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Ovtcharov: „Das ist eine riesige Belastung für uns“

Dimitrij Ovtcharov freut sich über seinen optimalen Start ins Jahr (©ITTF)

08.02.2019 - Dimitrij Ovtcharov hat am Wochenende beim Europe Top 16 in Montreux direkt den ersten großen Coup gelandet. Keine Frage, dass wir den World-Cup-Sieger von 2017 zum ausführlichen Interview bitten! Hierin erzählt er uns von seinem schwierigen Jahr 2018, geht mit uns die spektakulären Duelle mit Timo Boll und Vladimir Samsonov in Montreux noch einmal durch und berichtet, wie sich die Topspieler mit den diversen Neuerungen auf internationaler Ebene fühlen.

myTischtennis.de: Das vergangene Jahr war ja eher zum Vergessen. Wie viel macht dieser positive Start in Montreux für dein Gefühl für das Jahr 2019 aus?

Dimitrij Ovtcharov: Naja, ganz zum Vergessen war das Jahr nicht, denn ich habe es ja als Nummer eins der Welt begonnen, was mich sehr glücklich gemacht hat. Aber ja, danach begann wegen meiner Verletzung und Pause schon eine harte Zeit. Die erste Jahreshälfte habe ich dadurch fast komplett verpasst und in der zweiten bin ich meist nicht ausreichend vorbereitet in die Wettkämpfe gegangen, damit ich auf genug Turniere komme, um in der Weltrangliste nicht völlig abzustürzen. So hatte ich das bisher nie gehandhabt. Ich habe mich immer gut auf Turniere vorbereitet, auch nicht zu viele Wettkämpfe gespielt. Das hat mich ganz schön aus dem Rhythmus gebracht. Aber die Zeit in der chinesischen Super League am Jahresende hat mir gutgetan. Da habe ich mir eine gute Substanz erarbeitet und bin sehr glücklich, dass sich das so schnell bezahlt gemacht hat. Vor allem Siege gegen zwei so starke Spieler wie Timo (Boll, Anm. d. R.) und Vladi (Samsonov) geben mir viel Selbstvertrauen - und auch der Turniersieg an sich natürlich, der mich sehr happy macht. Das werde ich jetzt mit in die kommenden Aufgaben nehmen.

myTischtennis.de: Du hast in Montreux extrem druckvoll und aggressiv gespielt. Bist du wieder ganz der Alte? Oder hast du schon noch Dinge entdeckt, die du in den nächsten Wochen abstellen willst?

Dimitrij Ovtcharov: Ich glaube, wenn man sich anschaut, wie ich teilweise gegen Timo und Vladi gespielt habe oder auch die klaren Siege gegen Jonathan Groth und Kou Lei, da kann man auf jeden Fall sagen, dass das mein altes Niveau war. Und trotzdem kann man natürlich immer besser spielen und  man versucht, sein Spiel weiterzuentwickeln - egal ob man die Nummer eins oder 30 der Welt ist. Man muss immer an die Zukunft und mögliche Verbesserungen denken, da die Konkurrenz nie schläft. Deshalb nehme ich aus diesem Turnier viel Positives mit, aber natürlich auch Anregungen, woran ich bis zur WM noch arbeiten muss. Aber das wird immer so sein.

myTischtennis.de: Im Halbfinale gegen Timo hast du direkt im ersten Satz dein Time-out genommen - mit Erfolg. Wie entscheidend war dieser erste Satz für dich und mit welcher Taktik konntest du Timo so an die Wand drängen?

Dimitrij Ovtcharov: Für mich ist es nichts Ungewöhnliches, vor allem gegen sehr starke Spieler, schon im ersten Satz ein Time-out zu nehmen, weil es ein Unterschied wie Tag und Nacht sein kann, ob man einen ersten Satz gewinnt oder nicht. Ich hatte gleich recht hoch geführt, Timo kam heran, hatte das Momentum auf seiner Seite - und das wollte ich mit dem Time-out unterbrechen, was mir zum Glück gelungen ist. Das hat mir für die Sätze zwei und drei dann richtig Auftrieb gegeben. Ich konnte etwas mehr auf Risiko gehen, habe extrem druckvoll und sehr schnell mit vielen Richtungswechseln gespielt und Timo so das Leben schwer gemacht.

myTischtennis.de: Der Sieg lag schon auf deinem Schläger. Warum ist dir das Spiel dann fast noch einmal entglitten?

