EM 2013

Blick hinters Zählgerät: "Für uns ein Nullsummenspiel"

Der Düsseldorfer bei der Arbeit: Reich werden kann man als internationaler Schiri zwar nicht, dafür ist das Zählen Seipolds großes Hobby (©Stosik)

10.10.2013 - Wie lukrativ ist ein Topturnier wie die EM in Schwechat eigentlich für einen Schiedsrichter? Wie oft am Tag müssen sie an den Tisch? Und warum trinken sie nach 24 Uhr keinen Alkohol mehr? Der 52-jährige Düsseldorfer Klaus Seipold, seit 2001 hinter dem Zählgerät, hat uns in Schwechat ein sehr interessantes Interview gegeben und erzählt uns von den großartigsten sowie von den unerfreulichsten Momenten seiner Karriere.

myTischtennis: Herr Seipold, für Sie hat die EM nicht erst am 4. Oktober begonnen…

 

Klaus Seipold: Stimmt, ich war bei dem internen Ausscheidungsturnier der deutschen Herren dabei. Und das war an Spannung nicht zu überbieten. Wir waren insgesamt nur 15 Leute in der Halle, so dass es richtig still war und eine ganz merkwürdige Atmosphäre herrschte.

 

myTischtennis: Die Spieler sollen ja auch untereinander wenig gesprochen haben.

 

Klaus Seipold: Naja, es ging für jeden um die EM-Teilnahme. Da ist kein Platz mehr für Freundlichkeiten. Rossi hatte uns Schiedsrichter dazu gebeten, damit die Spieler nicht selbst zählen müssen und nachher noch Krach miteinander bekommen. Für mich war das der Start der EM.

 

myTischtennis: Und jetzt sind Sie hier in Schwechat einer von drei deutschen Schiedsrichtern. Bei welchen Top-Turnieren haben Sie bisher schon gezählt?

 

Klaus Seipold: Ich war zum Beispiel 2009 bei der EM in Stuttgart, 2011 bei der WM in Rotterdam, 2012 in Dortmund und in Herning mit dabei. Mein persönliches Highlight war ganz klar die Heim-WM in Dortmund. Das war eine tolle Erfahrung! Es war unglaublich für mich, einmal die Chinesen am Tisch zu haben. Und auch das Damen-Spiel Singapur gegen Hongkong dort gehört zu meinen Karrierehighlights. Da habe ich vor Millionen Fernsehzuschauern aus Singapur gezählt.

 

myTischtennis: Bei welchem Turnier würden Sie gerne noch mitwirken in Ihrer Karriere?

 

Klaus Seipold: Mein Traum sind natürlich die Olympischen Spiele! Aber da liegen die Chancen bei etwa 5 %. Von 20 berechtigten Schiedsrichtern in Deutschland darf immer nur höchstens ein Deutscher fahren. Aber auch die Paralympics wären toll. Für mich hat das denselben Stellenwert.

 

myTischtennis: Wie lukrativ sind solche Topturniere denn für Sie?

 

Klaus Seipold: Gar nicht. Tatsächlich ist das hier ein ziemliches Nullsummenspiel für uns Schiedsrichter. Der Veranstalter zahlt uns 20 Euro pro Tag - und wir haben natürlich freie Kost und Logis. Für uns ist das hier ein Hobby. Viele von uns opfern dafür ihre komplette Freizeit. Ich habe im letzten Jahr 20 Urlaubstage allein für Tischtennis genommen. Denn Sonderurlaub bekommt man dafür natürlich nicht. 

 

myTischtennis: Also steht die Liebe für den Tischtennissport im Vordergrund…

 

Klaus Seipold: Ja, und solche Turniere sind natürlich auch immer eine Chance, alte Schiedsrichterkollegen zu treffen. Es bilden sich schnell Freundschaften, wir sind alle auf Facebook verknüpft.

 

myTischtennis: Und man trifft sich auch am Ende des Tages noch in gemütlicher Runde zu einem Feierabendbier?

