Pro vs. Contra

Pro vs. Contra: Die Zukunft des Pokalwettbewerbs

Und jährlich grüßt das Murmeltier: Borussia Düsseldorf ist Pokalsieger (©Roscher)

07.11.2018 - Pokalwettbewerbe sind eine feine Sache. Die Möglichkeit, dass ein absoluter Underdog einen Favoriten aus dem Rennen wirft, macht den besonderen Reiz aus. Der Pokalmodus im Tischtennis allerdings hat nicht nur Nationalspieler Ricardo Walther zu einem kritischen Statement verleitet, auch unsere beiden freien Redakteure Jan Lüke und Lennart Wehking wollen über den Wettbewerb sprechen. Im Pro vs. Contra machen sie sich Gedanken zur Zukunft des Pokals.

PRO

„Der Pokal hat seine eigenen Gesetze“, lautet eine ziemlich hohle Phrase der Sportsprache. Tatsächlich aber ist der Pokal auf seine Art „eigen“: Er ist ein eigener Wettbewerb – anders als die anderen. Er ist anders organisiert, er ist auf seine Art demokratisch, er steht für Chancengleichheit. Das Los entscheidet, wer wann wo gegen wen spielt. Deshalb gibt es Pokalwettbewerbe und deshalb sind sie beliebt. Weil sie unwägbar sind. Weil sie oftmals andere Sieger als der Ligaspielbetrieb auswerfen.

Dem Pokal im deutschen Tischtennis fehlen fast alle Eigenschaften, die einen Pokalwettbewerb ausmachen. Nationalspieler Ricardo Walther hat mit seiner Kritik am Austragungsmodus des von der TTBL GmbH organisierten Wettbewerbs eine Diskussion losgetreten (zum Artikel). Walther kritisierte die Setzung im Pokal. Auch wenn er sich einseitig der Setzung der vier Topmannschaften für das Viertelfinale zuwandte, von der er mit seinem Klub ASV Grünwettersbach selbst betroffen ist, hat der Nationalspieler einen Punkt: Der Pokal im deutschen Tischtennis wird seinem Namen nicht gerecht. Er ist kein Pokalwettbewerb, sondern ein Mannschaftsturnier mit Sonderregeln. Walther nannte es einen „Supercup“. Das trifft es ganz gut. Der Dauer-Pokalsieger Borussia Düsseldorf benötigt mittlerweile nur noch drei Spiele an zwei Tagen, um sich den Titel zu sichern. Im vergangenen Jahr spielte sich Düsseldorf mit nur zehn Einzeln und einer Brutto-Spielzeit von 379 Minuten zum Titel.

Die Argumente der Verantwortlichen für den jetzigen Modus sind durchaus nachvollziehbar. Aus der Sicht der Topteams und Topspieler ergibt es wenig Sinn, einen Termin für ein Auswärtsspiel bei einem Regionalligisten freischaufeln zu müssen, um in der Provinz gegen Amateure anzutreten. Die Kalender der Topspieler sind voll. Es ist kein Zufall, dass die aktuellen deutschen Meister der Herren (Borussia Düsseldorf) und der Damen (SV DJK Kolbermoor) Mannschaften aufbieten, deren bester Spieler (Timo Boll) und beste Spielerin (Liu Jia) im Ligabetrieb kaum zum Einsatz kommen. Der Play-off-Modus macht es möglich. Eine große Pokalrunde hätte da erst recht keinen Platz. Aus der Sicht der TTBL ist es verständlich, auf ein Event abzuzielen. Sie will mit dem „Final Four“-Turnier eine Veranstaltung vermarkten, die Zuschauer anziehen und Geld erwirtschaften soll. Alles ist auf das große Finalturnier mit günstigem Termin zum Jahreswechsel ausgerichtet. Da käme es ungelegen, wenn sich Düsseldorf und Ochsenhausen in der Runde der letzten 32 gegenseitig rauskegeln würden, weil es das Los so wollte, und das „Final Four“ ohne Timo Boll oder Hugo Calderano stattfinden müsste. Der aktuelle Modus, der für die vier stärksten Mannschaften ein einziges Spiel gegen eine schwächere Mannschaft vorsieht, schließt das beinahe aus. Safety first.

Wenn Vereine den Aufwand und die Organisatoren das wirtschaftliche Risiko eines echten Pokalwettbewerbs scheuen, ist das verständlich. Schade und ärgerlich ist es dennoch. Und nicht im Sinne des Sports. Denn meiner Meinung nach wäre es der besondere Pokalcharakter wert, ihn zu retten. Das würde eine Durchlässigkeit des Wettbewerbs nach unten bedeuten: Über Kreispokal, Bezirkspokal und Verbandspokal kann sich jeder Verein für die Hauptrunde qualifizieren und gegen einen Bundesligisten antreten. Es gibt keinen Cut nach unten, der Wettbewerb ist offen. Das würde den Topsport auch wieder näher an die Basis heranrücken, die mit ihren eigenen Stars zunehmend fremdelt. Lostöpfe und ein Austragungsmodus, der Spitzenklubs bis zu einem gewissen Grad entgegenkommt, sind sicherlich nicht nur denkbar, sondern sogar sinnvoll. Nicht anders ist es im Fußball. Aber wenn man es ernst meint mit einem Pokalwettbewerb, dann gibt man ihm ein Erscheinungsbild, das auch nach Pokal aussieht. Rettet den Pokal!

