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M. Jassem: Als ihm Husseins Leute den Schlagarm brachen

Heute ein erfolgreicher Tischtennis-Trainer: Munir Jassem (©privat)

11.03.2015 - Es gibt so manch ausländischen Spieler oder Trainer, der aus freien Stücken nach Deutschland gekommen ist und sich hier mit Tischtennis eine Existenz aufgebaut hat. Anders sieht es bei Munir Jassem aus. Wie es den heute 52-jährigen Iraker vor rund zwölf Jahren als Flüchtling nach Bayern verschlagen hat und wie er es von da an vom Asylbewerber zum erfolgreichen Tischtennistrainer geschafft hat, das erfahren Sie hier!

Los geht sie, die Geschichte des Munir Jassem, im Irak der 80er-Jahre. Damals ist er Teil der goldenen Tischtennis-Generation, die selbst den starken Ägyptern Paroli bieten kann. 1989 gelingt dem heute 52-Jährigen im Einzel der Titelgewinn bei den Arabischen Meisterschaften und er soll über viele Jahre die Nummer eins des Irak sein, in dem Tischtennis damals gleich auf Fußball als beliebteste Sportart folgt. In den 90er-Jahren arbeitet der Linkshänder zusätzlich als Nationaltrainer von Jordanien und betreut auch die Nationalmannschaft seines eigenen Landes. 

Husseins Anhänger lauerten ihm auf
Einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben soll schließlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Sydney 2000 darstellen: Jassem selbst will aufgrund seines Alters nicht mehr daran teilnehmen. Daraufhin veranlasst ihn Udai Hussein, der älteste Sohn des Diktators Saddam Hussein – gleichzeitig Chef des Nationalen Olympischen Komitees – zwei Spieler für dieses Qualifikationsturnier zu nominieren. „Ich habe ihm gesagt, dass das keinen großen Erfolg bringen würde. Denn die drei Monate Vorbereitung konnten nie und nimmer ausreichen, um mit Spielern zu konkurrieren, die  eine viel längere Vorbereitung hinter sich hatten“, berichtet Jassem, der schließlich Recht behalten soll: Keiner seiner Schützlinge übersteht die Qualifikation. Den Nationalcoach selbst soll diese Tatsache später teuer zu stehen kommen. Als er im Jahr darauf zu einem Treffen des Olympischen Komitees fährt, wird er auf dem menschenleeren Parkplatz vor dem Komiteegebäude von einigen dunkel gekleideten Männern angesprochen. Es sind Anhänger von Udai Hussein. Sie wollen von Jassem wissen, was er hier zu suchen habe. Ehe er sich versieht, muss er die ersten Schläge einstecken. „Dann hörte ich meinen linken Arm knacksen und bin erst wieder im Krankenhaus zu mir gekommen“, erzählt der 52-Jährige, dessen Schlagarm damals gebrochen ist.

Ganze zehn Monate soll ihn der komplizierte Bruch außer Gefecht setzen. Als er wieder bei Kräften ist, wird er von Udai Hussein erneut gefragt, das Amt des Nationaltrainers zu übernehmen. „Ich wollte mir nicht ausmalen, was mit mir passieren würde, wenn ich da ‚Nein’ sage. Dann hätten Sie mir wahrscheinlich mit dem Tod gedroht. Die Fußballer z.B. haben sie regelmäßig ins Gefängnis gesteckt, wenn die verloren haben“, so Jassem. Aus Angst willigt er also ein. In seinem Kopf hat sich da schon die Vorstellung breit gemacht, das Land zu verlassen. Zumal seine Schwester, seine Mutter und sein Vater Ende der 90er-Jahre allesamt verstorben sind und der Irakkrieg naht. Aus dem Gedanken wird ein Plan, den er in die Tat umsetzt: Mit dem Auto geht es zunächst in die Türkei, von da aus im Laderaum eines LKW mit zwei fremden Familien nach Deutschland. „Ich hätte es lieber gehabt, dass man mich nach England gebracht hätte“, gibt Jassem zu, „aber letztendlich bestimmt der Schleuser, wo man abgesetzt wird.“ Elf Tage soll der Trip insgesamt dauern („Man sieht nicht, ob es Tag oder Nacht ist“). Schließlich wird der Iraker auf einem Rastplatz in der Nähe von München abgesetzt. 

Kein einfacher Neuanfang in Deutschland
In Unterpfaffenhofen-Germering kommt Jassem in einem Asylbewerberheim unter. „Am Anfang war es nicht leicht für mich, alles war neu und ich konnte ja kein Deutsch, nur Englisch“, erzählt er. Nicht weit vom Asylbewerberheim entfernt ist ein Tischtennisverein ansässig, der TSV Unterpfaffenhofen-Germering – ein glücklicher Zufall. Diesem schließt sich der Iraker bald darauf an. Auf seine Spielerlaubnis muss er zwar noch ein wenig warten, greift dann aber in der 1. Kreisliga zum Schläger. Auch als Trainer darf er zunächst nicht arbeiten, sein Mitwirken läuft unter dem Begriff „Sozialarbeit“ und wird mit einem Euro vergütet. Blickt Munir Jassem heute auf die Zeit beim TSV zurück, sagt er: „Ich bin diesem Verein sehr dankbar. Die Leute dort waren sehr nett zu mir und haben mir das Gefühl gegeben, dass das meine neue Heimat ist. Das hat mir einen Anschub gegeben.“ Von Unterpfaffenhofen-Gemering geht es für Jassem in der Folge nach Gilfing in die Landesliga, von da aus nach Schwabhausen, zum größten Verein in Bayern, mit dem er den Aufstieg in die Oberliga schafft. In seiner Zeit dort nimmt er auch die heutige Nationalspielerin Sabine Winter unter seine Fittiche. Mehr und mehr Vereine verpflichten ihn fortan als Trainer, bald heuert er beim Bayerischen Tischtennisverband an und bleibt dort fünf Jahre. Im Jahr 2011 verschlägt es ihn dann noch einmal ins Ausland, nach Syrien. Lange bleibt er dort allerdings nicht: „Insgesamt war ich nur neun Monate da. Als sich der Bürgerkrieg ausgebreitet hat, bin ich im November nach Deutschland zurückgekehrt“, so der 52-Jährige.

Heutzutage ist der einstige Asylbewerber Munir Jassem, dem das Arbeiten hierzulande am Anfang nicht erlaubt war, vielbeschäftigter denn je. Bei der Caritas Ingolstadt ist er als Sportlehrer an drei Schulen angestellt, in fünf Vereinen (MTV Ingolstadt, MTV Pfaffenhofen, TV Vorburg, DJK Altdorf-Landshut, DJK Regensburg) gibt er regelmäßig Training. In vielen anderen Vereinen bietet der Linkshänder, der von einem regionalen Sponsor unterstützt wird, Lehrgänge an und hat in Ingolstadt ein erfolgreiches Leistungszentrum aufgebaut. Als Spieler ist er zudem in der Bayernliga beim MTV Ingolstadt aktiv. Wenn es um gelungene Integration geht, dann darf Munir Jassem sicherlich als Beispiel genannt werden. Demnächst soll der sympathische Iraker endgültig eingebürgert werden, nachdem er bisher immer nur eine Aufenthaltsgenehmigung über drei Jahre bekommen hat. Über Deutschland sagt er: „Damals habe ich immer gesagt, dieses Land ist meine neue Heimat. Heute sage ich, Deutschland ist endgültig zu meiner Heimat geworden.“

(DK)

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