Blog: Was einen guten Trainer wirklich ausmacht

Ist ein guter Spieler auch automatisch ein guter Trainer? In ihrem Blog argumentiert myTischtennis-Redakteurin Chiara Ullrich, warum es beim Coaching auf mehr als die eigene Spielstärke ankommt.

„Du hast doch viel zu wenig Punkte, um Trainerin zu sein“ – diesen Satz eines Jugendspielers werde ich wohl nie vergessen. Ich hatte gerade frisch meine C-Lizenz in der Tasche und bekam während meines Bundesfreiwilligendienstes die Möglichkeit, mehrere Jugendtrainings mitzugestalten. Mir hat es schon immer großen Spaß gemacht, Kinder und Jugendliche bei Auswärtsfahrten zu begleiten, sie zu coachen, zu motivieren und im Zweifel auch einfach mal zu trösten. Dass ich mit meinen damals knapp 1170 TTR-Punkten nicht mit den anderen Trainern mithalten konnte, hatte mich anfangs gar nicht gestört, im Gegenteil. Ich lernte während der Trainerausbildung enorm viel dazu und verbesserte mein eigenes Spiel in dieser Zeit massiv. Doch direkt im ersten Training zu hören, ich sei punktetechnisch zu schlecht für diesen Job, traf einen wunden Punkt und es machte mich vor allem eins: unsicher.
Warum Timo Boll sich nicht als guten Trainer sieht
Natürlich habe ich nicht aufgehört, weiter Trainings zu geben – aber trotzdem war die Unsicherheit, sobald ich es im Training mit einem Spieler mit höherer Punktezahl zu tun hatte, immer da. Genauso das unangenehme Gefühl, wenn ich wieder einmal meinen TTR-Wert nennen musste. Aber wie gut muss ein Trainer eigentlich selbst spielen können? Und wie verändert sich die Antwort darauf, wenn wir den Kinder- und Jugendsport mit dem Profibereich vergleichen?
Schauen wir uns zunächst mal ein Beispiel aus dem Profibereich an: DTTB-Cheftrainer Jörg Roßkopf gehört zu den erfolgreichsten deutschen Trainern, war gleichzeitig aber auch ein absoluter Ausnahmespieler. Seine olympischen Medaillen sowie Welt- und Europameistertitel zeigen, dass dieser Mann neben einem Meistertrainer auch ein Ausnahmespieler in der Tischtennisszene war. Wir sehen also: Großer Spieler wird zum großen Trainer. Doch hängt wirklich alles an der Qualität des eigenen Spiels? Nein. Und das sieht übrigens auch eine Tischtennislegende wie Timo Boll ganz ähnlich. In einem Podcast des Landessportbundes Hessen betonte er überraschend offen, dass er sich selbst nicht als guten Trainer sehe – und das als erfolgreichster deutscher Spieler. Seine Begründung: Er sei zu perfektionistisch und würde die Spieler als Trainer überfordern. Und das trifft den Nagel eigentlich auf den Kopf.
Eigene Technik ist wichtig - aber auch nicht alles
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wer selbst kaum einen Ball über das Netz spielen kann, wird (zumindest in leitender Funktion) kaum ein adäquates Training aufziehen können. Ein gewisses technisches Fundament ist natürlich wichtig. Aber hier wird die Rolle des Trainers auch etwas missverstanden. Ein Coach muss kein perfekter Vorturner sein. Denn im Training geht es viel mehr um das Sehen und Korrigieren. Zum einen kann hier mittlerweile auch die moderne Technik helfen. Videoaufnahmen auf dem Handy oder Tablet zeigen Jugendlichen direkt mehrfach und vor allem langsamer ihre Baustellen, als wenn es der Trainer in voller Geschwindigkeit vorspielt. Außerdem kann selbst der beste Spieler absolut nicht gut darin sein, Trainingspläne zu erstellen, oder taktische Muster außerhalb seines eigenen Spiels zu erkennen. Technikwissen ist extrem wichtig, klare Sache, aber noch wichtiger ist die Fähigkeit, dieses Wissen, insbesondere jungen Spielern und Anfängern, direkt richtig zu vermitteln. Denn wer direkt zu Beginn eine falsche Technik lernt, kriegt die so schnell nicht wieder aus dem Kopf. Und hier spielen dann eben auch noch andere Komponente eine meiner Meinung nach wichtigere Rolle.
Ich selbst kam in meiner Jugend nur in den Genuss von wenigen Jahren Systemtraining und spielte leistungsmäßig weit hinter anderen in meinem Verein. In der Saison der Trainerausbildung habe ich knapp 100 TTR-Punkte plus gemacht – einfach, weil ich meine eigenen Fehler viel besser verstanden und wahrgenommen habe. Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als meine Technikanalyse von unserem Dozenten genutzt wurde, um sie als „gutes Beispiel“ für Technikverbesserung an die anderen im Kurs weiterzuleiten, teils Spieler, die rund 800 Punkte mehr hatten als ich.
Die Bedeutung von mentaler Unterstützung in Training und Wettkampf
Was in der Halle oft unterschätzt wird, ist der immense Wert von zwischenmenschlicher Kompetenz und mentaler Unterstützung. Ich habe schon in meiner Anfangsphase gemerkt, wie fokussiert viele Jugendliche auf den TTR-Wert sind. Da fließen nach einer Niederlage schnell die Tränen, weil man gerade Punkte verloren hat. Wer mit dieser Blockade im Kopf an den Tisch geht, kann sein Potenzial selten abrufen. Mentale Unterstützung im Training und Wettkampf ist für mich als Trainer eine wichtige Aufgabe, die man nicht mit einem hohen TTR-Wert erkaufen kann. Unser Kopf steuert die Performance am Tisch – und ein Trainer, der seine Spieler menschlich versteht, sie beruhigen oder pushen kann, ist in diesem Moment Gold wert. Das gilt für die Kreisklasse genauso wie für den Profisport, wo das technische Know-how ohnehin vorhanden ist und am Ende vor allem die mentale Stärke entscheidet.
Eng damit verknüpft ist das Argument, ein Trainer müsse für Kinder doch ein sportliches Vorbild sein, zu dem sie aufschauen können. Und natürlich stimmt das, aber worauf blicken Kinder wirklich? Ein hoher TTR-Wert macht niemanden automatisch zu einem guten Vorbild. Wenn ein spielerisch starker Trainer in der Halle cholerisch wird, den Schläger wirft oder ungeduldig auf Fehler reagiert, vermittelt er den Jugendlichen die völlig falschen Werte. Ein echtes Vorbild in der Halle zeichnet sich durch Zuverlässigkeit, Fairness, Respekt und die Fähigkeit aus, andere zu motivieren. Kinder und Jugendliche brauchen keinen Trainer, vor dem sie „Ehrfurcht“ haben müssen, weil er der krasseste Spieler ist. Sie brauchen jemanden, der ihnen auf Augenhöhe begegnet, an sie glaubt und ihnen zeigt, wie man mit Niederlagen und Frust konstruktiv umgeht.
Ich würde schon sagen, dass ich einen sehr guten Draht zu meinen Kindern und Jugendlichen im Training habe. Denn am Ende reicht es meist aus, die richtigen Worte und Mittel zu finden, um das Wichtigste an der Bande und im Training zu vermitteln. Also ja, ein vermeintlich „schwächerer“ Spieler kann ein hervorragender Trainer sein, wenn er seine Stärken in der Vermittlung und mentalen Unterstützung findet.
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