Mixed mit Para-Spieler bei TT-Finals: Die Tischtennis-Familie wird komplett

    Bei den TT-Finals in Erfurt vom 4. bis 7. Juni kommt die große Tischtennis-Familie zusammen. Jetzt wird sie vollständig: Para-Sportler Valentin Baus und Kristin Lang bekommen per Wildcard einen Startplatz im Mixed-Wettbewerb.

    Kristin Lang und Valentin Baus (von links) trainieren in Düsseldorf seit Jahren zusammen. Im Juni werden sie in Erfurt ein gemeinsames Mixed-Doppel bilden. (© Gotsch)

    Trainingsabend im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf. Para-Bundestrainer Volker Ziegler spielt einige Bälle mit Valentin Baus und Kristin Lang, als Mixed-Doppel ihm gegenüber. Kristin Lang, zweifache Doppel-Europameisterin, steht. Valentin Baus, Paralympics-Goldmedaillengewinner, sitzt im Rollstuhl. Beide in einem gemeinsamen Doppel am Tisch? Ja, das geht. Bald werden sie bei den deutschen Meisterschaften in Erfurt teilnehmen.

    Ziegler bekommt den Ball von Lang wieder, die in der Vorhandseite steht, und spielt direkt in die Richtung zurück – die den Ball direkt ein zweites Mal schlägt. Überrascht schlägt Ziegler den Ball ins Aus. „Das ist genau der Effekt, den ich meine“, sagt Ziegler und lacht. Als Para-Bundestrainer weiß er, was gegen eine solche Mixed-Stellung passiert. „Aber dass beide die Bälle – wie im Tennis – beliebig oft schlagen dürfen, das ist für jeden Regelsport-Spieler sehr ungewohnt“, sagt er.

    Regelsportler – so werden die Tischtennisspieler genannt, die keine Behinderung haben und damit nicht in einer der vielen Para-Wettkampfklassen (zehn pro Geschlecht, dazu verschiedenste Doppel- und Mixed-Klassen) spielberechtigt sind. Der 30-jährige Valentin Baus etwa tritt in der paralympischen Wettkampfklasse 5 an. Sportler ohne Rollstuhl werden von den Para-Athleten „Fußgänger“ genannt, diejenigen im Rollstuhl schlicht „Rollis“.

    Keine neuen Regeln

    Baus und Lang haben beide je eine Tischseite und dürfen diese nicht verlassen – die Regel gilt, sobald ein Rolli und ein Fußgänger zusammen im Doppel spielen. „Die Mittellinie auf dem Tisch wird als Linie weitergedacht“, erklärt Baus. „Kristin und ich haben unseren festen Platz und dürfen quasi nicht übertreten. Aber übergreifen und auf der Seite des anderen den Ball spielen, ist erlaubt.“ Abgesehen davon gibt es noch die Besonderheit, dass Baus und Lang die Bälle eben nicht abwechselnd schlagen müssen.

    Neu sind diese Regeln keinesfalls – viele kennen sie nur nicht. „Die Regeln gelten ja auch im normalen Ligabetrieb“, sagt Baus. „Die meisten Tischtennisspieler spielen aber selten gegen Rollstuhlfahrer Doppel.“

    Für die gegnerischen Doppel, in denen kein Rollstuhlfahrer spielt, gelten die üblichen Regeln: abwechselnd den Ball schlagen, Positionswechsel mit dem Aufschlagtausch, diagonale Aufschläge. Auch Baus und Lang ändern im Satz wie gewohnt ihre Positionen. Im Grunde ändert sich nicht viel. „Aber vor allem die intuitiven Abläufe sind gegen ein solches Mixed völlig anders“, sagt Ziegler. „Wo man im Doppel normalerweise eine Lücke sieht und diese anspielt, weil man nicht erwartet, dass der eine Gegner den Ball zweimal hintereinander zurückspielen darf – das klappt plötzlich nicht mehr.“

    Eine große Tischtennis-Familie

    Ungewohnt wird die Spielweise damit vor allem für die 41-jährige Kristin Lang. „Meine Automatismen funktionierten zu Beginn noch ganz anders“, sagt sie. Als sie mit Baus im Januar anfing, das Mixed zu trainieren, habe sie sich nach dem Aufschlag zuerst direkt auf die andere Seite bewegen wollen. „Jetzt kann ich nach dem Aufschlag direkt vorn am Tisch stehenbleiben.“

