EM

3:4 im Finale – Silber für Ivancan: „Stolz auf meine Leistung“

Die deutsche Spielerin der EM (@ Schillings)

15.10.2011 - Erst die wohl cleverste Spielerin Europas konnte den Siegeszug von Irene Ivancan bei der Tischtennis-EM stoppen. In einem dramatischen Finale unterlag die Abwehrspielerin aus Berlin der topgesetzten Niederländerin Li Jiao knapp mit 3:4. Dennoch hat die 28-Jährige die Erwartungen um Längen übertroffen. Vor sechs Jahren nach ihrer ersten EM ausgemustert, hat sie bei ihrem Comeback nach herausragenden Leistungen im Teamwettbewerb im Einzel noch eins draufgesetzt – herzlichen Glückwunsch!

Ihre Finalgegnerin hieß Li Jiao, und die ist eine Größe, besonders gegen Defensivsysteme. Das hatte sie unter anderem beim klaren 4:1 im Halbfinale gegen die Polin Li Qian bewiesen. Die 38-jährige gebürtige Chinesin verfügt über viel Erfahrung, die nötige Ruhe und ein exzellentes Ballgefühl. Sie kann den Effet ihrer Topspins sehr gut variieren und ihr Gegenüber mit extremen Winkeln auch läuferisch beschäftigen. Viermal hat sie das kontinentale Ranglistenturnier Europe Top 12 gewinnen können, war 2007 Einzel-Europameisterin und führte ihre Mannschaft in Danzig zum vierten Team-Titel in Folge. Auch vor diesem Hintergrund war Ivancans Leistung gegen sie bemerkenswert. 

Im Endspiel benötigte Ivancan diesmal keine Zeit, um ins Spiel zu kommen. Nach einer schnellen 8:4-Führung sicherte sie sich Durchgang eins mit 11:9. Dann änderte Li Jiao ihre Taktik, spielte passiver, zog nur noch dosierte Topspins, um Ivancan zur Initiative zu zwingen. Schnell gingen Satz zwei und drei verloren. Dann wurde die flexible Berliner Bundesligaspielerin ruhiger. Sie wurde in der Abwehr geduldiger und wartete die passenden Bälle für Offensivaktionen ab. Mit einem Kantenball verwandelte sie den Satzball zum 11:7 in Durchgang vier. Im fünften Satz hielt sie stetig ihren Zwei-Punkte-Vorsprung. Ivancans Punkt zum 11:9 musste Li Jiao für die verkehrte Welt gehalten haben: Da stand die moderne Abwehrspielerin nah am Tisch und zog und schoss, während die niederländische Angreiferin den Ball nur mühsam aus der Halbdistanz zurücklöffeln konnte. 

Doch dann die Wende: Nur noch einen Satz vom Gold entfernt, agierte Irene Ivancan zu überhastet, riskierte zu viel und produzierte viele eigene Fehler. Nach dem 11:3 für Li hatte die Favoritin Oberwasser, Ivancans Kräfte, mental und konditionell, waren am Ende. Europas Nummer eins erspielte sich komfortable Vorsprünge und hielt sie bis zuletzt. 

„Ich bin nicht unglücklich, das Finale verloren zu haben. Ich kann stolz sein auf meine Leistung. Schließlich habe ich gegen die beste Spielerin Europas gespielt und sogar mit 3:2 geführt", sagte Ivancan. 

Finale im Damen-Einzel:

Ivancan - Li Jiao 3:4 (9, -4, -5, 7, 9, -3, -6) 

Bericht nach dem Halbfinale:

„Am Anfang war ich schon sehr nervös", gab Ivancan zu. „Sie hat ein Spiel, das mir nicht gerade entgegen kommt, weil sie eher passiv spielt und viel schupft. Das geht noch mal auf die Kondition bei einem so langen Turnier, und ich muss dann noch mehr arbeiten. Nach dem ersten Satz hat sie aber mehr Fehler gemacht als gedacht, und ich habe sehr stabil abgewehrt und relativ sicher angegriffen. Finale erreicht, jetzt bin ich erst mal sprachlos!" 

