Buntes

Peter Stellwag: Der Mann, der hierzulande eine Ära prägte

Peter Stellwag vor einigen Jahren als Spieler bei Frickenhausen (©Frickenhausen)

04.02.2014 - Vier Einzel-Titel bei den Deutschen Meisterschaften der Herren, drei bei denen der Jugend, fünf WM- und sieben EM-Teilnahmen: Peter Stellwag kann auf eine bewegte Karriere zurückblicken. Der ehemalige Nationalspieler war Ende der 70er-Jahre der beste Spieler Deutschlands. Wir sprachen mit dem mittlerweile 57-Jährigen über die bewegendsten Momente, seinen Förderer Hans Alsér und die Entwicklung des Tischtennissports.

"Da ist es schwer, sich auf eine Sache zu beschränken", sagt Peter Stellwag, als wir ihn nach den größten Erfolgen und schönsten Momenten fragen. Na klar, viel erlebt hat er, der gebürtige Stuttgarter in seiner Tischtennis-Karriere. Die nahm Anfang der 70er-Jahre so richtig Fahrt auf. 1972 der erste Titel bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. 1973 die Titelverteidigung und mit dem SSV Reutlingen der Aufstieg in die Bundesliga. 1974 zum dritten Mal Deutscher Jugendmeister. Nach kurzer Bedenkzeit schließlich die Antwort von Stellwag: "Wahrscheinlich waren die schönsten Momente für mich der dritte Titel bei den Deutschen Jugendmeisterschaften und im selben Jahr der zweite Platz bei den Jugend-Europameisterschaften."

Der frühe Tod des Förderers
Eine wichtige Stütze des Erfolgs war die Zusammenarbeit mit Hans Alsér. Der Schwede, von 1971 bis 1974 deutscher Bundestrainer, war maßgeblich an der Entwicklung Stellwags in der Schüler- und Jugendzeit beteiligt. Nicht nur, dass sich die beiden durch ihr sicheres Halbdistanzspiel in ihrem Spielstil ähnelten. "Über das Jahr verteilt war ich einige Wochen mit ihm unterwegs und er war wie ein väterlicher Freund für mich", berichtet Stellwag mit etwas Wehmut. Vor allem deshalb, weil diese Freundschaft ein viel zu frühes Ende fand: Am 15. Januar 1977 war es, Peter Stellwag war in Berlin gerade zum ersten Mal ins Finale der Deutschen Meisterschaften im Herrenbereich eingezogen.

Da verkündete der Hallensprecher den Tod des ehemaligen Bundestrainers. Hans Alsér sei bei einem Flugzeugabsturz in Schweden ums Leben gekommen. Für Stellwag damals ein schwerer Schlag. "Ich habe versucht, ihn am Abend vorher zu erreichen und ihm von meinen ersten Siegen in Berlin zu berichten. Leider ohne Erfolg, da er wohl verhindert war und nicht abgenommen hat. Es ist schade, dass wir uns nicht mehr austauschen konnten", so der Schwabe. Ungeachtet des schweren Unglücks schaffte es Peter Stellwag, das Endspiel gegen den Überraschungs-Finalisten Robert Hosch für sich zu entscheiden  der erste nationale Titel war seiner. Drei weitere sollten folgen, 1981, unweit der Heimat, in Böblingen der letzte. Damals schlug er vor 4.000 Zuschauern im Finale Georg Böhm, der aber bereits in den Startlöchern stand, Stellwag als deutschen Spitzenspieler abzulösen. 



Machtlos gegen jeden Chinesen
Gegen welchen Gegner Peter Stellwag am liebsten spielte? "Besonders gerne erinnere ich mich an viele, unwahrscheinlich packende Matches gegen Desmond Douglas", findet Stellwag, schränkt aber ein, "auch wenn ich 90 Prozent davon verloren habe." Darüber hinaus habe es auch gegen Wilfried Lieck, die Schweden Stellan Bengtsson und Ulf Carlsson, den Tschechen Milan Orlowski und den Franzosen Jacques Secrétin immer wieder schöne Duelle gegeben. Machtlos seien Stellwag und die anderen Deutschen damals gegen jeden Chinesen gewesen. Nur ab und an habe es mal einen überraschenden, eher geschenkten Sieg bei einem Freundschaftsspiel gegeben: "Ich erinnere mich da an ein Spiel mit der Nationalmannschaft in Berlin Anfang der 80er Jahre. Wir verloren mit 1:5, die Chinesen schenkten uns auf diplomatische Art einen Gnadenpunkt. Bei solchen Spielen wusste derjenige von uns, der den Punkt erzielte, auch nicht wirklich, wie ihm geschah."