Derzeit sind Liga und Pokal im deutschen Tischtennis aber ein fast identischer Wettbewerb. Wenn dieselben vier Mannschaften in der Endrunde auftauchen, die einmal Play-offs und einmal Final Four heißt, dann ist die Langeweile groß. Das nützt letztendlich niemandem.

(Jan Lüke)

CONTRA

David gegen Goliath, Kleine gegen Große, Bundesliga gegen Amateure: Der Pokalwettbewerb erweitert in vielen Sportarten den Ligabetrieb um ein besonderes Szenario, das für Zuschauer und Verantwortliche einen ganz eigenen Flair bereithält. Ich bin, schon alleine wegen meiner Historie als Werder-Fan, ein großer Fan solcher Pokalmomente. Der Pokalwettbewerb ist nämlich genau dann ein zusätzliches und vor allem gewinnbringendes Wettkampfelement, wenn er Überraschungen mit sich bringt und fast noch wichtiger, wenn er Profis und Amateure gegeneinander antreten lässt. Das sorgt für Wirbel, das sorgt für besondere Momente, das generiert den eigenen Charme. 

Genau diese Attribute werden durch den aktuellen Modus im Pokalwettbewerb des Deutschen Tischtennis-Bundes nicht bedient und deshalb sollte man das bestehende Format abschaffen, zumindest aber umbenennen. Denn gegen einen zusätzlichen Wettbewerb auf Profiebene gibt es gute Argumente.

Zum einen ist der Terminkalender der Bundesligaspieler brutal gefüllt. Immer mehr zusätzliche World-Tour-Turniere werden ins Leben gerufen, die aufgrund der neuen, in meinen Augen arg kritikwürdigen Punktevergabe für die Weltrangliste die Spielerinnen und Spieler regelrecht zwingt, zwischen Bundesliga und Trainingstagen durch die Welt zu jetten. Ein echter Pokalwettbewerb mit mehreren K.o.-Runden könnte das Terminfass zum Überlaufen und die Vereine bei der Verhandlung mit Spielern und deren Einsatzzeiten in die Bredouille bringen. 

Das „Final Four“ ist ein ansprechendes Event, das zum Jahreswechsel große Hallen füllt und professionell ausgerichtet wird, keine Frage. Letztendlich bestreiten im Normalfall aber doch wieder die vier besten Mannschaften Deutschlands, die zumeist nur ein Spiel vorab erfolgreich bestreiten müssen, eine Art zweite Play-off-Runde an einem Wochenende – das hat mit einem Pokalwettbewerb wenig zu tun. 

Das Argument der Verantwortlichen ist verständlich, die anführen, dass die Chancen eines Regionalligisten, in der ersten Runde den Profis aus Ochsenhausen ernsthaft Paroli bieten zu können, signifikant geringer ist als das in anderen (Mannschafts-)Sportarten der Fall ist. Dementsprechend gehe der sportliche Wert für die Bundesligisten gen Null. Dennoch sorgt die wenngleich nur klitzekleine Chance einer Sensation in jeder einzelnen Partie für Spannung und würde sicherlich die eine oder andere Amateurhalle aus allen Nähten platzen lassen – ganz ohne Eventcharakter und Rahmenprogramm. 

Man darf nicht vergessen, dass mit den Zweit- und einigen Drittligisten, die zum Saisoneinstieg eine Pokalvorrunde austragen, sehr wohl einigen unterklassigen Mannschaften die Chance eröffnet wird, bei Gewinn der Vorrunde ein Heimspiel gegen einen Bundesligisten auszutragen – die besten Teams Deutschlands werden vorab jedoch ausgeschlossen von diesem zusätzlichen Ausflug in die halb-professionelle Tischtennis-Provinz. Ich persönlich könnte auf dieses in vier Gruppen à vier Mannschaften ausgetragene Mini-Turnier Anfang August übrigens gut verzichten und habe das Gefühl, dass die meisten Teilnehmer das Aufeinandertreffen mit anderen Zweitligisten eher als gutes Wettkampftraining einordnen, denn als Chance, sich in das Achtelfinale eines in meinen Augen überholten Pokalwettbewerbs zu spielen. Zwei umkämpfte Abende mit ambitionierten Ober- oder Regionalligisten würde ich da deutlich spannender finden – echtes Pokalflair inklusive.

(Lennart Wehking)

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