Blog: Das „Game of Throne“ ist eröffnet

Seit 2018 ist der Tischtennisthron der Herren durchgängig den Chinesen vorbehalten. Nach Sora Matsushimas Übernahme der Weltspitze freut sich Redakteurin Janina Schäbitz auf einen neu entfachten Kampf um die Führung.

Von einem „Schock“, „Wunder“ und einer „Sensation“ ist seit Montag in der Presse die Rede, als Sora Matsushima etwas gelang, was seit 2018 kein Spieler mehr schaffte, der nicht aus China stammt. Der erst 19-jährige Japaner setzte sich an die Spitze der Tischtenniswelt und darf sich nun Weltranglistenerster nennen. Matsushima selbst hatte schon vorher, als abzusehen war, dass Wang Chuqins beim China Smash 2025 errungene Weltranglistenpunkte am 5. Oktober wegfallen werden und der Japaner dann den ersten Platz übernehmen würde, zu Protokoll gegeben, dass er zwar glücklich darüber sei, als erster Japaner seit 1980 an der Weltspitze zu stehen. Die komplette Freude darüber, die Nummer eins zu sein, erwarte er aber erst dann zu spüren, wenn er eine olympische Goldmedaille gewonnen habe.
Rasanter Aufstieg eines Teenagers
Na klar: Es wird stets betont, dass die Weltrangliste nicht das Non-Plus-Ultra und nicht so aussagekräftig sei, wie sie sein sollte. Außerdem kam der Wechsel an der Spitze nicht durch neu errungene Punkte von Matsushima zustande, sondern durch den Wegfall von Wangs China-Smash-Zählern, die wegen seiner verletzungsbedingten Absage von der diesjährigen Ausgabe auch erst einmal nicht ausgeglichen werden können. Nichtsdestotrotz darf auch bei Matsushima ein bisschen Freude erlaubt sein: Seit dem Jahr 2000 gab es nur vier Weltranglistenerste, die nicht aus China kamen: Werner Schlager, Vladimir Samsonov, Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll. Und auch wenn der 19-jährige Japaner es zuletzt regelmäßig schaffte, sich ins Gespräch zu bringen und zum Beispiel den United States Smash 2026 zu gewinnen, wofür es 2000 Weltranglistenpunkte gab, gilt er im Vergleich zu seinen, seit vielen Jahren in den Top 10 rangierenden Konkurrenten wie Felix Lebrun, Tomokazu Harimoto oder Truls Moregard noch immer eher als ein Underdog.
2023 schaffte es Matsushima erstmals in die Top 50, die Top 20 knackte er im Mai 2025, im erlesenen Kreis der Top 10 ist er noch nicht einmal seit einem Jahr. Und nun also die Weltspitze - bei solch einem rasanten Aufstieg fand auch sein Überflieger-Kollege Tomokazu Harimoto anerkennende Worte, der ihm aber auch gleich den Kampf ansagte. Nach dem China Smash wolle er - am besten nach einem direkten Duell gegen Matsushima - auf Platz eins stehen. Dass dabei auch Felix Lebrun und Truls Moregard noch ein Wörtchen mitreden wollen, ist Harimoto dabei bewusst. Der Franzose ist mit 551 Punkten Rückstand auf Matsushima Weltranglistenzweiter, der Schwede mit 1125 Zählern Differenz Fünfter.
An Wang hängen Chinas Hoffnungen
Und was ist mit Wang Chuqin? Der Chinese berichtete nach den Asian Games von Müdigkeit und vom verlorenen Gefühl, es zu lieben, am Tisch zu sein. Wenig später meldete er sich verletzt vom China Smash ab. Beim WTT Champions Montpellier, das am 27. Oktober beginnt, und dem darauffolgenden WTT Champions in Frankfurt findet sich der ehemalige Spitzenreiter aber jeweils noch im Teilnehmerfeld. Da der zweitbeste Chinese, Lin Shidong, ‚nur‘ auf Platz neun der Weltrangliste steht, fällt es am ehesten Wang zu, China wieder auf den Thron zu führen. Kein beneidenswerter Job, wenn man sich gerade ausgelaugt fühlt und die Konkurrenz mit den Hufen scharrt. Ob nun von japanischer, chinesischer, französischer oder schwedischer Seite: Man darf sich in den nächsten Monaten auf einen spannenden Kampf um die Weltspitze freuen. Und dabei würde es mich nicht wundern, wenn wir in den kommenden Wochen noch öfter über eine neue Nummer eins berichten.
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