EM 2013

Schlager: "Es lastete ein immenser Druck auf mir!"

Fühlt sich auf der Zuschauertribüne sehr wohl: Gastgeber und Lokalmatador Werner Schlager (©Stosik)

13.10.2013 - Er ist Gastgeber und Lokalmatador, sitzt bei 'seinen' Europameisterschaften aber nur auf der Tribüne. Werner Schlager hat mit seiner Absage im Vorfeld der EM für eine große Überraschung gesorgt. Wir wollten die genauen Hintergründe erfahren und haben, obwohl Werner Schlager einer der meist gefragten Gesprächspartner dieser EM ist, ein ausführliches Interview mit ihm führen können, in dem er sehr offen über den Druck spricht, unter dem er steht.

myTischtennis: Diese Europameisterschaft in Schwechat hätte ja eigentlich Ihre EM werden können. Sie sind der Gastgeber, haben im Vorhinein die Werbetrommel gerührt und es wird sogar in Ihrer Halle gespielt. Wie fühlen Sie sich jetzt dabei, nur auf der Tribüne zu sitzen?
 
Werner Schlager: Ich fühle mich gut dabei. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Es ist schön, das Ganze von oben beobachten und auch einmal eine andere Perspektive einnehmen zu können. Wenn man die Scheuklappen eines Leistungssportlers trägt, bekommt man nicht viel mit, was um einen herum passiert.
 
myTischtennis: Als Grund für Ihre Absage haben Sie damals einen Trainingsrückstand angegeben. Wie kann das passieren?
 
Werner Schlager: Es war letztlich keine freiwillige Entscheidung. Ein Leistungssportler ist nichts ohne sein Team, du brauchst immer Ressourcen, um leistungsfähig zu sein. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich da besonders sensibel bin und für mich das Umfeld ganz besonders wichtig ist. Mit Beginn meiner Tätigkeit in der Werner Schlager Academy (WSA) fand ich mich plötzlich in einem komplett anderen Metier wieder, das war Neuland für mich. Und nach und nach kristallisierte sich heraus, dass einer unserer wichtigsten Partner, die Stadt Schwechat, nicht die Rolle eines lokalen Unterstützers, sondern eines Gegners einnehmen sollte. Diese Sache kostete mich sehr viel Kraft.
 
myTischtennis: So dass keine für Ihr Tischtennisspiel übrig blieb?
 
Werner Schlager: Es war für mich ein Wunder, dass ich, seit das so läuft, noch so gute Leistungen bringen konnte. Es lastete ein immenser Druck auf mir, ich konnte mich nicht ausklinken, um mich zu hundert Prozent auf mein Training zu konzentrieren, was man als Leistungssportler aber tun muss. Hinzu kam, dass sich wegen dieses Drucks auch noch körperliche Probleme in Form von Spannungskopfschmerzen einstellten, die es mir oft nicht möglich machten, zu trainieren. Ich bin also nur zwei, drei Mal die Woche zum Training gekommen. Und trotz dieser starken Einschränkung der Trainingsquantität konnte ich noch unglaubliche Leistungen bringen.
 
myTischtennis: Warum ging das bei dieser EM dann nicht?
 
Werner Schlager: Der jahrelange Druck hat sich in den letzten Monaten noch dadurch verstärkt, dass sich bei unserer Mutterfirma, der Multiversum Schwechat Betriebs GmbH, Malversationen einstellten, rechtliche Fehltritte. Dadurch kamen auf die WSA unter anderem auch noch erhebliche Rechtsberatungskosten hinzu. Also noch mehr Probleme, die viel Energie kosten. Und da meine Fans einen hohen Anspruch an mich stellen, war meine Absage die logische Konsequenz für mich, da ich den Erwartungen ohne Training nicht gerecht werden kann. Letztlich muss ich leider sagen: Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich die WSA nicht gegründet.
 
myTischtennis: Was ist mit dem Olympischen Gedanken? Ihre Teilnahme hätte der Veranstaltung doch sicher geholfen und ein paar mehr Zuschauer ins meist recht mau besetzte Multiversum gelockt…
 
Werner Schlager: Ich nehme mich selbst nicht so wichtig und denke nicht, dass es für den Veranstaltungserfolg entscheidend ist, ob ich spiele oder nicht. Ich bin zwar nicht am Tisch, aber als Vertreter der WSA präsent.
 
myTischtennis: Was dürfen wir uns unter der WSA denn genau vorstellen? Wo liegt hier der Fokus?
 
