Materialwoche

Michael Plum: Das Verbot, das sein Leben veränderte

Michael Plum profitierte bis 1984 von seinen einfarbigen Belägen (©Eintracht Baunatal)

11.04.2013 - Eine Schlägerseite ist rot, eine ist schwarz - so kennen wir das. Vor 30 Jahren durfte man seinen Schläger aber auch mit zwei gleichfarbigen Belägen bekleben, was vor allem Materialspieler für sich zu nutzen wussten. Die ITTF reagierte 1984 mit der "Zwei-Farben-Regel", was viele Materialkünstler nicht verkrafteten. Einer von ihnen war Michael Plum, der zeitweise die Nummer drei Deutschlands war. Der 52-Jährige blickt mit uns auf das Verbot, das sein Leben veränderte.

"Beide Schlägerseiten – unabhängig davon, ob ein Belag vorhanden ist oder nicht – müssen matt sein, und zwar auf der einen Seite leuchtend rot, auf der anderen schwarz." So lautet der Paragraph 4.6 der offiziellen Tischtennisregeln, der für die meisten von uns wohl eine Selbstverständlichkeit darstellt. Ältere Semester werden sich hingegen noch daran erinnern, wie man seinem Schläger in früheren Zeiten auf beiden Seiten dieselbe Farbe verpassen durfte - und den Gegner damit vor ganz andere Probleme stellen konnte. Ob auf der Seite, mit der gerade gespielt wird, der Anti, die Noppe oder der glatte Belag klebt, ist eben schwer zu entscheiden, wenn beide Seiten schwarz sind und der Gegner den Schläger vor dem Schlag dreht. 1980 erspielte sich der Engländer John Hilton mit dieser Taktik zum Beispiel den EM-Titel, vier Jahre später wurde die "Zwei-Farben-Regel" eingeführt.

Schneller Aufstieg, schneller Fall

Für viele Materialspieler war diese Regeländerung der Anfang vom Ende. So auch für Michael Plum, der damals 23 Jahre alt war und für den TTC Simex Jülich in der Bundesliga spielte. "Ich habe das damals völlig falsch eingeschätzt", blickt der 52-Jährige heute zurück. "Aber ab da war ich nicht mehr konkurrenzfähig und es ging rapide abwärts." Anfangs hatte der Abwehrspieler noch mit einem Brettchen auf der Rückhand gespielt - als er nach Jülich wechselte, stieg er auf den Noppenbelag Feint um. In der Hinserie noch mit mäßigem Erfolg, in der zweiten Saisonhälfte verlor er kein Spiel mehr. "Ab da ging es richtig los", erinnert sich Plum. "Ich wurde Deutscher Jugendmeister, spielte in der Bundesliga, stieg dort ins mittlere Paarkreuz auf. So konzentrierte ich mich mit 18, 19 Jahren nur noch auf Tischtennis." 

Vor allem beim Aufschlag konnte der Abwehrspieler von seinen einfarbigen Belägen profitieren. Den Schläger hielt er in der Vorbereitung unter dem Tisch, drehte ihn dort und stampfte mit dem Fuß während des Services auf den Boden, so dass der Gegner kaum Anhaltspunkte hatte, mit welchem Belag - und damit auch mit welchem Schnitt - Plum gerade spielte. Ähnlich ging er bei Stoppbällen vor, für die er am Tisch auch oft den Schläger drehte. "Ich habe also mein Material ganz bewusst eingesetzt", beschreibt Plum seine Technik. "Und war damit sehr erfolgreich." Als er dann auf den Anti Power umstieg, der es dem Gegner noch schwerer machte, den Belag anhand des Klangs und der Flugbahn zu identifizieren, machte der aufstrebende Spieler noch einen weiteren Leistungssprung. Bei den Deutschen Meisterschaften schaffte er es ins Halbfinale und durfte 1983 zur WM nach Tokio fahren. An diesem Höhepunkt seiner Karriere wurde dann sein weiteres Schicksal besiegelt: In Tokio beschloss die ITTF, dass die Beläge auf der Vor- und Rückhand künftig nicht mehr dieselbe Farbe haben dürfen.

Umstieg auf Plan B

Michael Plum war die Tragweite der Entscheidung an diesem Punkt noch nicht bewusst: "Ich war damals sogar auch dafür, dass die Regel kommt. Mir war zwar klar, dass ich nicht mehr unter den ersten sechs sein würde. Aber in den Top 12 habe ich mich schon noch gesehen." Wegen seiner guten Ranglistenplatzierung wurde er in Jülich im oberen Paarkreuz aufgestellt, fuhr dort aber eine Niederlage nach der anderen ein, was das Selbstvertrauen kontinuierlich schmälerte. "Hätte ich im mittleren Paarkreuz spielen dürfen, hätte ich mich langsam an das neue Spiel gewöhnen und eventuell etwas Selbstbewusstsein tanken können. Vielleicht wäre es dann anders gelaufen." Stattdessen folgte der rasche Abstieg. Plum versuchte es zwar noch mit langen Noppen und einer Umstellung seines Spielsystems, allerdings ohne Erfolg. "Ich habe mich noch eine Zeit lang von Vertrag zu Vertrag gehangelt", erzählt der Niederkasseler. "Es war schwer, den Absprung zu schaffen, aber letztlich war es nur eine Frage der Zeit." Vom Verband hätte er sich in dieser schweren Zeit mehr Unterstützung gewünscht, den Weg aus dem Profidasein musste er alleine gehen.

"Letztlich war es gut, dass es so schnell abwärts ging. So konnte ich mich auf meine zweite Karriere konzentrieren", erklärt der Diplom-Finanzwirt, der als solcher seine eigene Theorie hat, warum die ITTF die verhängnisvolle Regel damals eingeführt hat. "Es gab sicherlich mehrere Gründe dafür, aber einer war sicher auch, dass man die Tischtennisindustrie auf diese Weise unterstützen wollte. Schließlich musste sich so jeder Tischtennisspieler einen neuen Belag kaufen." Der Kreis der Materialspieler in den obersten Klassen lichtete sich nach dieser Umstellung langsam, wenn auch lange nicht alle Noppen- und Antiakteure dem Leistungssport den Rücken kehren mussten.

"Ich bin dem Tischtennissport dankbar"

Michael Plum interessiert sich heute überhaupt nicht mehr für Tischtennis und hat auch versucht, zu vermeiden, dass sich seine Kinder für diesen Sport entscheiden. Trotzdem würde er, wenn er die Wahl hätte, alles noch einmal genauso machen. "Einem Abiturienten mit einem 1,0-Abschluss kann ich nicht raten, alles auf Tischtennis zu setzen", erklärt der Familienvater. "Aber als Realschüler, wie ich einer war, geht man ein geringeres Risiko ein. Ich habe dadurch andere Sichtweisen entwickelt, bin durch die ganze Welt gefahren und habe so nachher ganz andere Sprünge machen können." Von daher ist Michael Plum doch letztlich in versöhnlicher Stimmung, wenn er heute auf seine Karriere zurückblickt. "Letztlich war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin dem Tischtennissport wirklich dankbar." Es gibt halt immer zwei Seiten einer Medaille oder eines Tischtennisschlägers - ganz egal, welche Farbe sie haben.

(JS)

 

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