Blog: Vierfach-Begrüßung - wenn ein Amateur-Heimspiel zur Party wird

myTT-Redakteur Fabian Kleintges-Topoll erlebte mit dem Auswärtsspiel des TuS Borth beim TTC Straelen-Wachtendonk ein Event, das man so im Amateur-Tischtennis kaum findet. Der 30-Jährige berichtet in seinem Blog.

Samstagabend, Bezirksoberliga, Auswärtsspiel, alles wie immer? Nein. Denn schon beim Betreten der mittelgroßen Halle an der holländischen Grenze merkten wir in unserer Sechsermannschaft: Heute läuft etwas anders als bei einem „normalen“ Punktspiel. Wir wurden Teil der Straelener „Heimspiel-Party“ – ein Konzept, das ich so noch nicht kannte, uns allen aber sofort klar machte, warum der Gegner in der Region seit Jahren als besonders familiärer und leidenschaftlicher Verein gilt.
Turnierfeeling in der Box: Die große Vierfach-Begrüßung
Jeder Tischtennisspieler kennt es, wenn parallel zwei Partien in einer Spielstätte laufen. Es ist lauter, unruhiger, voller, aber irgendwo auch geselliger und lebendiger. Nichts Ungewöhnliches also. Die Bänke in der Straelener Halle waren schon beim Einspielen gut gefüllt, auch wir mussten uns erst mal einen Platz sichern. Kein Wunder, wenn alle vier Seniorenteams ihre Heimspiele zeitgleich austragen und sich insgesamt acht Teams unter einem Dach einfinden. Kurios wurde es schon zum Start: Ein großes Hallo, eine knapp zehnminütige Vierfach-Begrüßung und das Verlesen aller acht Aufstellungen durch den Kapitän der ersten Straelener Mannschaft. Jede Gastmannschaft, bis herunter in die 3. Bezirksklasse, hatte danach das Wort.
Nach dem ersten Aufschlag fühlte es sich an wie ein kleines Turnier. Einige der deutlich kleineren, in sämtlichen Positionen verteilten Boxen konnten leider nicht durch Banden abgegrenzt werden, sodass schon mal über den einen oder anderen gegnerischen Stoppball aus der Nachbarpartie hinweggesehen werden musste – es gibt Schlimmeres. Auf einer Flipchart werden alle Zwischenstände handschriftlich notiert - etwas oldschool, aber charmant. Die Halle war voll bis zum letzten gespielten Ball, nach fast vier Stunden Spielzeit.

Unser Spiel: Drama und Abstiegskampf pur
Wir durften das Aufsteigerduell der beiden hochklassigsten Teams des Abends austragen. Mit zwei Ersatzspielern, mir und meinem Kumpel aus der „Zweiten“, sah es zwischenzeitlich gut aus. 8:4-Führung, eigentlich alles im Griff. Doch dann kippte das Match. Nervenkitzel bis zum letzten Punkt – und ein Schlussdoppel, das wir mit 11:13 dramatisch im fünften Satz verloren. Abstiegskampf und Spannung pur. Mehr geht nicht. Beim gemeinsamen Kaltgetränk inklusive Leberkäs- und Wurstbrötchen waren die Emotionen aus dem turbulenten Abend schnell verdaut.
Nach dem Spiel nahm sich Jugendwart Christian Bouten, selbst noch aktiver Spieler der ersten Mannschaft, Zeit für eine kleine Geschichtsstunde. Die Heimspiel-Partys gibt es schon seit knapp 20 Jahren - entstanden aus einer Mischung aus Notwendigkeit, logistischem Feingefühl und echter Vereinsliebe.