Ohne Worte, aber bereit für das Endspiel gegen Li Jiao: „Was gibt es Geileres, als am Ende eines solchen Turniers der besten Spielerin Europas bei kontinentalen Vergleichen gegenüber zu stehen?!", freute sich Bundestrainer Jörg Bitzigeio. „Das ist die absolut verdiente Belohnung für das, was Irene hier in Danzig geleistet hat. Auch gegen Li Jiao wird sie sich alles andere als verstecken und ihr alles abverlangen."

Damen-Einzel, Halbfinale 

Li Jiao NED - Li Qian POL 4:1 (9, 7, 7, -8, 6)

Irene Ivancan - Margaryta Pesotska UKR 4:1 (-2, 7, 10, 4, 11)

Bericht nach den Viertelfinals:

Nein, Irene Ivancan ist nicht aus dem Nichts gekommen und nun zu europäischem Edelmetall in Danzig gestürmt. Nur: Moderne Defensivspieler brauchen eben etwas länger. Deutschlands männlicher Abwehrchef, Ruwen Filus, hat das einmal so erklärt: „Wir müssen zwei Spielsysteme lernen, Abwehr und Angriff. Das braucht eben mehr Zeit.“ So ist es auch bei Irene Ivancan. Bei der 28-jährigen Berliner Bundesligaspielerin kamen weitere Faktoren hinzu, die bei den Europameisterschaften zum Erfolg geführt haben. „Falten habe ich zwar noch keine, aber ich bin reifer geworden“, sagt sie.

Die 28-Jährige beschäftigt ihren Kopf nicht nur mit Tischtennis-Theorie, sondern auch mit dem Studiengang 'Internationales Management' an der Hochschule Ansbach, die auf die Bedürfnisse und Fehlzeiten von Hochleistungssportlern besondere Rücksicht nimmt. Parallel dazu zog sie vor drei Jahren nach Düsseldorf und schloss sich der Trainingsgruppe um Bundestrainer Jörg Bitzigeio am DTTZ an. Die Einstellung stimmte, die Leistung auch. 

Ihr Niveau hob sich stetig, eine breite Öffentlichkeit wurde vor allem bei Deutschen Meisterschaften auf sie aufmerksam, wo sie im Einzel und Doppel stets weit vorne zu finden war. In der Folge kamen international beachtliche Ergebnisse hinzu: Viertelfinale Polish Open 2010, Achtelfinal-Teilnahmen bei den China, Spanish und English Open in diesem Jahr. „Das Gespräch über die Rückkehr in den Kader mit ihr war kurz. Wir mussten nicht viel reden“, erzählt Bitzigeio. Die Wünsche und Vorstellungen waren klar für beide Seiten. Seit Juni wird sie nun auch offiziell im B-Kader des Deutschen Tischtennis-Bundes geführt.

"Werde in Zukunft nicht meckern, wenn es aufs Laufband geht"

Im Sommer quälte sie sich mit ihren Nationalteamkolleginnen beim Konditionslehrgang in Sonthofen bei drei Einheiten pro Tag mit kilometerlangen Läufen am Berg, Mountain-Bike-Touren, Kraft und Stabilisation sowie Athletiktraining mit Koordinationsübungen, Sprints und Sprüngen. Im Anschluss ging es zum Trainingscamp nach China in Tongzhou zum Vorbereitungsprogramm mit Chinas B-Nationalmannschaft und den besten Europäerinnen. Drei Stunden Tischtennis vormittags, drei Stunden Tischtennis nachmittags und danach begann das private Trainingsprogramm. „'Bitzi' hat mich jeden Tag bei ungefähr 35 Grad für eine Stunde zum Laufen geschickt“, berichtet Ivancan jetzt bei der EM. „Im Nachhinein kann ich ja nichts dagegen sagen. Ich glaube, das ist ganz arg wichtig gewesen.“ Bei einem Turnier über neun Tage mit drei Wettbewerben, habe sie gemerkt, „dass es essentiell ist, dass man so eine Kondition hat, wenn man weit kommt“. Sie fügt hinzu: „Deshalb werde ich in Zukunft nicht mehr meckern, wenn es rauf aufs Laufband geht oder aufs die Tartanbahn.“

