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Ovtcharov: „Jetzt ist alles im Bereich des Greifbaren“

Dimitrij Ovtcharov schwebt aktuell auf Wolke sieben (©ITTF)

01.12.2017 - Für Dimitrij Ovtcharov ist das Jahr 2017 bislang traumhaft verlaufen. Sieben Turniersiege durfte sich Deutschlands Nummer eins ans Revers heften, darunter den Triumph beim World Cup, dem drittwichtigsten Turnier im Tischtennissport. Im Interview erzählt Ovtcharov, wie er sich seine aktuelle Erfolgswelle erklärt, warum China in den vergangenen Monaten schlagbarer geworden ist und wie es sich anfühlt, kurz vor dem Erklimmen der Weltranglistenspitze zu stehen.

myTischtennis.de: Du hast in diesem Jahr fast überall gewonnen, wo du mitgespielt hast - darunter auch den World Cup. Warum läuft es gerade so gut bei dir? Waren T2 APAC und die vielen Spiele dort gegen andere Topspieler vielleicht förderlich?

Dimitrij Ovtcharov: Ja, ich bin selbst ganz überrascht. Ich habe immer gedacht, dass ich keine guten Leistungen bringen kann, wenn der Terminkalender so voll ist und ich nicht kontinuierlich auf ein hohes Trainingspensum komme. Dieses Jahr war ich mehr denn je unterwegs, war länger denn je bei den Turnieren dabei und habe mehr Turniere als sonst gespielt. Zusätzlich dann auch die T2 APAC-Serie, in der man immer sehr viele Matches - und das stets gegen Topspieler - spielt. Als ich früher in der chinesischen Super League gespielt habe, als sie noch im Sommer stattfand, tat mir das auch immer enorm gut. Ähnlich ist es aktuell auch. In meinem T2-Team war ja auch ein Chinese, mit dem ich viel trainiert habe. Ich denke, die Wettkämpfe auf höchstem Niveau sind mittlerweile genauso wichtig für mich wie das Training.

myTischtennis.de: Der World-Cup-Sieg war ein großartiger Triumph, aber es gab auch Stimmen, die sagten: Ohne Timo Boll, der Ma Long aus dem Weg geräumt hat, wäre dir das wahrscheinlich nicht gelungen - Timo hätte es mehr verdient gehabt. Hat dich das gewurmt? Hat sich der Sieg für dich irgendwie weniger wert angefühlt, weil du an keinem Chinesen oder Asiaten vorbei musstest?

Dimitrij Ovtcharov: Das sind typische Argumentationen, mit denen man als Sportler leben muss. Ich glaube, da geht es Athleten vieler Sportarten ähnlich. Der Sieg beim World Cup hat sich für mich genauso gut angefühlt, wie als ich bei den German Open gegen zwei Chinesen gewonnen habe oder gegen Leute, die bei dem Turnier halt besser waren als die Chinesen. Man spielt halt immer nur gegen die stärksten Spieler eines Turniers. Und am Ende ist es nicht meine Schuld, dass ich nicht gegen Ma Long oder sonst jemanden gelaufen bin. Ich kann nicht mehr tun, als alle meine Spiele zu gewinnen, und ich glaube, ich hatte starke Gegner. Auch wenn man ganz klar sagen muss, dass Timo eine unfassbare Leistung mit Siegen gegen Lin Gaoyuan und vor allem gegen Ma Long abgeliefert hat und den Sieg deshalb auch verdient gehabt hätte. Nichtsdestotrotz ist meine Freude über den World-Cup-Sieg gewaltig, grenzenlos… überschwänglich. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, es war einfach ein ganz besonderes Gefühl. Und ich glaube, durch meinen Sieg bei den German Open - vor allem durch den Sieg gegen Fan Zhendong und den klaren Erfolg gegen Yan An - sind dann auch die Leute, die meine günstige Auslosung beim World Cup bemängelt hatten, ein bisschen ruhiger geworden.

myTischtennis.de: Was war das für ein Gefühl, als du in Magdeburg tatsächlich selbst zwei Chinesen aus dem Weg geräumt hast - und das Turnier dann auch noch gewonnen hast?

Dimitrij Ovtcharov: Eine kleine Genugtuung war schon mit dabei. Ich glaube, dadurch, dass ich gegen Fan Zhendong, der zusammen mit Ma Long aktuell als stärkster Chinese bezeichnet wird, bei den German Open in so einem coolen Spiel gewinnen konnte, habe ich auch den Respekt der letzten Kritiker gewonnen. Am Ende gebe ich mein Bestes und die Auslosung kann man einfach nicht selbst beeinflussen. Ich glaube, wie man zu dem Erfolg kam und wie die Auslosung war, da fragt nach einer gewissen Zeit auch keiner mehr nach.

myTischtennis.de: Es ist ja schon auffällig, dass die Chinesen gerade so häufig patzen. Das tun sie natürlich vor allem gegen starke Spieler wie Timo, dich, Lee Sangsu, aber auch das war ja früher die absolute Ausnahme. Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür, dass China in den vergangenen Monaten schlagbarer geworden ist?