    Seit über vier Jahren trainiert Lang regelmäßig mit den Parasportlern wie Baus in Düsseldorf, die Verbindung kam durch Langs Damen-Bundesligateam SV DJK Kolbermoor – der dortige Chefcoach Michael Fuchs ist auch Teil des Trainerstabs für das Para-Nationalteam. „Kristin kennt die Spielweise gegen Rollis sehr gut, sie hat gelernt, noch viel mehr auf Platzierung zu achten“, sagt Ziegler. „Und sie ist eine sehr gute Doppelspielerin, das zeigen ja auch ihre Erfolge bei den Europameisterschaften und den Deutschen Meisterschaften.“

    Zuerst kam aus reinem Spaß die Idee auf, dass es Valentin Baus und Kristin Lang als Mixed-Duo versuchen. „Unser Trainer Volker war recht schnell angetan von der Idee“, berichtet Baus. Er hätte sie einfach als Erster „ernst genommen mit der Idee“, wie es Ziegler selbst ausdrückt. Mit dem Vorschlag wandte er sich an die Verantwortlichen beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB), Ende 2025 wurde im DTTB-Bundestag beschlossen, dass der Deutsche Behindertensportverband (DBS) eine Mixed-Paarung für die deutschen Meisterschaften bestimmen darf. Lang und Baus werden als dieses Duo dieses Jahr in Erfurt direkt im 32er-Hauptfeld des Mixed-Wettbewerbs starten.

    „Es geht natürlich ein Stück weit um Inklusion“, sagte Richard Prause, Sportvorstand des DTTB, im März im Podcast „Ping, Pong & Prause“. Im diesjährigen Mixed-Wettbewerb soll nochmal mehr verdeutlicht werden, dass es auch im paralympischen Bereich Top-Tischtennisspieler gebe, wie Prause sagte. Außerdem heißt es in der entsprechenden DTTB-Mitteilung zum Bundestag-Beschluss, der DTTB werde beim TT-Finals-Event in Erfurt erst einmal Erfahrungen in der Umsetzung inklusiver Wettbewerbe sammeln.

    Zeitlich versetzte Entwicklung

    Für Para-Bundestrainer Volker Ziegler ein normaler Schritt. „Die Entwicklung des Parasports ist immer etwas versetzt zu der des Regelsports“, sagt er. Seit der Einführung der TT-Finals als zentraler Austragungsort für die Deutschen Meisterschaften im Tischtennis im Jahr 2024 ist es das erste Mal, dass auch Para-Sportler teilnehmen. Im kommenden Jahr ist geplant, dass auch in jeder Einzel-Leistungsklasse der Amateure jeweils ein Para-Sportler per Wildcard antreten darf.

    „Wo außer im Tischtennis gibt es das schon, dass alle zusammen dieselbe Sportart spielen können“, sagt Ziegler. Dass Para- und Regelsport mit so wenigen unterschiedlichen Regeln kompatibel sind, ist für Ziegler einmalig.

    „Tischtennis ist eine der wenigen Sportarten, die sehr inklusiv sind – wo jeder mit wirklich jedem spielen kann, egal ob körperliche Beeinträchtigung oder nicht“, sagt Baus. „Der sportliche Wert steht im Vordergrund, egal, welche Beeinträchtigung man hat. Das zeigt, wie vielfältig unser Sport ist.“

    Ein konkurrenzfähiges Duo

    Wie weit es bei den TT-Finals für das neue Mixed-Duo gehen kann, wird viel „von der Auslosung abhängen“, sagt Lang. „Wir hoffen, dass wir die erste Runde gewinnen und einen guten Start haben. Und dann schauen wir, was passiert – alles ist möglich.“

    Dem Para-Bundestrainer geht es bei dieser Premiere vor allem, aber nicht nur um Sichtbarkeit. „Das ist natürlich schön, wenn der Para-Sport dadurch sichtbarer wird und wir sowohl bei Spielern als auch bei Trainern das Bewusstsein dafür schaffen, dass Para-Tischtennis sehr gut möglich ist“, sagt Ziegler. „Aber wir wollen jetzt in Erfurt mehr als nur die Quoten-Erfüller sein. Auch im Para-Sport agieren wir auf einem sehr hohen Niveau, gerade mit Vale Baus haben wir zum Beispiel einen Paralympics-Goldmedaillengewinner.“ Sowohl Baus als auch Lang sind ehrgeizig, haben durchaus das Ziel, weit zu kommen. „Wir wollen damit vor allem auch zeigen, dass das Mixed eine realistische Chance hat, etwas zu gewinnen.“

    Wer noch mehr erfahren will, kann auf tischtennis.de ein aktuelles Interview mit Valentin Baus und Kristin Lang lesen.