EM

Damen bangen nach EM-Drama, Herren souverän

Starkes Comeback von Ivancan (@ Schillings)

07.10.2011 - Irene Ivancan feierte ein überzeugendes EM-Comeback, aber nach zwei Siegen stand am Ende doch eine bittere Enttäuschung. Die Abwehrspielerin verlor beim 2:3-Krimi gegen Rumänien das entscheidende fünfte Einzel – nach 2:1-Satzführung und 8:4 im vierten Durchgang. Zuvor hatte Wu Jiaduo sogar zwei Matchbälle zum 3:1 vergeben. Damit haben die Damen den vorzeitigen Einzug ins Viertelfinale verpasst. Die Herren überzeugten auf der ganzen Linie und bezwangen Gastgeber Polen mit 3:0.

Damen-Mannschaft, Gruppenspiele, 2. Runde: Deutschland – Rumänien 2:3
Irene Ivancan - Daniela Dodean 3:1 (-2, 10, 8, 9)
Wu Jiaduo - Elizabeta Samara 0:3 (-8, -11, -10)
Kristin Silbereisen - Iulia Necula 3:0 (5, 5, 9)
Wu - Dodean 2:3 (2, -8, 11, -8, -11
Ivancan - Samara 2:3 (7, -7, 9, -9, -8)

Bitzigeio vertraute dem gleichen Trio, das am Vormittag gegen Russland brilliert hatte. Wu Jiaduo, Irene Ivancan und Kristin Silbereisen wollten Revanche nehmen für die bittere 2:3-Niederlage im Viertelfinale bei der EM in Ostrava vor einem Jahr. Damals vergaben die DTTB-Damen Matchbälle und verpassten die ersehnte Medaille. Die Geschichte wiederholte sich – nur dass der Traum von Edelmetall in Danzig noch nicht ausgeträumt ist. Am Sonntag geht es im letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine um alles oder nichts.

Wie im Viertelfinale des vergangenen Jahres hatte das Team von Bundestrainer Jörg Bitzigeio Matchbälle gegen den Vorjahresfinalisten, spielte gut, bewies große Kämpferqualitäten – und ging doch als Verlierer vom Tisch. Doch für Bitzigeio war diese Niederlage gar nicht bitter oder gar schlimmer als das, denn: „Der Ausdruck 'bitter' würde der Leistung der Mannschaft nicht gerecht. Wir haben ein gutes Spiel gemacht, kein sehr gutes, denn dann hätten wir gewonnen, aber ein gutes. Wir haben als Team auf einem höheren Niveau gespielt als noch vor einem Jahr, haben aber unsere Möglichkeiten nicht genutzt.“

So sah es auch Dirk Schimmelpfennig, Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB). „Noch ist überhaupt nichts passiert. Die Niederlage in Ostrava hat im Viertelfinale das Aus bedeutet. Dort konnten wir nichts mehr reparieren. Hier können wir immer noch die K.-o.-Phase erreichen.“ Und so ausgeglichen wie die Partien in den übrigen Gruppen der Championships Division derzeit verliefen, seien alle Viertelfinalpositionen gleich gut besetzt. Egal, ob man als Gruppenerster und –zweiter die Runde der besten Acht erreiche. "Alles werden Partien auf Augenhöhe sein", ist Schimmelpfennig sicher. In der deutschen Gruppe B ist also fast alles offen. Im dritten Gruppenspiel am Sonntag um 15 Uhr gegen die Ukraine kann das DTTB-Quintett doch noch den Sprung in die Hauptrunde perfekt machen.

Die DTTB-Damen sahen gegen Rumänien ein ums andere Mal wie die Sieger aus. Ganz nah dran war die deutsche Nummer eins Wu Jiaduo (Kroppach), die zunächst gegen Elizabeta Samara in drei engen Sätzen das Nachsehen hatte und im zweiten Einzel gegen Dodean trotz einer guten Leistung eine weitere unglückliche Niederlage hinnehmen musste. Nach klar gewonnenem ersten Durchgang lieferte sie sich mit der Rumänin die nahezu längsten Ballwechsel der Welt bei den Offensivsystemen Konter gegen Topspin. Ihre Teams, Deutschland ergänzt von Nachwuchskoordinatorin und Mädchen-Bundestrainerin Eva Jeler, die mit Jörg Bitzigeio ein starkes Coach-Duo bildet, Sabine Winter (Schwabhausen) und Zhenqi Barthel (Bingen/Münster-Sarmsheim) hielt es an der Box nicht länger auf den Stühlen. Im fünften Durchgang gab es wieder schier unglaubliche Endlos-Rallyes auf höchstem Niveau, keine Spielerin setzte sich entscheidend ab. Zwei Matchbälle Wus konnte Daniela Dodean abwehren, verwandelte dann ihren ersten eigenen zum 13:11.

