Buntes

Kühlen Kopf bewahren bei 2 °C Hallentemperatur

Jürgen Walter (Mitte mit weißem Hemd) reiste mit mentalen Tipps nach Pakistan (©privat)

03.02.2013 - Muskelkraft und Technik reichen im Tischtennis nicht aus, um vorne mitzumischen. Wer erfolgreich sein will, muss im entscheidenden Moment auch über eine gewisse Nervenstärke verfügen. Die Macht der Gedanken ist hierzulande durchaus bekannt. In der pakistanischen TT-Szene ist die Beschäftigung mit der mentalen Stärke völliges Neuland, wie Sportpsychologe Jürgen Walter erfuhr. In einem abenteuerlichen Ausflug gab er mit ungewöhnlichen Mitteln mentale Nachhilfe.

"Neulich war ein Zweitligaspieler bei mir", erzählt Jürgen Walter von einem konkreten mentalen Notfall. "Er hatte schon 10:2 geführt und dann noch 10:12 verloren. Bei 10:6 hätte er nicht mehr Tischtennis spielen können, berichtete er mir. Da hätte ihn auch seine Oma besiegt. Das ist aber Quatsch, nichts war passiert! Das Problem lag nicht in der Situation, sondern darin, wie er diese bewertet hat. Man muss positiv denken und um jeden Punkt kämpfen." Solcherlei Probleme kommen dem Sportpsychologen öfter unter - und zwar unabhängig von der Sportart. Ob es sich um einen Fußballer handelt, der den entscheidenden Elfmeter verschießt, oder um einen 5000 m-Läufer, der nach 3500 Metern in Führung liegend aufgibt - Schuld daran ist oft der Kopf! Und daran lässt sich genauso arbeiten wie an der eigenen Athletik. 

Deutscher Psychologe reist mit Mentaltipps nach Pakistan

In unseren Gefilden ist das keine Neuigkeit. Auch wenn längst nicht alle Sportler auf Mentaltraining setzen, ist den meisten die Möglichkeit doch durchaus bekannt. In der pakistanischen Tischtennisszene habe Jürgen Walter mit seinen Übungen und Erkenntnissen dagegen völliges Neuland beschritten, wie der Sportpsychologe berichtet. "Die Leute dort waren sehr dankbar und begeistert, als ich ihnen davon erzählt habe ", war auch Walter beeindruckt. "Für sie war es eine große Ehre, dass ein deutscher Fachmann unvoreingenommen nach Pakistan gekommen ist und ihnen etwas beigebracht hat."

 

Doch warum reiste Jürgen Walter ausgerechnet nach Pakistan? Die Vorgeschichte geht bis zur Team-WM in Dortmund im März zurück, als der Kreisklassespieler von Westfalia Dortmund-Kirchlinde durch seinen Trainingspartner und pakistanischen Nationalspieler Ali Sajjad Faisal zu der Ehre kam, die Nationalmannschaft inoffiziell zu coachen. Bereits in dieser Zeit kamen die Spieler in Berührung mit mentalem Training. "Ich habe sie alle zu mir nach Hause eingeladen und einen kleinen Vortrag gehalten", erinnert sich Walter, der daraufhin selbst eine Einladung nach Pakistan erhielt. Anfang des Jahres hat er diese eingelöst, Vorträge gehalten und private Coaching-Gespräche mit Spielern geführt. Für Letztere hatte er vor allem bei seinen Besuchen zweier TT-Vereine Gelegenheit, als er auch selbst zum Schläger griff. Dabei wurden ihm die unterschiedlichen Bedingungen im Vergleich zu Deutschland besonders deutlich. "Es war wirklich kalt in der Halle, die Temperatur betrug vielleicht 2 °C. Ich habe mit Kälte keine Probleme", räumt er ein, "aber das wäre bei uns unvorstellbar. Zudem ist auch noch alle zwei Stunden der Strom ausgefallen und die Halle war dunkel."

Mit mentalem Golf zu besserem Tischtennis

 

Seine Vorträge wurden dagegen nicht von widrigen Umständen beeinflusst. Wie auch in Deutschland berieselte er seine Zuhörer mit einer Entspannungs-CD und ließ sie ein paar Demonstrationsspiele spielen. Beim sogenannten 'mentalen Golf' wird man an ein Biofeedbackgerät angeschlossen, das über Sensoren am Finger feststellt, inwiefern der jeweilige Tester unter Stress steht. Auf einem Monitor erscheint nun ein Golfball, der sich dem Loch nur dann nähert, wenn man sich entspannt. Messen die Sensoren Stress, bewegt sich der Ball weiter weg. "Der Stress kommt über die Gedanken, nicht durch die Situation", erläutert Walter. "Man darf nicht daran denken, was nicht passieren soll. Wenn meine Gedanken zu negativ werden, muss ich sie beiseite rücken und mich mit dem beschäftigen, was ich als nächstes vorhabe, auf meinen Aufschlag, meine Taktik usw. Notfalls muss ich mich beschummeln, um den Druck wegzunehmen, und mir einreden, es handele sich nur um ein Freundschaftsspiel."

 

Auch die Vortragsreise nach Pakistan, für die Jürgen Walter kein Geld verlangte, entwickelte sich zum Freundschaftsspiel. "Es war zwar teilweise etwas abenteuerlich, aber eine tolle Erfahrung. Am Ende habe ich gesagt: Ich verlasse Freunde", war er begeistert. "Ich werde wieder hinfahren und bei der WM in Paris die Nationalmannschaft betreuen - diesmal wahrscheinlich sogar offiziell."

(JS)
 

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