Dimitrij Ovtcharov: Timo wäre nicht Timo, wenn er sich seinem Schicksal ergeben würde. Ich fand ihn im vierten Satz sehr gelassen. Er hat direkt auf ein paar gute Bälle von mir super reagiert, hat ohne Druck ein paar Wahnsinnsbälle gespielt. Wenn er nach den ersten drei Sätzen, in denen es bei mir sehr gut und bei ihm nicht optimal lief, plötzlich beginnt, viel besser zu spielen, und ich etwas schlechter, dann kippt so was sehr schnell. Der eine muss den Sack nur noch zumachen, der andere hat nichts mehr zu verlieren. Das ist vor allem vom Kopf her keine leichte Situation. Das hat man zum Beispiel auch im Damenfinale gesehen. Aber ich bin einfach der Linie treu geblieben, habe mich im sechsten Satz gut gefangen und war nah dran, den Sieg da schon nach Hause zu bringen. Im siebten habe ich dann noch mal alles riskiert und wurde zum Glück dafür belohnt. Aber es ist wirklich Wahnsinn, wie Timo sein Spiel nach den ersten drei Sätzen geändert hat, wie stark er noch mal aufgespielt hat und das Match fast noch gedreht hätte. Das ist einfach eine unglaubliche Qualität, die Timo da gerade am Tisch zeigt.

myTischtennis.de: Auch das Finale gegen Vladimir Samsonov war sehr knapp - und der Mann ist fast 43 Jahre alt. Was macht ihn noch immer so stark?

Dimitrij Ovtcharov: Vladi ist eine absolute Legende - fast 43 Jahre alt und immer noch einer der mit Abstand besten Spieler in Europa und auch der Welt. Er war viele Jahre ITTF-Athletensprecher und hatte da viel zu tun - so wie auch im T2 APAC-Projekt. Jetzt, seit ein, zwei Jahren, habe ich das Gefühl, konzentriert er sich wieder nur noch auf Tischtennis. Er ernährt sich extrem gewissenhaft, macht sehr viel Yoga und Stretching, hat ein bisschen Gewicht verloren, trainiert etwas anders und spielt einfach auch besser als vor ein paar Jahren - das muss man klar so sagen.

myTischtennis.de: Im siebten Satz hast du zwei Matchbälle abgewehrt und deinen ersten direkt genutzt. Hattest du am Ende einfach die besseren Nerven oder was hat den Unterschied ausgemacht?

Dimitrij Ovtcharov: Was am Ende da den Unterschied ausmacht, das weiß man bei so einem engen Spiel nicht. Manchmal läuft es in seine Richtung, manchmal in meine, manchmal ist ein Quäntchen Glück dabei. Diesmal war das bessere Ende auf meiner Seite, aber das hätte genau so gut auch zu seinen Gunsten ausgehen können. Das war ein Spiel auf Augenhöhe.

myTischtennis.de: Im Interview mit dem Stadionsprecher erwähntest du nach dem Finale durchaus kritisch, dass die ITTF euch dazu bringt, immer mehr Turniere zu spielen. Was läuft gerade aus deiner Sicht falsch - und wie könnte man es besser machen?

Dimitrij Ovtcharov: Es ist inzwischen einfach so, dass im Prinzip jedes Turnier eine Quali für irgendein anderes ist. Früher hatte das Europe Top 12 an sich einen hohen Stellenwert - und das ist auch immer noch so. Aber trotzdem ist es jetzt auch ein Qualifikationsturnier für den World Cup. Genau wie die World-Tour-Turniere jetzt eine Qualifikation für die T2-Wettkämpfe sind. Und obwohl es in der Weltrangliste eine Limitierung von maximal acht Ergebnissen gibt, wurde nun beschlossen, dass die T2-Turniere zusätzlich zu den acht Turnieren für die Weltrangliste gewertet werden. Die Punkte sind natürlich in der olympischen Saison für die Setzung extrem wertvoll, so dass da jeder dran teilnehmen will. Aber das ist einfach eine riesige Belastung für uns, auf so vielen Hochzeiten tanzen zu müssen - World Tour, T2, Vereine, Training. Ich würde mir eher wünschen, dass die Turniere so interessant sind, dass die Spieler selbst entscheiden, da hinzukommen. Und nicht weil da Weltranglistenpunkte vergeben werden oder weil man sich dort für noch etwas Wichtigeres qualifizieren kann. Es ist keine große Kritik. Aber ich würde mir einfach wünschen, dass die Spieler etwas entlastet werden könnten, um gesund zu bleiben. Einige Spieler haben auch gerade die Bitte geäußert, zwei Champions-League-Spiele pro Woche machen zu können, um einfach mehr Freiwochen für Training und Regeneration zu schaffen. Wir hoffen, dass die ETTU mithilfe der ITTF uns da zur Seite stehen wird.

myTischtennis.de: Das nächste Highlight ist die WM in Ungarn. Wie sehen deine Pläne bis dahin aus? 

Dimitrij Ovtcharov: Bis zu WM ist der internationale Kalender glücklicherweise etwas dünner. Da sind international nur die Qatar Open. Ansonsten habe ich vor allem Vereinsspiele und viel Training, um bei der WM dann in der bestmöglichen Form zu sein und einen rauszuhauen. Das ist das Ziel von uns allen im DTTZ.

(JS)

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