Zuvor hatten Irene Ivancan durch ein überzeugendes 3:1 über Samara sowie Kristin Silbereisen (Kroppach) mit einem glatten 3:0 über Iulia Necula für die Führung des DTTB-Teams gesorgt. Im letzten Einzel wäre Ivancan beinahe zur Matchwinnerin avanciert. Bei ihrem EM-Comeback sechseinhalb Jahre nach ihrem Debüt in Aarhus ließ die Berlinerin gegen Elizabeta Samara Führungen von 8:4 und 9:7 im vierten Satz aus. Sie konnte die Vorteile ihres eigenen Aufschlags nicht mehr nutzen, spielte bei Angriffsbällen mit der Vorhand nicht zwingend genug. Samara wiederum behielt die Nerven und variierte klug und gewann am Ende nicht unverdient in fünf Durchgängen. „Gegen eine Rumänin hast du erst verloren, wenn sie dir auf der Höhe des Netzes gratuliert und bei ihr die Tränen fließen“, beschreibt Jörg Bitzigeio. „Das ist ihre Riesenstärke. Es ist wie ein Siegergen. Dass sie zu jeder Zeit an ihren Sieg glauben, dieses Gefühl kennen sie schon seit dem Jugendbereich, wo die Rumäninnen traditionell immer sehr erfolgreich sind. Deshalb geht mein Kompliment heute auch an Rumänien. Wir sind zwar von Mal und Mal spielerisch besser gegen sie, haben aber auch heute nicht die entscheidenden Punkte gemacht.“

Damen-Mannschaft, Gruppenspiele, 1. Runde: Deutschland – Russland 3:0
Irene Ivancan -Polina Mikhailova 3:0 (8, 8, 5)
Kristin Silbereisen - Svetlana Ganina 3:0 (7, 3, 8)
Wu Jiaduo - Anna Tikhomirova 3:0 (6, 3, 12)

In ihrem ersten Gruppenspiel waren Deutschlands Damen am Vormittag hellwach. Das Team von Bundestrainer Jörg Bitzigeio besiegte in Russland den EM-Zweiten von 2007 konzentriert und locker mit 3:0.  „Ich war überrascht, dass die Mädels so schnell zum Mittagessen wollten. Dass das Spiel so traumhaft verläuft, hatten wir nicht erwartet. Wir hatten uns auf einen harten Kampf gegen die Russen eingestellt", sagte Bitzigeio. 

Den DTTB-Damen sei die Aufstellung der Russen entgegen gekommen. „Wir haben die Auslosung voll getroffen. Wir wussten, dass wir auf das Spielsystem der russischen Abwehrspielerinnen gut vorbereitet sind." Trotz des makellosen Starts drückte Bitzigeio etwas auf die Bremse. „Das war eines von hoffentlich vielen Spielen. Wir dürfen jetzt nicht zu euphorisch werden", mahnte der Bundestrainer. 

Irene Ivancan gab sechseinhalb Jahre nach ihrem EM- und Nationalteamdebüt ein überzeugendes Comeback. Das Abwehrass ließ ihrer Berliner Bundesligateamkollegin Polina Mikhailova im ersten Spiel keine Chance. „Irenes dominanter Auftritt war richtungweisend. Sie hat die Sache für Kristin und ’Dudu’ erleichtert. Vor dem Spiel war Irene sehr nervös. Ich habe ihr gesagt, dass es egal ist, in welchem Trikot sie spielt, ob in dem des Vereins oder im Nationalmannschaftstrikot", sagte Bitzigeio. 

„Die ganze Mannschaft hat einfach fantastisch gespielt", freute sich Ivancan. „Dass ich mit 3:0 gewinnen konnte, war natürlich ein Einstand nach Maß. Aus unserem Team hätte aber jede an Position eins spielen können. Wir sind alle in guter Form und sehr motiviert."  

Kristin Silbereisen (Kroppach) erhöhte gegen die erfahrene Defensivakteurin und Doppel-Europameisterin Svetlana Ganina auf 2:0. „Das war für uns ein guter Auftakt. Trotzdem war es ein Spiel von vielen. Heute Abend gegen Rumänien geht es um die Vorentscheidung", sagte Silbereisen. Die Einzel-Europameisterin von 2009, Wu Jiaduo, wurde ihrer Favoritenrolle an Position drei gegen die Nummer 78 der Weltrangliste, Anna Tikhomirova, ebenso gerecht. Insgesamt hat das deutsche Trio hat nicht einen Satz abgegeben.  

