Phasendrescher: Eiskaltes Händchen bei Heizungsausfall
Aktuell geht es vielerorts eher frostig zu. Doch was tun, wenn zum Punktspiel die Heizung in der Halle ausfällt? Phasendrescher Philipp Hell erzählt in seinem Blog, wie es laufen kann.

Es ist Winter, es ist kalt, es schneit heftig und Uwe fährt auf seinen Sommerreifen am Freitagabend vorsichtig und hoffnungsvoll zur Turnhalle. Heute steht das Spitzenspiel gegen die bisher noch ungeschlagenen Männer vom TSV an, doch Uwe hat da so ein Gefühl: Er setzt darauf, dass die Gegner noch weniger auf den plötzlichen Wintereinbruch eingestellt sind als er selbst und daher vielleicht kurzfristig das Spiel absagen. Dann würde Uwe zwei wichtige Punkte am grünen Tisch einplanen und somit wäre das Rennen um die Meisterschaft wieder völlig offen.
Aufwärmen in Eishalle
Als Uwe die Halle betritt, wird er jedoch gleich doppelt überrascht: Der Gegner ist bereits vollzählig anwesend und spielt sich hochmotiviert warm. Die Halle hingegen ist eiskalt – Mannschaftsführer Fritz informiert Uwe, dass die Heizung spinnt. Beste Voraussetzungen also für einen erfolgreichen Tischtennisabend. Doch Uwe hat ja wohl nicht umsonst vor vierzig Jahren mal vier Monate eine Ausbildung zum Heizungsbauer absolviert, das wäre doch gelacht, wenn er die olle Heizung nicht wieder zum Laufen bringen könnte. So begibt er sich statt an die Platte zunächst in den Heizungsraum im Keller.
Derweil diskutieren seine Mitspieler Hans und Karlheinz, ob sie – zusätzlich zur heute endlich mal nützlichen langen Trainingshose – mit Mütze und/oder mit Handschuhen spielen werden. Für Hans mit seiner Glatze ist die Entscheidung für die Mütze eindeutig, Karlheinz hadert jedoch mit dem beim Laufen hin und her wackelnden Bommel seiner Kopfbedeckung. Gerade bei Noppen-Abwehr weit hinter dem Tisch ist das wirklich sehr störend.
Handschuhe oder keine Handschuhe?
Beide entscheiden sich jedoch vorerst gegen Handschuhe: Einerseits, weil der modisch uninteressierte Hans nur Fäustlinge dabei hat. Andererseits, weil beide mit Handschuhen null Gefühl im Schläger haben – tatsächlich noch weniger als sonst. Fritz jedoch jammert über so eiskalte Finger, dass er den Spielberichtsbogen nicht ausfüllen kann, weil ihm ständig der Kugelschreiber entgleitet. Kein Wunder, hat er doch ausgerechnet seine Trainingsjacke daheim vergessen und steht nun bibbernd und zitternd am Schiedsrichtertisch. Gleich wird er sich wohl seinen Daunenmantel anziehen müssen.
Endlich kehrt Uwe mit einem selbstgefälligen Lächeln auf den Lippen in die Halle zurück. Stolz erzählt er, wie er die Heizung zunächst fachmännisch analysierte („die war schon alt, als ich damals meine Ausbildung gemacht habe …“), dann durch beherztes Eingreifen wieder zum Laufen bekommen hat („einfach aus- und wieder eingeschaltet“) und dann … Ein großer Knall im Untergeschoss unterbricht Uwes Vortrag, ein Geruch von verschmortem Kabel hängt plötzlich in der Luft und Uwe verschwindet hektisch wieder in den Heizungskeller.
Inzwischen hat der Gegner dreimal nachgefragt, ob man die Heizung nicht etwas höher drehen könnte, der Spin-lastig spielende Einser trifft angeblich keinen Ball, weil sein Belag steinhart ist. Fritz gibt sich diplomatisch und appelliert an den Sportsgeist, bevor er heimlich googelt, was die laut Verband geforderte Mindesttemperatur für ein Punktspiel ist. Die liegt bei 15 Grad, doch da nirgendwo ein Thermometer zu finden ist, kann auch keiner beweisen, dass es in der Halle heute zu kalt ist. Laut Karlheinz ist der Umstand, dass die Gegner ihren eigenen Atem sehen können, nur ein Indiz aber kein Beweis. Und Karlheinz muss es wissen, der war früher mal Hausmeister im Amtsgericht! Uwe kehrt derweil unverrichteter Dinge und sehr kleinlaut aus dem Heizungskeller zurück. Das Spiel beginnt.
Spielniveau wie Temperatur
Nun, nie hat man in einer Tischtennis-Halle so viele herumhüpfende, Seil springende, im Stand laufende und schattenboxende ältere Männer gesehen. Als Fritz zum dritten Mal den „Hampelmann“ macht, fühlen sich alle Beteiligten lebhaft an die Senioren-Skigymnastik erinnert, zu der ihre Frauen immer gehen. Das Spielniveau an sich passt sich schnell der Temperatur an: Es ist sehr, sehr niedrig. Verschlagene Bälle, knarzende Gelenke, verpasste Chancen, betretene Gesichter. Also eigentlich alles wie immer – nur dass heute jeder eine prima Ausrede hat.
Schiedlich-friedlich trennt man sich Unentschieden und verlässt eiligst die Halle, weil auch die Duschen natürlich nur arktisches Wasser liefern. Uwe sieht es positiv: Wenigstens hat man den Anschluss an den Spitzenreiter nicht verloren, noch ist alles drin. Weniger positiv sieht Mannschaftsführer Fritz jedoch den Anruf des Hallenhausmeisters am Montagmorgen. Der, so berichtet Fritz in der vereinseigenen WhatsApp-Gruppe, habe ihn zehn Minuten lang nur angeschrien, welcher Trottel am Freitag denn den Hauptschalter der Heizung für das gesamte Schulhaus ausgeschaltet habe – nach einer Wartung habe die Heizung doch nur noch ein paar Stunden gebraucht, um wieder auf volle Betriebstemperatur zu kommen. Nun sei das gesamte Gebäude völlig ausgekühlt, einige Wasserrohre sogar geplatzt und er müsse alle Kinder wieder heimschicken. Die Reparatur dauere laut Heizungsfirma mindestens bis nächste Woche, die Sporthalle sei so lange natürlich gesperrt. Über die am grünen Tisch verlorenen zwei Punkte für das eigentlich am kommenden Freitag geplante Heimspiel hat Uwe nie wieder ein Wort verloren.
(Philipp Hell)
Übrigens: "Phasendrescher" Philipp Hell hat nun schon sein zweites Buch auf den Markt gebracht. Nach "Netzball" geht es in "Schon wieder ein Netzball" weiterhin mit einem Augenzwinkern durch die Kreisliga.
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