Im Viertelfinale gegen Krisztina Toth, eine der erfahrensten Europäerinnen und nicht von ungefähr mit sieben EM-Titeln dekoriert, waren es viele Aspekte, die den Weg zum Edelmetall geebnet haben: „In einem Viertelfinale gelten andere Regeln. Da geht es nicht mehr nur ums Spielerische und die Taktik“, und Irene Ivancan zählt auf: „Es hat mit der Vorbereitung zu tun, der Kondition, den Nerven.“ Und mit dem Selbstvertrauen. Das hat Irene Ivancan. Sie wisse nicht genau woher, es sei einfach da. „Ich habe Spaß daran zu spielen, ich weiß, dass ich gut spiele, denn dieses Feedback bekomme ich jeden Tag im Training. Außerdem geben mir meine Freunde und meine Familie Halt.“

Gesundes Selbstvertrauen, große Beliebtheit

Sie spiele ein relativ modernes System, mit dem sie gegen jede Spielerin Chancen habe. Auch der Unterhaltungsfaktor stimmt: „Ich merke, dass die Leute Spaß daran haben, bei meinem Spiel zuzuschauen. Es macht mir Freude, ihnen etwas zu bieten.“ Es ist ein gesundes Selbstvertrauen, das aus diesen Worten klingt, ein sympathisches. Ivancan ist auch bei ihren ausländischen Kolleginnen sehr beliebt, bei den deutschen sowieso. Viele Spielerinnen gratulieren ihr zu ihren Siegen bei diesen Europameisterschaften sehr herzlich.

Ihr Selbstvertrauen hilft ihr auch, Konzentrationslücken im Spielverlauf auszugleichen - wie im Spiel gegen Toth. Nach einer 4:1-Führung in Durchgang drei erzielte die aktuelle Deutsche Meisterin im Doppel keinen Punkt mehr in den folgenden zehn Ballwechseln. „Das kann öfter mal bei mir passieren, das habe ich aber in den Griff bekommen. Danach habe ich ja noch einmal alles gegeben.“ Sie hat ebenfalls in den Griff bekommen, dass Toth gleich im ersten Satz gegen sie ganz anders agierte, als im Mannschaftswettbewerb, noch kompromissloser über ihre Rückhandseite angegriffen hat. Und sie hat es in den Griff bekommen, dass sie bei diesem Spiel in der im Vergleich zu den vergangenen Tagen etwas größeren Spielbox des Centrecourts zu Beginn zu weit nach hinten gegangen war und dann zu den kurzen Bällen ihrer Gegnerin einen Tick zu spät kam. Zu ihrer Flexibilität kam das Quäntchen Glück. „Bei 9:6 im sechsten Satz habe ich gedacht, jetzt ist es gleich soweit und habe angefangen zu zittern. Als ich bei 9:7 einen Netzroller hatte, habe ich echt gedacht: Danke, Gott. Ganz ehrlich!“

Welche Medaille? Irene malt eine eins in die Luft!

Mit dieser gelungenen Mischung muss im Halbfinale noch lange nicht Schluss sein. Sie selbst weiß das am besten, aber welche Farbe ihre EM-Medaille haben soll, das sagt sie nicht. „Darüber spricht man nicht. Das wäre ein schlechtes Omen“, sagt sie -malt aber schweigend mit dem rechten Zeigefinger eine eins in die Luft. „Am letzten Tag sind alle vier im Halbfinale schon mitgenommen vom langen Turnier. Am Ende wird entscheiden, wer von uns die Medaille am meisten will.“ 

„Irene hat dem weiblichen Bereich ein neues Gesicht gegeben"

„Irene hat im ganzen Turnier überzeugend gespielt. Sie hat diesem Turnier ihren Stempel aufgedrückt, hat dem weiblichen Bereich ein neues Gesicht gegeben“, sagt Bundestrainer Bitzigeio. „Sie hat bis morgen Zeit, Kraft zu sammeln und aus dem morgigen Tag einen ganz langen zu machen.“ Am Sonntag geht es im Halbfinale um 10:50 Uhr gegen die Ukrainerin Margaryta Pesotska, die EM-Finalistin von 2009, die die Rumänien Elizabeta Samara im Viertelfinale mit 4:2 besiegen konnte. Im zweiten Halbfinale stehen sich Li Qian und Europas Nummer eins, Li Jiao aus den Niederlanden, gegenüber. Das Endspiel ist um 14 Uhr.