Auf insgesamt 121 Länderspiele brachte es Peter Stellwag zwischen 1972 und 1986, abgesehen von unzähligen Einsätzen für  Reutlingen in der Bundesliga und dem Europapokal bis 1990. Das Gerücht, einst der bestbezahlte Tischtennisspieler der Welt gewesen zu sein, hört Stellwag zum ersten Mal: "Mit der Firma JOOLA als Ausrüster habe ich mir in der Hochphase meiner Karriere schon Außergewöhnliches leisten können. Über 20 Jahre habe ich mit JOOLA zusammengearbeitet und ihnen viel zu verdanken, im Laufe der Zeit ist damals ein freundschaftliches Verhältnis zu den Verantwortlichen entstanden. Summen vergleichbar mit heute gab es im Tischtennis insgesamt aber nicht zu verdienen." Bestes Beispiel: Für einen Sieg bei den Internationalen Französischen Meisterschaften (vergleichbar mit einem heutigen Pro Tour-Turnier) habe er 500 Deutsche Mark und eine zwei Liter-Flasche eines französischen Parfums als Prämie erhalten. Bis zum 26. Lebensjahr konzentrierte sich der Schwabe voll und ganz auf seine Tischtennis-Karriere, danach begann er ein Studium der Zahnmedizin, spielte aber weiterhin in der Bundesliga.  

"Vielleicht würde es dem Sport gut tun, das Tempo um 20 Prozent zurückzufahren"
Dieses schloss Stellwag trotz Doppelbelastung erfolgreich ab. Heute arbeitet als Zahnarzt und teilt sich mit seiner Frau eine Gemeinschaftspraxis. Nach Gold im Doppel und Silber im Einzel (Niederlage gegen seinen Doppel-Partner Li Yuxiang) bei der Senioren-WM 1998 (Ü-40-Klasse) verhalf er noch vor einigen Jahren der zweiten Mannschaft des TTC matec Frickenhausen zum Aufstieg in die 2. Bundesliga. Gemeldet ist der Familienvater zweier Kinder (Sohn Christopher feierte einige Erfolge im Schüler-Bereich, Tochter Ann-Cathrin spielte ebenfalls Tischtennis) dort zwar nach wie vor, allerdings nur für den größten Notfall. In seiner Freizeit spielt er heute Tennis in der Senioren-Regionalliga beim TC Waldau Stuttgart. Tischtennis verfolgt Stellwag aber nach wie vor mit der gleichen Leidenschaft wie früher, und sagt: "Es sollte wieder transparenter werden." Damit meint der 57-Jährige, das Tempo sei inzwischen so enorm und es spielten so viele technische Aspekte eine Rolle  der normale Zuschauer könne kaum noch den Überblick behalten, warum ein Spieler gerade einen Fehler gemacht hat. "Vielleicht würde es dem Sport gut tun, das Tempo um 20 Prozent zurückzufahren, um wieder längere Ballwechsel zu erreichen", so Stellwag.

Das heiße nicht, so langsam wie in den 70ern zu spielen, aber ein bisschen mehr "Back to the roots" sei nicht verkehrt. Im Entschärfen der Aufschläge "möglicherweise durch geringere Schwammstärken" oder im Erhöhen des Netzes sieht der 57-Jährige Möglichkeiten, eine Drosselung des Tempos zu erreichen und Tischtennis wieder medientauglicher ("Das Spieltempo Ende der 80er und Anfang der 90er-Jahre war wohl ideal.") zu machen. Dabei erinnert sich Stellwag an vergangene Tage: "Obwohl die deutschen Spieler heute erfolgreicher sind, lief in den 70ern und 80ern viel mehr Tischtennis in den Öffentlich-Rechtlichen. In Deutschland kannte man die meisten Spieler aus den Top 10 der Rangliste." Auch heute wird der Schwabe noch gelegentlich erkannt: "Vor kurzem war ich bei einem Spiel vom VfB Stuttgart und bin angesprochen worden", erzählt Stellwag, der in Deutschland eine Ära prägte und nicht nur im Schwabenland in guter Erinnerung bleiben wird. 

(DK)

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