Dimitrij Ovtcharov: Ich glaube, manchmal kommt einfach viel zusammen. Natürlich ist etwas Unruhe in das System der Chinesen gekommen. Immerhin war Liu Guoliang, seitdem ich denken kann, eine feste Größe im Herrentischtennis. Dann ist der plötzlich nicht mehr da - und auch die ganzen anderen Trainer, die Bestandteil der Herrennationalmannschaft waren und die tägliche Arbeit gemacht haben, wie zum Beispiel Qin Zhijian, der Trainer von Ma Long, sind plötzlich nicht mehr auf den Turnieren zu sehen. Dafür haben sie ein komplett neues Team mit vielen, die aus der Jugend kamen. Ich glaube, das muss sich alles erst einmal einpendeln. Dazu kommen sehr viele wichtige Veranstaltungen in der letzten Zeit - Olympia, zehn Monate später die WM, zwei Monate später die China Games. Da haben sich bei dem einen oder anderen auch ein paar Verletzungen eingeschlichen, bei manchen eventuell auch die Müdigkeit. Außerdem kam bei uns vielleicht auch noch das Quentchen Glück dazu, die Spiele im Entscheidungssatz mit zwei Punkten Unterschied zu gewinnen. Wie gesagt, es kommt manchmal viel zusammen, aber ich rechne ganz stark mit einem Comeback der Chinesen im kommenden Jahr. Ein bisschen Selbstvertrauen und Glauben haben wir aber auf jeden Fall trotzdem getankt.

myTischtennis.de: Wie bewertet ihr das gerade für euch, dass ihr zu zweit diesen Höhenflug erlebt?

Dimitrij Ovtcharov: Vor dem World Cup und den German Open haben wir ja auch schon bei den China Open zusammen im Finale gestanden. Allein dieses Erlebnis war schon surreal. Und dass dann noch bei zwei weiteren so topbesetzten Turnieren mit den besten Chinesen jeweils zwei Deutsche im Endspiel stehen, das ist schon Wahnsinn. Wir haben das richtig genossen und ich glaube, der Ehrgeiz hat uns beide da enorm gepackt. Es ist besonders cool, dass wir beide gerade so gut sind. Wir haben lange gemeinsam trainiert, auch während der Turniere und dazwischen -, haben uns gegenseitig hochgepusht, uns gechallenged. Ich glaube, das führt immer dazu, dass man sein Niveau etwas steigert.

myTischtennis.de: Was ist dein Vorteil, wenn es gegen ihn geht? Kennen tut ihr euch ja beide aus dem Effeff…

Dimitrij Ovtcharov: Ich finde, die meisten Spiele sind enorm eng. Mit ein bisschen Glück und ein, zwei Bällen, die anders laufen, hätte Timo auch problemlos zwei der vier wichtigen Spiele dieses Jahr gewinnen können. Bei zwei Spielen hatte er ja auch Matchbälle. Vielleicht war da das Glück ein bisschen mehr auf meiner Seite, hatte ich einen Tick mehr Selbstvertrauen, da die ersten beiden knappen Spiele an mich gingen. Das kann sich auch schnell wieder ändern, aber aktuell habe ich natürlich allgemein ein gutes Selbstvertrauen. Und das hat mir auch in den schwierigen Phasen in den Finals gegen Timo geholfen.

myTischtennis.de: Dein großer Traum, die Nummer eins der Welt zu sein, ist dank dieser Erfolge und der neuen Weltrangliste ein großes Stück nähergerückt. Wie fühlt sich das an - kurz vor den Grand Finals, wo du es ja wirklich wahrmachen kannst?

Dimitrij Ovtcharov: Ja, das war vor einem Jahr noch nicht denkbar. Aber dieses Jahr mit jetzt insgesamt sieben Turniersiegen war natürlich unglaublich für mich. Es ist jetzt alles im Bereich des Greifbaren, des Möglichen. Und ich werde natürlich alles dafür tun, das bei den Grand Finals zu verwirklichen. Wenn es nicht klappt, würde es das tolle Jahr aber auch nicht schmälern. Dann würde ich nächstes Jahr wieder angreifen. Aber wenn man schon mal so nah dran ist, will man seine Chance natürlich auch beim Schopf packen.

(JS)

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