WM 2014

Im Auslandseinsatz: Mit Olympiatraum zur Eishockeynation

Thomas Keinath ist als slowakische Nummer eins in Tokio (©Schäbitz)

05.05.2014 - Im Jahr 2007 streifte sich Thomas Keinath, der zuvor deutscher Nationalspieler war, zum ersten Mal das slowakische Trikot über. Was in Deutschland nicht ging, sollte in der Slowakei klappen: 'Keini' träumte - und träumt - von den Olympischen Spielen. Warum die Erfüllung dieses Wunsches auch für den nationalen Tischtennissport wichtig ist und ob er in der Slowakei nur als Legionär wahrgenommen wird, erzählt er uns im "Auslandseinsatz"-Interview.

myTischtennis.de: Sie sind jetzt schon seit vielen Jahren im Trikot der Slowakei unterwegs, vorher waren Sie deutscher Nationalspieler. Aus welchem Grund sind Sie gewechselt?

 

Thomas Keinath: In der deutschen Nationalmannschaft war ich immer die Nummer vier oder fünf. Ich habe bei Europa- und Weltmeisterschaften gespielt, aber mein Traum waren schon immer die Olympischen Spiele. Also habe ich mich damals umgehört, ob ich nicht für eine andere Nation spielen könnte. Insgesamt habe ich in 50 Ländern nachgefragt. Bei den meisten hätte es sechs bis zehn Jahre gedauert, bis ich die Staatsbürgerschaft bekommen hätte. In Kuwait sogar 50 Jahre. Die Slowaken haben mir den Pass in fünf Monaten angeboten.

 

myTischtennis.de: Das heißt, Sie sind letztlich nur Legionär und haben sonst keine Beziehung zur Slowakei?

 

Thomas Keinath: Im Prinzip schon. Aber meine Freundin ist slowakisch und unser Kind auch. Sie spielt selbst Tischtennis, gehört in ihrer Heimat zu den besten zwei bis vier Spielerinnen und kann deshalb gut verstehen, warum ich so viel Zeit dem Tischtennis widme.

 

myTischtennis.de: Können Sie denn dann auch etwas slowakisch sprechen?

 

Thomas Keinath: Nein, nur ganz wenig. Ich spreche deutsch mit der Kleinen, meine Freundin slowakisch. Das ist wohl meine letzte Chance, die Sprache auch zu lernen. Nein, ich kann gut chinesisch, englisch und spanisch, aber slowakisch ist von der Grammatik und Aussprache her sehr schwierig für mich. Weil ich nicht gut höre, spreche ich die Wörter falsch aus, das geht also oft in die Hose. Aber meistens kommt man auch so gut aus. Nur wenn wir die Familie meiner Freundin besuchen, ist es für mich dann oft etwas langweilig, weil ich mich nicht unterhalten kann.

 

myTischtennis.de: Wie oft sind Sie in der Slowakei?

 

Thomas Keinath: Nicht oft. Vielleicht dreimal im Jahr. Vor wichtigen Turnieren fahre ich mal eine Woche zu einem Lehrgang hin.

 

myTischtennis.de: Wie viele Tischtennisspieler gibt es dort?

 

Thomas Keinath: Die Slowakei hat nur 5 Millionen Einwohner und ich schätze, dass etwa 50.000 davon Tischtennis spielen. In der Tschechoslowakei war Tischtennis wegen des sportlichen Erfolgs populärer. Und ich denke, in Tschechien ist der Sport heute auch beliebter als in der Slowakei. Hier spielt man vor allem Eishockey.

 

myTischtennis.de: Gibt es denn auch Ligen?

 

Thomas Keinath: Ja, die erste und zweite Liga sind auch ziemlich professionell, da sind also z.B. auch Schiedsrichter anwesend. In den anderen Klassen wird eher hobbymäßig gespielt. Das Niveau der ersten Liga entspricht, denke ich, etwa der dritten deutschen Liga. Ich bin zwar schon öfter gefragt worden, ob ich dort spielen will, stand da aber immer noch bei deutschen Vereinen unter Vertrag.

 

myTischtennis.de: Wird über Sie als bestem slowakischen Tischtennisspieler denn auch in den Medien berichtet? Oder werden Sie dort eher als der deutsche Legionär wahrgenommen?

 

Thomas Keinath: Ich habe in den letzten Wochen viele Interviews gegeben. In den Medien sind wir schon präsent. Manche Reporter wissen nicht, dass ich eigentlich deutsch bin und sprechen mich auf Slowakisch an. Aber sonst werde ich da schon von allen anerkannt. Wir haben auch noch zwei Chinesen, einer davon ist Wang Yang. Aber bei denen dauert es noch etwas, bis sie bei einer WM mitspielen dürfen. Und dann wird unser Team aus zwei Slowaken, zwei Chinesen und mir bestehen.

 

myTischtennis.de: Warum ging das bei Ihnen schneller?

 

Thomas Keinath: Das war damals noch ein bisschen anders. Ich hatte drei Jahre lang kein Match mehr für Deutschland gemacht und konnte dann sofort spielen. Die Staatsbürgerschaft habe ich 2007, eine Woche vor der WM, bekommen. 

 

myTischtennis.de: Wie gut sind die beiden Slowaken im Team?

 

Thomas Keinath: Die stehen so zwischen 160 und 300 in der Welt. Wir haben hier in Tokio in der zweiten Division gespielt, sind aber nur ganz knapp an den Engländern gescheitert. In der Gruppe waren wir ihnen noch klar unterlegen, aber als es dann vorgestern um den Aufstieg ging, war was drin. Da haben wir nur 2:3 verloren. Das ist sehr schade, aber dafür spielen wir in Europa nächstes Mal in der ersten Division. 

 

myTischtennis.de: Warum ist die slowakische Mannschaft nur zu dritt nach Tokio gereist?

 

Thomas Keinath: Der vierte Mann müsste das alles hier selbst bezahlen. Der Verband muss sparen. Wir sind auch erst einen Tag vor Spielbeginn hier angereist. Andere Nationen hatten mehrere Tage Zeit, sich zu akklimatisieren. Es ist halt kein Geld mehr da und deshalb wird so wenig wie möglich ausgegeben. Es wäre sehr wichtig, dass ein Slowake mal zu den Olympischen Spielen fährt. Denn dann würde das nationale Olympische Komitee Geld dazugeben und die jungen Spieler fördern. 

 

myTischtennis.de: Und da Sie der beste Slowake sind, ruhen die Hoffnungen da auf Ihnen?

 

Thomas Keinath: Naja, ich muss halt erstmal die Olympiaquali schaffen. Und das ist nicht einfach. Wenn ich unter den ersten Hundert in der Welt bleibe, habe ich aber vielleicht ganz gute Chancen. Deshalb werde ich jetzt einige World Tour-Turniere aus eigener Tasche bezahlen, um in den Top 100 zu bleiben.

 

(JS)

 

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