Riesenleistung trotz Niederlage von Barthel gegen Li Qian

Eine Menge erreicht bei dieser EM hat auch Zhenqi Barthel (Bingen/Münster-Sarmsheim). Gegen Li Qian hat sie im Viertelfinale ein famoses Spiel geliefert, blieb geduldig bei den fast endlos scheinenden Ballwechseln gegen die immer sicherer werdende Li. Die 24-jährige Deutsche Einzelmeisterin hat ihre frühere Angst gegen Defensivsysteme abgelegt, das wurde bei ihrem nationalen Triumph in Bamberg deutlich und nun erneut gegen die Lokalmatadorin in der ERGO Arena. Mit 2:0 war sie schnell in Führung gegangen gegen die Nummer sechs Europas und Europe-Top-12-Siegerin von 2009. Als sie Satz drei in der Verlängerung verlor, war Li Qian im Spiel.

„Wenn 'Lulu' den dritten Satz gewinnt, hat sie eine reelle Chance. Ich hätte gerne mal gesehen, wie Li Qian bei einem 0:3 spielt“, erklärte Bitzigeio. „Li Qian hat im dritten Satz ihr System und ihren Rhythmus gefunden, hat sich nur noch auf die Abwehr konzentriert und von dort an keine Fehler mehr gemacht. Dann wird es schwer.“ Er sah ein insgesamt starkes Turnier Barthels. „Es ist eine Riesenleistung von ihr, hier das Viertelfinale erreicht zu haben. Das hätten ihr vorher die wenigsten zugetraut“, so Bitzigeio. „Auch gegen Li Qian hat sie klasse gespielt. Vorher hatte 'Lulu' gegen sie in sieben, acht Spielen nur einen Satz gewonnen, heute hätte sie fast mit 3:0 geführt."

„Li Qian hat in den ersten Sätzen viele Fehler auf meine Topspins gemacht, kam mit meinen Noppen nicht so zurecht. Dann hat sie sich immer besser eingestellt, und ich wusste nicht mehr, wie ich einen Punkt machen soll“, beschreibt Zhenqi Barthel ihre leichte Verzweiflung. „Bei so vielen Vorhand-Topspins wird dann irgendwann der Arm wackelig, das Gefühl geht weg, die Kraft.“ Noch überwiegt zwar die Enttäuschung über das knappe Aus, aber ihre Bilanz war schon wenige Minuten nach dem Spiel positiv: „Mit meinen Leistungen bei den Europameisterschaften bin ich aber schon zufrieden."

Das ist auch der Bundestrainer in Bezug auf den Gesamtauftritt seiner Damen. „Es war eine Riesenleistung von Irene, aber auch von der ganzen Gruppe in Düsseldorf, Spielerinnen und Betreuerteam. Irene hat diese Medaille verdient, die ganze Mannschaft hat diese Medaille verdient. Neben diesen beiden Topspielen von heute waren wir mit vier Damen unter den besten 16, mit zwei Doppeln im Viertelfinale und wurden Fünfte mit der Mannschaft. Gegenüber dem vergangenen Jahr haben wir uns damit in der Qualität, aber auch in der Breite noch einmal verbessert." 

Damen-Einzel, Viertelfinale

Irene Ivancan - Krisztina Toth HUN 4:2 (-11, 9, -4, 5, 9, 8)

Zhenqi Barthel - Li Qian POL 2:4 (6, 8, -11, -7, -7, -3)

Li Jiao NED - Georgina Pota HUN 4:3 (7, -3, -7, 7, 7, -8, 8)

Margaryta Pesotska UKR - Elizabeta Samara ROU 4:2 (7, -11, 7, -6, 9, 8)

(RA/DTTB)

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