Tipp: Lieber an Stärken oder Schwächen arbeiten?
Im neuesten Fortgeschrittenentipp widmet sich Tom Wetzel vom Topspin Sport TT-Center in Bad Aibling der Frage, wie man seine knapp bemessene Trainingszeit am besten nutzt.

Heute beschäftigte ich mich mit der optimalen Nutzung der, in den meisten Fällen, eingeschränkten Trainingszeit. Die wenigsten Spieler haben die Möglichkeit, täglich mehrere Stunden trainieren zu können. Daher ist es wichtig, die vorhandene Trainingszeit optimal zu nutzen, um sich gezielt weiterzuentwickeln. In der Trainingsphilosophie gibt es dazu durchaus unterschiedliche Ansätze, die ich heute einmal auf modernes Tischtennis anwenden möchte.
1. Die eigenen Stärken ausbauen und
2. Die eigenen Schwachstellen ausmerzen und verringern.
Beide Ansätze sind wichtig. Es hängt letztlich immer von der jeweiligen Zielsetzung, den vorhandenen Trainingsmöglichkeiten und -zeiten, von der eigenen Motivation, aber auch vom jeweiligen Leistungsniveau ab.
Viel Aufwand für Arbeit an Stärken
Während man im Anfängerbereich schnelle Erfolge durch den gezielten Ausbau der eigenen Stärken erzielen kann, wird die Luft im Fortgeschrittenen- und Topbereich für den Ausbau der eigenen Stärken immer dünner. Hier sind die Stärken der jeweiligen Spieler bereits sehr weit ausgebaut und eine weitere Anhebung würde einen sehr hohen zeitlichen Aufwand mit sich ziehen. Dagegen ist der Nutzen eher geringer, da die eigenen Stärken bereits am oberen Limit angelangt sind.
Investiert man dagegen mehr Trainingszeit in die vorhandenen Schwachstellen, so kann man mit deutlich weniger Zeitaufwand seinem eigenen Spiel in kurzer Zeit neue Impulse verleihen, da man die taktischen Möglichkeiten der Gegner gegen sich erheblich verringert.
In der Trainingslehre geht man dabei häufig vom 80/20-Prinzip aus: 80 % der Zeit in die eigenen Stärken investieren und 20 % an den vorhandenen Schwachstellen arbeiten. Ich würde hier im Fortgeschrittenenbereich den prozentualen Anteil am "Schwachstellen Ausmerzen" sogar deutlich erhöhen, da wie bereits erwähnt schon eine geringfügige Verbesserung dieser Schwachstellen einen enormen Leistungszugewinn bedeuten kann. Hat z.B. mein Vorhanderöffnungstopspin bereits ein sehr hohes Niveau (auch an Punktgewinnen im Spiel) erreicht, so reicht es aus meiner Sicht hier aus, das Niveau zu halten. Habe ich dagegen massive Schwierigkeiten mit der Rückhandtopspineröffnung, so kann schon eine geringfügige Steigerung des Niveaus/der Sicherheit von 40 auf 60/70 % eine erhebliche Leistungssteigerung im Wettkampf bedeuten. Gleichzeitig nehme ich den Gegnern taktische Mittel und verbessere dadurch auch die Anwendung der eigenen Stärken. Am Beispiel des Vorhanderöffnungstopspins bedeutet das, dass ich ihn nicht mehr so häufig, dafür gezielter und möglicherweise wirkungsvoller einsetzen kann, da der verbesserte Rückhandtopspin meine eigenen taktischen und technischen Möglichkeiten deutlich erhöht.
Nicht nur Fokus auf "Schokoladenseite"
Dieser Trainingsansatz bedeutet nicht, dass man krampfhaft versuchen sollte, aus einer Schwachstelle (hier die Rückhandtopspineröffnung) eine neue "Waffe" zu machen. Durch die Anhebung der Sicherheit/der Platzierung/der Rotation oder der Variabilität des Rückhandtopspins nehme ich dem Gegner Möglichkeiten, meine starke Vorhand zu umgehen. Für das eigene Training bedeutet das aus meiner Sicht, dass es sich lohnt, mehr Zeit in die eigenen Schwachstellen zu investieren und sich derer bewusst zu werden.
Ich beobachte häufig fortgeschrittene Spieler, die immer und immer wieder, meistens unterbewusst, sehr viel Trainingszeit mit ihrer "Schokoladenseite" verbringen. Das macht zwar im jeweiligen Moment sicher mehr Spaß, ist aber für die Weiterentwicklung nicht unbedingt zielführend.
Jahrelange Erfahrung als Spieler und Trainer, aber vor allem viele Gespräche mit Topspielern haben mir geholfen, den Schwerpunkt in der Trainingsarbeit mehr und mehr (natürlich je nach Leistungsniveau) auf das Ausmerzen der Schwachstellen zu legen und die Spieler in diese Richtung zu sensibilisieren. Es ist dabei jedoch immer wichtig, die richtige Balance zu finden und die Psyche der Spieler nicht zu überfordern. Die Spieler sollten in der Lage sein, ihre Fehler zu erkennen und möglichst emotionsfrei an diesen zu arbeiten. Auch die Arbeit an den Fehlern und das Wissen um die eigene Weiterentwicklung kann die psychische Stabilität des Spielers erhöhen.
Schwächen im Wettkampf erkennen
Dieses Prinzip des "Löcher Stopfens" ist vor allem in den Wettkampfphasen sehr wichtig und zielführend, da die Trainingszeiten bereits durch die häufigen Wettkämpfe reduziert sind. Umgekehrt decken die vermehrten Wettkämpfe gegen unterschiedliche Gegner häufig immer neue, meist kleinere Schwachstellen auf. Als Spieler/Trainer gibt es euch die Möglichkeit, sofort im Anschluss an den jeweiligen Wettkampf daran zu arbeiten und, in der limitierten Trainingszeit, gezielt an deren Verbesserung bzw. der Vorbereitung auf den nächsten, anstehenden Wettkampf, zu arbeiten.
Wenn man dieses Prinzip konsequent anwendet, bedeutet das, dass deine schwächsten Schläge sukzessive an Sicherheit/Qualität gewinnen und du einerseits dem Gegner immer weniger taktische Möglichkeiten gibst und andererseits deine taktischen Möglichkeiten, aber auch deine mentale Stärke ausbauen kannst. Dein Spiel wird deutlich sicherer und Sicherheit erhöht auf jedem Leistungsniveau die Siegeschancen erheblich. Wende dieses Prinzip konsequent an und du wirst sehen, wie schnell du dich in kürzester Zeit verbessern kannst.
Der Autor:
Thomas Wetzel ist Cheftrainer des TopSpin Sport TT-Centers in Bad Aibling. In seiner Zeit als Aktiver war er unter anderem Deutscher Meister sowie Nationalspieler im Schüler- und Jugendbereich und feierte Erfolge mit der Bundesligamannschaft des ATSV Saarbrücken. Nach seiner Spielerkarriere war Wetzel von 2005 bis 2014 Verbandstrainer in Bayern, bevor er 2015 mit dem TopSpin Sport TT-Center einen nationalen und internationalen Trainingsstandort schuf. Hier geht's zur Webseite!


