Tipp: Die richtige Dosis von System- und Matchtraining
Tom Wetzel vom Topspin Sport TT-Center in Bad Aibling geht im aktuellen Fortgeschrittenentipp der Frage nach, wie das richtige Verhältnis von System- und Matchtraining sein sollte.

Es gibt im modernen Tischtennistraining unzählige Übungsformen für die verschiedenen Bereiche (Technik, Beinarbeit, Taktik etc.). Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute mit der Frage nach der richtigen Dosierung von Systemtraining und "Matchtraining"/Entwicklung der Spielfähigkeit beschäftigen. Ich befinde mich gerade in der 7. Sommercamp-Woche in unserem internationalen Tischtennis-Trainingszentrum in Bad Aibling. Sehr viele nationale und internationale Nachwuchsspieler mittleren bis höheren Spielniveaus nehmen an diesen Camps teil und möchten sich in intensiven Einheiten verbessern. Dabei treffen sie immer wieder auch auf ambitionierte Amateurspieler (national wie international).
In den unzähligen Trainingseinheiten stellt sich mir immer wieder dieselbe Ausgangsfrage: Warum verlieren technisch versierte Spieler (so jedenfalls meine Trainingseindrücke) in den Wettkämpfen sehr häufig gegen technisch schwächere Spieler/Materialspieler/oder einfach nur "unangenehm" agierende Spieler?
Wie sieht es nun mit der Gewichtung von Systemtraining und der Entwicklung der Spielfähigkeit im modernen Leistungs-/Nachwuchstraining aus?
Grundsätzlich sollten sich die beiden Bereiche natürlich optimal ergänzen, d.h. die Entwicklung der Technik/Bewegungsabläufe/Taktik im Systemtraining sollten letztlich nur dem Ziel dienen, sie erfolgreich im Wettkampf einsetzen zu können. Trainer, aber auch die jeweiligen Spieler, sollten sich dabei immer, individuell nach Spielertyp, die Frage stellen, ob ihr Training diesem übergeordneten Ziel Rechnung trägt.
Grundsätzlich wird meiner Meinung nach im modernen Leistungstischtennis/Nachwuchstraining nicht pauschal zu systematisch trainiert. Systemtraining ist die unabdingbare Basis, um Beinarbeit, Schlagtechniken und Automatismen zu schulen und aufzubauen. Meine Anregungen in diesem Tipp richten sich eher an die kritische Betrachtung der Trainingsmethoden durch die Trainer, aber auch durch die jeweiligen Spieler. Wir alle wollen keine Trainings- und Technikweltmeister, sondern im Wettkampf spielfähige Athleten ausbilden.
Was bedeutet das, aus meiner Sicht, nun für die (tägliche) Trainingsarbeit?
Trainer, aber auch Spieler sollten die jeweilige individuelle Spielfähigkeit kritisch analysieren und starre Trainingsmuster aufbrechen. Neben mehr Trainingswettkämpfen sollten auch vermehrt unregelmäßige Übungsformen ins Training eingebaut werden. Aber auch die für den Automatisierungsprozess so wichtigen regelmäßigen Übungsformen sollten wettkampfnäher ausgeführt werden. Das bedeutet, dass nicht unbedingt die isolierte Technik als Grundlage dient, sondern die Einsatzfähigkeit einer bestimmten Technik im Vordergrund stehen sollte.
Bezugnehmend auf die letzten Tipps bedeutet das für mich letztlich auch hier, immer wieder zu hinterfragen, ob ich z.B. den technisch sehr guten Vorhandtopspin in dieser Form auch im Wettkampf und in den jeweiligen, unterschiedlichen Spielsituationen effektiv einsetzen kann.
Dies ist für mich immer die Ausgangssituation im täglichen Training. Diese Frage sollten sich Trainer, aber auch Spieler immer wieder neu stellen und Lösungen suchen. Gerade Spieler neigen dabei häufig dazu, sich in ihrer Trainings-Komfortzone zu bewegen. Sie müssen lernen, aus dieser bewusst auszubrechen und sich schon im Training "unangenehmen" Situation oder Spielern zu stellen. Werden die Spieler sich dieser Notwendigkeit bewusst und können wir Trainer sie davon im Trainingsprozess überzeugen, so werden sie sich auch erfolgreich in den jeweiligen Wettkampfsituationen behaupten können.
Zusammenfassend möchte ich die aus meiner Sicht notwendigen Anpassungen der Trainingsarbeit (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) auflisten:
1. Im Techniktraining "bewusster" trainieren. Bei der Technikausführung oder bei technischen Kombinationen den Fokus immer auf die Anwendbarkeit im Match legen. Z.B. die Schläge bei regelmäßigen Übungen nicht zu früh ansetzen, sondern immer erst, wenn man genau weiß, wie und wohin der Partner den Ball spielt.
2. Eine gute Balance zwischen regelmäßigen, halb unregelmäßigen und unregelmäßigen Übungen finden. Individuell an die jeweilige Situation angepasst und nach beiden Richtungen offen, d.h. auch durchaus immer mal wieder ein paar Minuten regelmäßig und auch langsamer ausführen, wenn es im unregelmäßigen Teil Probleme gibt. Aber auch nicht zu lange regelmäßig spielen, wenn alles passt!
3. Die Spieler schon im Training mit unangenehmen Situationen/ "unangenehmen" Trainingspartnern konfrontieren.
4. Schon in regelmäßige Übungsformen Aufschlag-/Rückschlagkomponenten einbauen.
5. Mehr Wettkampfsituationen ins Training einbauen. Das bringt Abwechslung und gibt den Spielern ein aktuelles Feedback!
6. Regelmäßige und unregelmäßige Übungen nach bestimmten Ballkontakten oder anderen Vorgaben in freies Spiel übergehen lassen.
Systemtraining und Spielfähigkeit/Wettkampffähigkeit schließen sich nicht aus. Das Systemtraining ist lediglich ein Werkzeug/Tool zur Verbesserung der allgemeinen und spezifischen Spielfähigkeit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Der Autor:
Thomas Wetzel ist Cheftrainer des TopSpin Sport TT-Centers in Bad Aibling. In seiner Zeit als Aktiver war er unter anderem Deutscher Meister sowie Nationalspieler im Schüler- und Jugendbereich und feierte Erfolge mit der Bundesligamannschaft des ATSV Saarbrücken. Nach seiner Spielerkarriere war Wetzel von 2005 bis 2014 Verbandstrainer in Bayern, bevor er 2015 mit dem TopSpin Sport TT-Center einen nationalen und internationalen Trainingsstandort schuf. Hier geht's zur Webseite!