 

Klaus Seipold: Ja, aber nach 24 Uhr dürfen wir vor einem Einsatztag keinen Alkohol mehr trinken. Da sind wir auch eisern. Wir können ja schlecht von anderen verlangen, Regeln einzuhalten und selbst welche brechen.

 

myTischtennis: Wie müssen wir uns denn einen typischen Arbeitstag von Ihnen hier bei der EM vorstellen?

 

Klaus Seipold: Das ist ganz unterschiedlich. Beim Teamwettbewerb waren es in der Regel nur zwei Einsätze am Tag, in der Quali habe ich auch schon zehn Spiele am Tag gehabt. Zwischendurch versucht man, schnell etwas zu essen. Manchmal klappt das, manchmal nicht (lacht). Und dann schließt man die Halle ab. Aber ich muss sagen, die EM hier ist das bestorganisierte Turnier, bei dem ich je mitgewirkt habe. Die Belastung hier ist lange nicht so hoch wie woanders.

 

myTischtennis: Wie anstrengend ist Ihr Job denn?

 

Klaus Seipold: Körperlich natürlich nicht so sehr, aber mental extrem anstrengend. Deshalb ist es auch wichtig, dass nach jedem Spiel der Schiedsrichter und sein Assistent die Rollen tauschen. Als Schiedsrichter ist die Beanspruchung besonders hoch, vor allem natürlich, wenn man in der Haupthalle am Fernsehtisch sitzt und ein Mikro an der Anzugsjacke stecken hat.

 

myTischtennis: Gab es denn schon unerfreuliche Situationen hier in Schwechat?

 

Klaus Seipold: Nein, hier noch gar keine. Aber bei dem Singapur-Spiel in Dortmund, von dem ich eben erzählte, habe ich der damals amtierenden Weltmeisterin Wang Yuego ein paar Aufschläge abgezählt, woraufhin sie sich weigerte, weiterzuspielen und den Videobeweis anforderte. Letztlich musste der Oberschiedsrichter kommen und sie vor die Wahl "Weiterspielen oder Disqualifikation" stellen, damit es weiterging. Das war eine sehr unangenehme Situation, weil viele TV-Kameras auf mich gerichtet waren. Gott sei Dank konnte man in den Wiederholungen sehen, dass ich Recht hatte.

 

myTischtennis: Erlebt man als Tischtennis-Schiri denn öfter unerfreuliche Situationen? Im Fußball kann es ja manchmal sogar lebensbedrohlich werden…

 

Klaus Seipold: Nein, der Tischtennisspieler an sich ist ein sehr fairer Sportler. Man erlebt es sehr selten, dass sich jemand einen Vorteil verschaffen will, während beim Fußball jeder schreit, dass ihm der Freistoß zusteht. Im Gegenteil: Oft korrigieren Tischtennisspieler Entscheidungen zu ihren Ungunsten. Das ist wirklich toll in unserem Sport! Natürlich gehen auch Tischtennisspielern schon mal die Emotionen durch, aber die gehören zum Spiel dazu. Wir haben da auch Verständnis für, müssen es aber natürlich ahnden, wenn jemand gegen den Tisch tritt.

 

myTischtennis: Dann noch eine letzte Frage, die man einem Unparteiischen vielleicht gar nicht stellen sollte. Wer wird Europameister?

 

Klaus Seipold: Das ist sehr schwer zu entscheiden. Ovtcharov ist natürlich Favorit, aber er hat auch schon öfter gegen einen Mannschaftskameraden verloren. Dann gehört auf jeden Fall auch Panagiotis Gionis zu meinem Favoritenkreis und Vladimir Samsonov ist natürlich ein Dauerbrenner.

 

myTischtennis: Werden Sie beim Finale am Tisch stehen?

 

Klaus Seipold: Ich sag's mal so: Es ist zurzeit sehr unwahrscheinlich, dass ein Deutscher ein EM-Finale zählt. Aber das ist völlig okay für mich. Da gönne ich lieber den Deutschen den Erfolg. 

 

(JS)

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