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Kritik an Verteilung der Fördergelder: DTTB will Reform

Thomas Weikert kritisiert, dass die Bedeutung des Breitensports nicht berücksichtigt werde (©Hinz)

26.09.2012 - Wem sollte mehr Fördergeld zustehen? Sportarten, die Deutschland viele olympische Medaillen bescheren, oder solchen, die über eine bedeutende Basis an Breitensportlern verfügen? Die Diskussion um die Förderkriterien im deutschen Sport verschärft sich - und das nicht zuletzt durch ein Schreiben von Thomas Weikert und Hans Wilhelm Gäb an führende Sportpolitiker, in dem sie eine Reform des Systems fordern. Der DOSB reagierte wenig begeistert.

„Wir bezweifeln, dass die aktuellen und aus Steuergeldern bestehenden Investitionen in den Leistungssport optimal den gesellschaftspolitischen Zielen des Landes dienen“, erklären Weikert, der auch Vizepräsident des Internationalen Verbandes ITTF sowie Chef der Trainerakademie des DOSB ist, und Gäb, der frühere Vorstands- und jetzige Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrats der Stiftung Deutsche Sporthilfe. „Die Bedeutung des Breitensports als der Basis für den Leistungssport wird nicht berücksichtigt, und die Verteilung der Fördergelder folgt unklaren Prinzipien.“

Der Sport und die Erfolge im Leistungssport prägten das Image einer Nation heute ebenso wie technische, wirtschaftliche, kulturelle oder soziale Leistungen, sagt Gäb. Eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln für die Stiftung Deutsche Sporthilfe zeige, dass der Bekanntheitsgrad und die kommunikative Ausstrahlung deutscher Sportstars im Ausland um ein Vielfaches höher seien als bei führenden deutschen Politikern, Literaten oder Künstlern. „Sie beflügeln mit ihren Leistungen nicht nur den gesellschaftspolitisch entscheidend wichtigen Breitensport in Deutschland, sondern stehen mit ihren internationalen Erfolgen, ihrer Haltung und ihrem Auftreten im Ausland auch für das ‚Made in Germany‘ und für ein sympathisches Deutschland“, beschreiben Weikert und Gäb die innen- und außenpolitische Bedeutung der Sportelite.

Die Bedeutung des Breitensports als Basis der Elite wird überhaupt nicht berücksichtigt

Beim einseitigen Streben nach olympischen Medaillen, der derzeit zentralen Grundlage der Sportförderung, würde jedoch die Wichtigkeit der Vereins- und Breitensportstruktur in Deutschland mit über 90.000 Vereinen und rund 28 Millionen Mitgliedschaften völlig außer Acht gelassen.

Der Vereins- und Breitensport sei aber ein entscheidend wichtiger gesellschaftspolitischer Stabilisator in einer der Toleranz und dem Miteinander verpflichteten Demokratie, führt Gäb aus, und Präsident Thomas Weikert weist darauf hin, dass dieser Breitensport auch die Basis der Elite sei, was aber in der Förderung nicht berücksichtigt werde:„Derzeit gibt es eine unverhältnismäßig überhöhte Förderung von Sportarten, hinter denen keine Breitensportbewegung steht und deren gesellschaftspolitischer Nutzen daher naturgemäß begrenzt ist.“ Immer noch würden medaillenträchtige Minoritäten-Sportarten überproportional zu Lasten der Verbände mit starker Breitensport-Struktur gefördert, erklärt der Limburger Anwalt. Als extremes Gegenbeispiel zum Tischtennis, das mit seinen gut 600.000 Mitgliedern mit 809.500 Euro gefördert wird (1,34 Euro/Mitglied), führt der DTTB in einer Aufstellung den Eisschnelllauf an, der mit 1223 Verbandsmitgliedern 1,7 Millionen Euro (1406,79 Euro/Mitglied) erhält.

Forderung: „Schlüssigeres Konzept mit mehr Chancengleichheit“ 

In diesem Zusammenhang weisen die beiden DTTB-Vertreter auch auf die völlig unterschiedliche internationale Verbreitung der einzelnen Sportarten hin. Der Volleyball-Weltverband und der Tischtennis-Weltverband beispielsweise umfassten mehr als 200 Nationen und seien gemessen an diesem Kriterium die größten Sportarten der Welt. Entsprechend aufwändig und damit teuer sei es, sich global gegen eine solche Vielzahl von Konkurrenten auf allen Kontinenten zu behaupten, doch sei auch dieser Faktor in den Förderkriterien nicht berücksichtigt. Auch seien für Athleten in Sportarten wie Hockey oder Basketball maximal zwei Medaillen bei Olympischen Spielen erreichbar, andere Sportarten dagegen könnten über 60 Medaillen gewinnen und dort dürfe sogar ein einzelner Athlet in sieben oder acht Disziplinen Medaillenchancen wahrnehmen. Auch diese Besonderheit sei in den unklaren Prinzipien der Förderung nicht ausreichend berücksichtigt.

„Das Fördersystem der Zukunft sollte von einem schlüssigeren und um mehr Chancengleichheit bemühten Konzept getragen werden“, fordern Thomas Weikert und Hans Wilhelm Gäb. „Ein neues System mit nachvollziehbaren Kriterien sollte die Investition von Steuergeldern besser legitimieren, eine Erhöhung der Fördergelder rechtfertigen und den größtmöglichen gesellschaftspolitischen Nutzen für unser Land anstreben.“

Reaktionen des DOSB eher ablehnend

Inzwischen hat auch der DOSB zu dem Schreiben der DTTB-Vertreter Stellung genommen. Christa Thiel, DOSB-Vizepräsidentin Leistungssport, reagierte "mit großer Verwunderung" auf die Worte des DTTB. Der Tischtennisverband habe bei diversen Gelegenheiten seine Vorstellungen nicht eingebracht, was einem fairen Verfahren widerspreche. Rainer Brechtken, Sprecher der Spitzenverbände im DOSB, stimme zwar zu, dass der Spitzensport Auswirkung auf das Engagement im Breitensport hat. Den Vorschlag, die Förderung an die Zahl der Breitensportler zu koppeln, unterstützte er hingegen nicht. "Das wäre ähnlich, wie wenn man in der Wirtschaft nur den Großbetrieb berücksichtigte und den innovativen Mittelständler vernachlässigen würde", verglich Brechtken. "Alle Athleten, die sich dem Leistungssport widmen, haben Anspruch auf Förderung, unabhängig von der Größe ihres Verbandes."

Wer sollte mehr Fördergelder bekommen? Was meinen Sie?

Vergleichende Aufstellung über die Förderung ausgewählter olympischer Sportarten

Das Schreiben des DTTB im Wortlaut

(DTTB//DOSB/JS)

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