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Nachgefragt: Was ist das optimale Einstiegsalter?

Timo Boll stand schon mit vier Jahren zum ersten Mal am Tisch (©Roscher/Screenshot Youtube)

17.12.2013 - Wann haben Sie angefangen, Tischtennis zu spielen? Waren Sie ein Spätzünder wie Benedikt Duda, der seine ersten Tischtennisschläge erst mit zehn Jahren lernte? Oder waren Sie bereits im Kindergartenalter mit dem Zelluloidball zugange wie Timo Boll? Die entscheidende Frage ist jedoch, was für einen Unterschied es macht, ob man früher oder später anfängt. Wir haben ein paar Experten nach dem perfekten Einstiegsalter befragt.

Timo Boll hatte mit zarten vier Jahren sein erstes Mal, Patrick Franziska stieg mit sechs Jahren ein, Bastian Steger und Sabine Winter griffen mit sieben Jahren zum Schläger und Benedikt Duda war erst mit zehn Jahren mit von der Partie. Wenn man das Internet nach dem Einstiegsalter der deutschen Tischtennisprominenz durchforstet, erhält man doch eine ziemlich breite Zahlenpalette. Ist es also egal, wann man anfängt, da es ja schließlich alle diese Spieler irgendwie in den nationalen Kader geschafft haben? Oder hat es schon eine gewisse Aussagekraft, dass der beste Spieler dieser Auswahl, Timo Boll, auch am frühesten mit dem Tischtennisspielen begonnen hat? 

 

Zehn Jahre lang intensives Training

 

Eva Jeler, Cheftrainerin Nachwuchsförderung beim DTTB, findet, dass in erster Linie andere Faktoren als das Alter für die Entwicklung entscheidend sind. "Am wichtigsten ist, dass man bei einem kompetenten Trainer anfängt, der weiß, worauf es ankommt. Da ist es dann recht egal, ob man vier oder sechs Jahre alt ist", erklärt die Schüler-Bundestrainerin. "Der erste Trainer ist für die Entwicklung unheimlich wichtig. Wenn er gute Arbeit geleistet hat, sind die Grundlagen gegeben. Wenn sich ein Kind aber zum Beispiel den Balltreffpunkt einmal falsch eingeprägt hat, ist es sehr schwierig, dies wieder zu beheben." Doch auch wenn andere Faktoren für Jeler entscheidender sind als das Alter, sieht sie dennoch Grenzen, innerhalb derer der Startschuss fallen muss, wenn eine professionelle Ebene erreicht werden soll. 

 

„Meiner Ansicht nach muss man zehn Jahre lang sehr viel spielen, um eine gute Basis zu erlangen“, erklärt die erfahrene Trainerin. "Diese zehn Jahre müssen nicht unbedingt im frühesten Alter beginnen, aber man braucht sie schon. Daher glaube ich, dass ein Alter von neun oder zehn Jahren die oberste Grenze ist, mit Tischtennis anzufangen. Diese Zeit ist für Kinder sehr prägend, weshalb sie ja auch zur schulischen Ausbildung genutzt wird. Nach den angesprochenen zehn Jahren intensiven Trainings ist man dann 19 oder 20 Jahre alt - und zu dem Zeitpunkt sollte man sich spielerisch schon in der Nähe der erfolgreichen Akteure befinden, damit man noch die entsprechenden Erfahrungen sammeln kann, die nachher sehr entscheidend sind." Eine ähnliche These findet man im Buch "Outliers" von Malcolm Gladwell, der versucht, den Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg zu finden. Laut Gladwell muss man 10.000 Stunden Zeit aufwenden, sich also auch etwa zehn Jahre lang 20 Stunden pro Woche intensiv mit einer Sache beschäftigen, um auf diesem Gebiet ein Experte zu werden. 