Werner Schlager: Wir sind ein Kompetenzcenter mit außerordentlichem Wissen über Tischtennis, das Spielern aller Leistungsniveaus hilft. In den ersten Jahren hatten wir uns auf Profis oder junge Spieler mit dem Ziel, Profi zu werden, konzentriert. Wir haben 30 Topspieler, die fix hier trainieren, und 500 aus 50 Nationen, die wir übers Jahr verteilt unterstützen. Auch der ÖTTV-Kader ist fast täglich hier zu Gast. Aber wir haben auch Hobbykurse, die allerdings limitiert sind, weil die Unterkunftssituation hier etwas schwierig ist.
 
myTischtennis: Die WSA ist also eine große TT-Institution in Österreich. Warum kommen dann nur so wenige Leute zuschauen?
 
Werner Schlager: Das mag an Veranstaltungen liegen, die parallel laufen, oder an der Tatsache, dass Tischtennis eh ein schwieriger Markt ist. Die Kartenverkäufe waren allerdings fürs letzte Wochenende ziemlich gut, wobei natürlich die Frage ist, wie viele der vergebenen Karten dann auch genutzt werden. Da wir sehr gute Verhandlungserfolge mit den TV-Rechten verbuchen konnten, kann ich aber schon jetzt sagen, dass die EM ein wirtschaftlicher Erfolg ist. Trotzdem ist es uns natürlich nicht egal, wie viele Leute kommen, und wir sind bemüht, aus diesen Erfahrungen zu lernen. Letztlich ist es immer auch eine Frage, was die Lokalmatadore machen. Und da hoffen wir, dass z.B. unser Doppel Habesohn/Gardos bis zum Schluss bleibt.
 
myTischtennis: Stehen Sie denn mit dem österreichischen Team jetzt in Kontakt und geben Tipps, wenn Ihnen was auffällt?
 
Werner Schlager: Klar, es gibt regelmäßigen Kontakt. Der gesamte Kader weiß, wo ich sitze und dass ich mein Wissen gerne teile, aber dieses Angebot wird international mehr angenommen als national. Das ist diese Sache mit dem Propheten, der im eigenen Land weniger gilt als im Ausland.
 
myTischtennis: Wenn man hört, wie viel Sie außerhalb des Sports gefordert werden, muss man sich da Sorgen um ein baldiges Karriereende des großen Werner Schlagers machen?
 
Werner Schlager: Eigentlich nicht, denn ich habe in den letzten Jahren gezeigt, dass ich auch mit wenig Aufwand gute Leistungen zeigen kann. Wenn sich mein Umfeld wieder verbessert, kann ich mir gut vorstellen, dass ich international wieder aktiver werde. Es müssen jetzt bald wichtige Entscheidungen getroffen werden und ich hoffe, dass ich dann bald wieder das machen kann, was ich am besten kann.
 
myTischtennis: Tischtennis spielen? Oder nicht vielleicht Familienvater sein?
 
Werner Schlager: Nein, Familienvater sein kann ich nicht am besten, aber die Familie hat für mich immer oberste Priorität. Deshalb habe ich mich auch damals für das Engagement in der WSA entschieden, um weniger reisen zu müssen. Meine Familie hat mir geholfen, diese schwierigen Zeiten zu überstehen. Kinder kosten zwar viel Kraft, aber sie geben einem um so mehr.
 
(JS)
 
 

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