angespannte Stimmung in der Familie. Schließlich will kein 16-Jähriger den Freitag mit Papas ollem Hobby in der muffigen Turnhalle verbringen, wenn man auch heimlich irgendwo rauchen oder mit der süßen Lea chillen könnte.

    Einsame Nachtschicht mit viel Koffein

    Als sich sein Sprössling gegen Mitternacht endlich auf den Heimweg machen darf, ist Bruno noch lange nicht fertig, denn er muss noch die Technik aufbauen. Da werden zahlreiche Laptops und Drucker installiert, Kabeltrommeln verteilt, Zusatzbildschirme angeschlossen und – für den Fall der Fälle – Turnierpläne auf Papier vorbereitet. Gut, dass Bruno nachmittags bereits die Kaffeemaschine angeschlossen hat, so kann er diese einsame Nachtschicht unter starkem Koffein-Einfluss besser durchhalten.

    Am nächsten Morgen erscheinen dann endlich ein paar unfreiwillige aber mitleidige Helfer, die Abteilungsleiter Franz irgendwie zusammentrommeln konnte. Denn natürlich gibt es noch viel zu tun, als bereits die ersten rüstigen Senioren der Ü80-Konkurrenz zur Morgengymnastik und zum Aufwärmen anrücken. Die Lizenz des so wichtigen Turnierprogrammes ist lange abgelaufen, mindestens zwei Netze sind defekt und müssen schnellsten repariert werden, es fehlen noch Spielbälle und natürlich spinnt der Drucker.

    Kurz vor dem Nervenzusammenbruch

    Mit Hilfe aller verfügbaren Einsatzkräfte (Brunos Sohn kann das WLAN tatsächlich wieder zum Laufen bekommen und seine Frau bringt eine neue Druckerpatrone) kann das Turnier mit nur 45 Minuten Verspätung starten und muss doch nicht analog auf Papier durchgeführt werden. Dass sich die Teilnehmerzahl im Vergleich zum Vorjahr beinahe halbiert hat, verbessert die miese Stimmung der Organisatoren auch nicht gerade. Damit bleiben deutlich weniger Startgelder beim Verein hängen. Außerdem werden die 250 beim örtlichen Metzger bestellten belegten Brötchen für die knapp 60 Teilnehmer wohl mehr als ausreichend sein. Dafür gibt es viel zu wenig alkoholfreies Bier für die anscheinend größtenteils abstinenten, weil hochmotivierten, Senioren. Und als sich Herfried vom benachbarten TSV auch noch über die angeblich untrinkbare Kaffee-Plörre beschwert, weil er viel lieber einen Cappuccino gehabt hätte, steht Bruno kurz vor dem Nervenzusammenbruch.

    Getröstet wird Bruno wenigstens vom Abteilungsleiter des bis letztes Jahr ausrichtenden Vereins dieser Meisterschaft – der kennt das alle schon. Allerdings hätte sich Bruno gewünscht, dieses Gespräch schon vor einem halben Jahr geführt zu haben, das hätte viel Ärger erspart – dann hätte er sich niemals zur Austragung dieses Turniers gemeldet. Wenigstens erweisen sich die meisten Turnierteilnehmer als dankbare Gäste, auch wenn der eine oder andere Punkt (schief ausgedruckte Urkunden, Tische 13 und 14 nicht barrierefrei erreichbar, Sachpreise ab Platz fünf angeblich eine absolute Frechheit) durchaus kritisch angesprochen wird.

    Überraschung zum Schluss

    Irgendwann ist der erste Turniertag vorbei. Glücklicherweise konnte Bruno für den Folgetag noch die Hälfte der zweiten Bestellung beim grummeligen Metzger stornieren und dafür die Bestände an alkoholfreiem Gerstensaft deutlich erhöhen. Nach einer Nacht im völlig erschöpften Schlafkoma erwacht Bruno frisch motiviert am Sonntagmorgen. Bei Ankunft an der Halle sinkt jedoch seine gute Laune schnell wieder ab: Der Hausmeister ist unauffindbar und telefonisch nicht erreichbar. Dafür füllt sich der Hallen-Vorplatz, denn anscheinend stehen heute die deutlich stärker besuchten Spielklassen und Jahrgänge auf dem Programm. Brunos Versuch, beim Metzger doch noch mal seine Bestellung zu ändern ist leider erfolglos (der Metzger legt wortlos auf), die von Brunos Frau vorgestern gebackenen Blechkuchen sind auch nicht mehr taufrisch, die Bananen bereits alle schwarz und auf der Toilette war gestern bereits die Seife aus. Wenigstens gelingt es seinem erneut gegen dessen Willen anwesenden Sohn mit einiger krimineller Energie (über die noch zu reden sein wird!), den Hintereingang der Halle aufzubrechen.

    Der zweite Turniertag kann also fast wie geplant starten und geht zur allgemeinen Überraschung eigentlich reibungslos über die Bühne. Jedenfalls bis zu dem Moment, als der zur Siegerehrung erschienene Kreisvorsitzende dem inzwischen völlig entkräfteten Bruno überschwänglich dafür dankt, dass sich sein Verein ja gleich für die Turnierausrichtung in den kommenden zehn Jahre beworben habe. Bruno verlässt daraufhin schreiend die Halle und ward nicht mehr gesehen.

    (Philipp Hell)

    Übrigens: "Phasendrescher" Philipp Hell hat nun schon sein zweites Buch auf den Markt gebracht. Nach "Netzball" geht es in "Schon wieder ein Netzball" weiterhin mit einem Augenzwinkern durch die Kreisliga.

    4 Kommentare

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