Blog: Doch keine so düstere Zukunft?

Bei der U21-EM in Cluj-Napoca konnte sich der männliche deutsche Nachwuchs in den Fokus spielen. myTischtennis-Redakteurin Janina Schäbitz überlegt in ihrem Blog, was das für die Zukunft bedeutet.

Die Sorgenfalten des kundigen deutschen Tischtennispublikums waren in den vergangenen Jahren stets etwas tiefer, wenn es um den männlichen als den weiblichen DTTB-Nachwuchs ging. Bei den Mädchen hatten sich schließlich große Talente wie Annett Kaufmann, Mia Griesel, Josephina Neumann oder Koharu Itagaki früh in Position gebracht, auf nationaler, europäischer und sogar internationaler Ebene Titel und Medaillen geholt, so dass Kritiker hier wenig Futter fanden. Zudem hat mindestens Kaufmann inzwischen sogar den schwierigen Übergang in den Erwachsenenbereich mit ihren 19 Jahren gemeistert, was sie unter anderem bei den Olympischen Spielen 2024, aber zuletzt auch bei der Team-EM in Zadar 2025 und -WM in London 2026 unter Beweis stellte, wo sie jeweils nicht nur mitfahren, sondern auch mitspielen durfte - und das in sie gesteckte Vertrauen zurückzahlte.
Knoten platzte eher spät
Bei den Jungen gestaltete sich die Nachwuchsfrage in den vergangenen Jahren schwieriger. Zwar blitzte hier und da immer wieder ein Talent oder ein erfreuliches Ergebnis auf. Konstante Hoffnungsträger kristallisierten sich aber lange nicht heraus. Andre Bertelsmeier und Wim Verdonschot gehörten zum Pool der Kandidaten, brauchten aber beide ihre Zeit, um sich zu entwickeln. Der Durchbruch kam erst in den vergangenen paar Jahren. Während sich die Medaillen bei Jugend-Turnieren häuften, machte das Duo auch bei den Erwachsenen auf sich aufmerksam. Verdonschot gewann WTT-Feeder-Turniere in Danzig (2025) und Lille (2026), Bertelsmeier holte mit Benedikt Duda Gold im Doppel beim WTT Contender in Tunis (2025) und kämpfte sich bei der EM 2024 in Linz bis ins Achtelfinale vor. Inzwischen stehen die beiden hinter dem deutschen Top-Quartett Qiu, Duda, Franziska und Ovtcharov auf Platz 63 und 69 der Weltrangliste.
Die Erfolge bei der U21-EM in Cluj-Napoca am Wochenende und bei den TT-Finals zwei Wochen zuvor schlagen in dieselbe Kerbe. Na klar, in Rumänien waren die drei besten Europäer unter 21 Jahren, Felix Lebrun, Milosz Redzimski und Flavien Coton, nicht am Start, so dass das deutsche Duo hinter Iulian Chirita zu den Topfavoriten gehörte. Nichtsdestotrotz muss man auch diesem Druck erst einmal standhalten und sich sowohl im Einzel als auch im Doppel und Mixed Gold bzw. Silber erspielen. Bei den TT-Finals gehörten Bertelsmeier und Verdonschot nicht zu den Top-Favoriten, machten aber in ihrer Rolle als Herausforderer eine sehr gute Figur, wenn man an Bertelsmeiers Sieg gegen Ovtcharov denkt oder an die Duelle von beiden Youngstern gegen Patrick Franziska, die dieser jeweils erst im siebten Satz gewinnen konnte. Oder natürlich an die phänomenale Aufholjagd im Doppelfinale, als Verdonschot/Bertelsmeier sich nach 0:2- und 0:8-Rückstand noch den Titel holten. Eines ist dabei offenbar geworden: Das deutsche Top-Quartett steht nicht unangefochten an der nationalen Spitze - die ‚jungen Wilden’ haben durchaus das Zeug dazu, ihnen gefährlich zu werden.
Nicht jeder ist ein Frühstarter
Ist es um die Zukunft im deutschen Herren-Tischtennis also doch nicht so schlecht bestellt, wie lange gemunkelt wurde? Eins ist auf jeden Fall beruhigend: Nicht jeder deutsche Topspieler ist ein Frühstarter wie Timo Boll gewesen. Wenn man vergleicht, wo das aktuelle Top-Quartett mit 20 Jahren stand (Dang Qiu: jenseits der Top 200, Benedikt Duda: Top 200, Patrick Franziska: Top 100, Dimitrij Ovtcharov: Top 20), wird deutlich, dass so mancher ein paar Jahre länger brauchte, um in die Gänge zu kommen. Verdonschot und Bertelsmeier stehen also im Vergleich gar nicht schlecht da. Jetzt müssen sie nach und nach mehr Chancen bekommen, die Lücke zu ihren Vorgängern zu schließen. Ob dabei am Ende ein Überflieger wie Boll oder Ovtcharov herauskommt, steht dagegen noch einmal auf einem anderen Blatt Papier.
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