 

Chinesen starten systematischer

 

Während Jeler neun oder zehn Jahre für ein gutes Einstiegsalter hält, setzt ihre Kollegin Jie Schöpp die Schallmauer noch ein wenig tiefer an: "Natürlich gibt es auch Spieler, die mit zehn Jahren angefangen haben und gut geworden sind. Und es ist ebenso entscheidend, wie intensiv trainiert wird", räumt die Damen-Bundestrainerin ein. "Aber allgemein würde ich sagen, dass man nicht älter als acht Jahre sein sollte. Da sind die besten Voraussetzungen gegeben." Schöpp, die sich mit knapp sieben Jahren zum ersten Mal an den Tisch stellte, hat das Tischtennisspielen in China erlernt, wo die Uhren ja ein wenig anders ticken. "Dort ist die Aufgabe der Trainer vor allem, die Kinder so auszubilden, dass sie möglichst Kandidaten für die Nationalmannschaft werden. In China steht nicht an erster Stelle, die Kinder für das Tischtennisspiel zu begeistern." In den ersten Monaten wird mit den Anfängern dort zwei- bis dreimal pro Woche systematisch trainiert, bis sich zeigt, wie viel Talent die Kinder mitbringen. Für die besten Spieler geht es dann mit täglichem Training weiter. "Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich mit den talentierten Kindern auch gerne täglich trainieren, denn so kann man sie gleich technisch systematisch ausbilden und die richtige Einstellung fördern", findet Schöpp. "Aber das ist sicher nicht bei allen Kindern umsetzbar."

 

Auch Eva Jeler lässt sich gerne von der Nachwuchsarbeit in China inspirieren. Die Schüler-Bundestrainerin nutzt ihre Reisen ins Reich der Mitte, um Provinzschulen zu besuchen, zu schauen, wie die Kleinsten trainiert werden, und um sich so selbst fortzubilden. "Kinder sind Kinder, auch wenn es kulturelle Unterschiede gibt. Also warum sollte man dann nicht gucken, wie es die Besten machen?", findet Jeler. Als Bundestrainerin arbeitet sie zwar nicht direkt mit Anfängern, übernimmt die Kinder aber nach dieser ersten Phase und weiß daher bestens Bescheid, was ein guter Trainer am Anfang wert ist und worauf geachtet werden muss. Für sie sind ein früher Balltreffpunkt, Körpereinsatz und ein Erlaufen der optimalen Stellung zum Ball ganz entscheidende Punkte, die schon zu Beginn der Tischtenniskarriere verfolgt werden sollten. 

 

Totale Hingabe und Fleiß statt Veranlagung

 

Was ist nun aber, wenn man sich diesen Faktoren doch erst in fortgeschrittenem Alter systematisch widmet? Ist der Zug dann schon abgefahren? "Mit Fleiß kann man viel wettmachen", ist Eva Jelers Devise. "Nicht nur Spieler wie Jan-Ove Waldner sind erfolgreich geworden. Auch Wang Liqin und Jörg Roßkopf haben es geschafft und sie sind keine Supertalente. Aber sie zeichnen sich durch totale Hingabe und großen Trainingsfleiß aus. Das ist für mich Talent." Wenn dann noch die Kinder für ihren Sport brennen und ihre Eltern mitspielen, steht einer positiven Entwicklung nicht mehr viel im Wege. Zu Letzterem gehört für Jeler, die Kinder zu unterstützen, aber nicht zu belasten. "Manche Eltern, die ihre eigenen Wünsche auf ihre Kinder projizieren, wissen gar nicht, was sie für einen Druck ausüben, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter nicht nur für sich selbst gewinnen müssen. Hinter fast allen Talenten, die ich bis in die Nationalmannschaft begleitet habe, standen Eltern, die sie nur unterstützt und nie belastet haben." Damit steht fest: Es gibt sicherlich gewisse Altersgrenzen, innerhalb derer man optimalerweise mit dem Tischtennisspielen anfangen sollte. Ob es nachher zum großen Durchbruch reicht oder nicht, hängt aber vor allem von anderen Faktoren, wie dem ersten Trainer und der Intensität des Trainings, ab.

Timo Bolls erste Schläge im Alter von vier Jahren gibt es hier zu sehen

 

(JS)

 

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