Herren-Mannschaft, Gruppenspiele, 1. Runde: Deutschland – Polen 3:0
Bastian Steger - Wang Zeng Yi 3:2 (8, -9, 7, -8, 7)
Timo Boll - Jakub Kosowski 3:1 (3, -9, 7, 8)
Dimitrij Ovtcharov - Daniel Gorak (6, 8, 7)

„Die Polen können gut gegen uns spielen“, hatte Bundestrainer Jörg Roßkopf vor der Partie gegen die Gastgeber gewarnt. Und so war sein Team gut eingestellt auf die anspruchsvolle Aufgabe zu Turnierbeginn. Heraus kam ein 3:0-Sieg, der aber keine ganz leichte Arbeit für den Titelverteidiger und Turnierfavoriten war.

Vor allem nicht für Bastian Steger. Dem Saarbrücker gelang knapp in fünf Sätzen der Auftaktsieg gegen Wang Zeng Yi, den EM-Doppel-Finalisten von Stuttgart 2009. „Wang ist ein sehr unangenehmer Spieler, der immer beide Einzel gewinnen kann, wenn er einen Lauf hat. Dass ’Basti’ das erste Spiel gewinnt, war ganz wichtig. Er konnte am Ende mental noch mal zulegen und hat sich taktisch noch mal ein bisschen umgestellt", resümierte Roßkopf.

„Es war ein guter Gegner", lobte Steger seinen Kontrahenten. „Er ist für mich unangenehm. Es war schwer, in meinen Rhythmus zu kommen, deshalb bin ich froh, dass ich noch gewonnen habe." Der Kampfgeist habe am Ende über den Sieg entschieden. „Im letzten Satz konnte ich noch zulegen. Das war ausschlaggebend."

Timo Boll (Düsseldorf) war im Anschluss dem Frickenhausener Bundesligaspieler Jakub Kosowski insgesamt zwar in allen Belangen überlegen, musste gegen den Weltranglisten-90. jedoch den Verlust des zweiten Satzes hinnehmen und spielte im dritten und vierten Durchgang nicht konsequent genug für einen höheren Sieg. „Für das erste Spiel haben wir uns hier gut verkauft", so der dreizehnfache Europameister. „Die Polen sind ein unangenehmer Gegner für uns. Im letzten Jahr haben wir uns schwerer getan. So konnten wir gleichzeitig Spielpraxis sammeln, aber auch die Kräfte schonen, weil jeder nur einmal spielen musste. Da können wir uns gegenseitig danken. Bei einem so langen Turnier sollte man nicht schon zu Anfang unnötig Kraft verlieren." Auch mit seiner Leistung im Einzel könne er "ganz zufrieden sein".

Dimitrij Ovtcharov auf Position drei startete kompromisslos gegen Daniel Gorak in die Partie, der Pole konnte die folgenden Sätze jedoch offener gestalten. Letztlich behielt der Weltranglisten-13. in drei Sätzen die Oberhand. „Für mein erstes Spiel war es ganz gut, aber nicht phänomenal", erklärte der 23-jährige. „Ich habe meinen Gegner von Anfang an beherrscht. Zwischendurch habe ich nach einer hohen Führung allerdings so ein bisschen die Spannung verloren und deshalb ein paar leichte Fehler gemacht. Gut, dass ich mich dann wieder gefangen habe." Ovtcharov ist nicht nur im Mannschaftswettbewerb ambitioniert: „Ich bin gut drauf und habe hier viel vor."

Sonntag ist Doppel-Spieltag. Um 11 Uhr geht es in der wahrscheinlich vorentscheidenden Partie gegen Kroatien, um 19 Uhr gegen die Slowakei. „Kroatien ist eine harte Nuss", weiß der WM-Dritte von Rotterdam. „Gerade Tan Ruiwu ist unangenehm und jetzt schwer einzuschätzen, weil wir alle ihn lange nicht mehr auf der Tour gesehen haben."

Sonntag, 9. Oktober
11:00 Uhr: Herren-Mannschaft, Gruppenspiele, 2. Runde u.a. Deutschland – Kroatien
15:00 Uhr: Damen-Mannschaft, Gruppenspiele, 3. Runde u.a. Deutschland – Ukraine
19:00 Uhr: Herren-Mannschaft, Gruppenspiele, 3. Runde u.a. Deutschland – Slowakei
19:30 Uhr: Auslosung Viertelfinale Damen-Mannschaft
23:00 Uhr: Auslosung Viertelfinale Herren-Mannschaft

(RA/DTTB)

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