Wie aus klassischen Heimspiel-Tagen „Partys“ wurden
Früher spielten die Teams wie überall verteilt über verschiedene Tage und Uhrzeiten. Ersatzstellungen, wandernde Mannschaften – zu selten fanden alle Mitglieder zusammen. Doch dann zogen immer mehr junge Spieler fürs Studium oder den Job weg. Sie alle aber wollten ihrem Heimatverein trotz einer guten Stunde Fahrzeit verbunden bleiben. So kam die Frage auf: Wie lassen sich verlässliche Heimspieltermine für alle kombinieren? Die Lösung: Gleiche Rasterzahl für alle Herrenmannschaften. Alle Heimspiele am selben Wochenende. Gemeinsamer Heimspieltag – alle Teams parallel.
Bouten erklärte die Geburtsstunde der Heimspiel-Party: „In den Anfängen hatten wir sogar noch fünf Mannschaften und mussten uns die Halle noch mit den Volleyballern teilen. Natürlich spielt man am liebsten mit der bestmöglichen Aufstellung. Uns war klar, dass wir viel hochrutschen müssen, aber das ist uns egal. Der sportliche Ehrgeiz ist natürlich zu 100 Prozent gegeben. Nach dem Spiel streiten wir uns mit niemandem mehr, die Gemeinschaft und Stimmung stehen im Vordergrund. Wir wollten uns einfach alle regelmäßig treffen.“

Catering, Vereinsfreundschaften und eine faszinierende DM-Tradition
Früher ging es nach den Spielen in die Imbissbude. Was mit ein paar mitgebrachten Snacks begann, wurde im Laufe der Jahre in der Halle zu einem kleinen Catering ausgeweitet, von dem auch die Gegner profitieren. Man bleibt sitzen, redet, lacht – wie man es kennt. Nur eben mit noch mehr Teams als anderswo.
Besonders intensiv ist die Freundschaft mit dem benachbarten TSV Nieukerk, aber eigentlich fühle sich jeder Gastverein wohl, sagt Bouten. „Es haben sich mit der Zeit Freundschaften entwickelt. Die Leute kommen gerne hierher und bieten uns in den Rückspielen auch Essen an.“ Nebenbei pilgert der 1980 gegründete Klub seit ebenfalls über 20 Jahren mit größeren Gruppen von bis zu 15 Aktiven jährlich zu den deutschen Meisterschaften: Saarbrücken, Hamburg, Cottbus, Bamberg, Erfurt. Die Liste der Städte ist lang, kaum ein DM-Standort fehlt. Auch diese Touren sind schon lange Teil der Vereins-DNA.

Sportlicher Hintergrund: Meister trotz Missgeschick
Miteinander und Zusammenhalt werden großgeschrieben – und das zahlt sich sportlich aus, vor allem mit Blick auf den gut funktionierenden Unterbau. Die erste Jugend spielt in der Verbandsliga, insgesamt gibt es drei Nachwuchsteams. Ein Beispiel: Tony Kuhnen (knapp 1.650 TTR-Punkte), der mit 15 Jahren als größtes Talent gilt und bereits im oberen Paarkreuz aufschlägt. Gegen Boutens Sohn Jannik (rund 1.600 TTR-Punkte) verlor ich mein zweites Einzel nach ordentlicher Leistung mit 1:3.
Im Sommer gelang dem Verein, der auch schon am Sommer-Team-Cup teilnahm, die Meisterschaft in der 1. Bezirksliga – der größte Erfolg seit langer Zeit und ganz nebenbei mit der jüngsten Mannschaft der Staffel. Beinahe wurden die Feierlichkeiten durch ein am Ende nicht entscheidendes Missgeschick gecrasht. (mehr dazu hier).
Für mich bleibt das Auswärtsspiel in Straelen in besonderer Erinnerung. Ich komme wieder. Spätestens zur nächsten Heimspiel-Party. Aber vorher wartet im Frühjahr in unserer Halle das Rückspiel. Es geht um wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt für unsere erste Mannschaft.
Habt ihr schon mal eine ähnliche Besonderheit im Amateursport erlebt? Berichtet darüber gerne in der Kommentarzeile.
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