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Fabians Blog: Beklemmende Erlebnisse hinter Gittern

Wer sich benimmt, hat die Möglichkeit hinter Gittern auch Tischtennis zu spielen. (©Pixaby)

29.10.2019 - Tischtennis kann man außerhalb der städtischen Sporthallen quasi überall spielen, egal ob auf dem Schulhof, im Park oder zu Hause im Garten. Es gibt aber auch durchaus ungewöhnliche Orte für unseren geliebten Sport, beispielsweise ein Gefängnis. Unser Redaktions-Volontär Fabian Kleintges-Topoll hat in der Vergangenheit schon öfter hinter Gittern gespielt. In seinem Blog berichtet er über seine Erfahrungen im Spiel gegen Häftlinge in einer Justizvollzugsanstalt.

Als ich im Alter von 18 Jahren meine erste Saison im Herrenbereich absolvierte, stand direkt eines der wohl größten Highlights meiner heute rund elfjährigen TT-Karriere bevor. Ein Auswärtsspiel im Knast, genauer gesagt in der JVA Geldern-Pont. Die 1979 bezogene Haftanstalt bietet Platz für über 600 Insassen. Die Sportlichen unter ihnen haben als Mannschaft die Möglichkeit, am gängigen Ligabetrieb teilzunehmen, sofern sie sich diszipliniert verhalten. Neben Fußball, Handball, Volleyball und Kraftsport gehört Tischtennis ebenfalls zu diesem Angebot.

Viele Regeln: Nur volljährige Männer dürfen mitspielen

Sportvereine aus der Region reisen regelmäßig an, sehr zur Freude der Gefangenen. Das ,Knast-Team‘ tritt allerdings außer Konkurrenz an, die Punkte fließen also nicht mit in die Meisterschaftswertung ein. Schon im Vorfeld müssen einige Regeln eingehalten werden. Demnach ist es völlig egal, in welcher Mannschaftsstärke der Gegner erscheint. In diesem Fall dürfte also auch ein Landesligaspieler ausnahmsweise in der 2. Kreisklasse an den Tisch gehen. Grundvoraussetzung: Die Person gehört zum Verein und ist männlich. Denn Frauen und Minderjährige dürfen nicht mitfahren. 

Wenn es mit meinem Verein TuS Borth (Kreis Niederrhein) nach Pont geht, dann freut sich jeder auf das Match. Bestimmte Leute wollen immer mit. Unser ältestes Vereinsmitglied Jochen (78) ist einer davon. Ohne ihn wäre alleine die Fahrt nur halb so lustig. Mit 23 habe ich schon drei Mal im Knast gespielt. Als ich das erste Mal mit hindurfte, war ich schon ein bisschen aufgeregt. Denn ich wusste ja schließlich nicht, was mich dort erwartet. In Pont sitzt bekanntlich keiner wegen eines Kavalierdelikts. Ausgeschlossen ist es also nie, dass man gegen einen Vergewaltiger, einen Mörder oder „nur“ gegen einen Betrüger antritt.

Ausweiskontrolle, Spint und Personenscanner

Aber wie läuft so ein Tag dort eigentlich genau ab? Angekommen auf dem Parkplatz wird man von den hohen Mauern mit Stacheldraht förmlich erschlagen. Der Schriftzug „SEHNSUCHT“ steht dort groß geschrieben. Die Wartehäuschen für Besucher, darunter viele Frauen mit ihren Kindern, sind meistens gut gefüllt. Am Eingang werden wir freundlich begrüßt. Die Justizvollzugsbeamten hauen lockere Sprüche raus, fordern aber direkt mal zur Personalausweis-Kontrolle auf. Ausgerechnet der von Jochen war zuletzt abgelaufen – der Pförtner hat aber noch mal ein Auge zugedrückt. Glück gehabt!

Bevor es in die Kabine geht, müssen wie im Schwimmbad erst einmal alle Wertgegenstände (Handy, Portemonnaie etc.) weggeschlossen werden, damit es beim Gang durch den Personenscanner nicht piept. Auch die Smartwatch eines Kollegen musste deshalb ab – die Lichtschranke erkennt jede potenzielle „Gefahr“. Nur der nackte Schläger darf letztendlich mitgenommen werden. Selbst die Trinkflasche bleibt in der Kabine. Wasser oder Kaffee stehen erst in der Halle wieder zur Verfügung. 

Langer, ungemütlicher Weg zur Halle

Jetzt kann endlich gespielt werden, soll man zumindest meinen. Wäre da nicht der elendig lange Weg zur Halle. Gemeinsam mit dem Sportwart geht es erst mal über den Innenhof. Ohne Trainingsanzug im Winter ganz schön kalt. Vorbei an zahlreiche Schleusentüren, engen Fluren mit hohen Decken und verriegelten Zellengängen erreicht man den Sportbereich nach gut fünf Minuten. Bis zu achtmal wird auf und abgeschlossen. Über die Gerüche auf dem Weg mal ganz zu schweigen, fühlt man sich schon ein bisschen unwohl. Es riecht nach Schweiß und Gummi – eine beklemmende Atmosphäre. Vor allem wenn man weiß, wer sich gerade wohl alles in der unmittelbaren Nähe befindet. Man darf nicht darüber nachdenken.

Beim Betreten der Halle wirkt alles wie bei einem normalen Meisterschaftsspiel. Die Insassen sind freundlich, kommen auf einen zu und reichen die Hand. Sie scheinen froh zu sein über die rund zweistündige Ablenkung fernab ihres grauen Gefängnisalltags. Vom spielerischen Niveau war bei Pont in diesem Jahr auch für eine Vierermannschaft in der 2. Kreisklasse aber noch gehörig Luft nach oben. Wir gewannen mit 10:0 (Bundessystem) und hatten sogar noch Zeit, ein bisschen durchzuwechseln – jeder spielte mal mit jedem. Die Bälle nahmen allerdings weder richtig Schnitt, noch Spin an. Vor zwei Jahren war noch ein hochtalentierter Spieler dabei. Er wurde in der Zwischenzeit entlassen und wahrscheinlich schon von anderen Vereinen umworben.

Auswärtsspiele gibt es für die Insassen keine

Man kommt ein wenig ins Gespräch und lacht. Da schaut man auch über die selbstgestochenen Tattoos oder Wunden hinweg. Jochen fragt immer, warum und wie lange sie noch abzusitzen haben. Die meisten halten dicht. Wir haben aber auch schon mal mit einem Auftragsmörder in einem Raum gesessen, der noch zehn Jahre seiner Strafe vor sich hatte. Schade ist es, wenn man hört, dass andere Vereine teilweise ohne Abmeldung gar nicht erst zum Spiel erscheinen.

Direkt neben der Halle befindet sich übrigens das Fitnessstudio, wohl eher die „Muckibude“, die ihrem Namen in Pont alle Ehre macht. Nach Ablauf der Zeit treffen sich alle Häftlinge im Gang und werden in ihre Zellen zurückbegleitet. Der eine oder andere Insasse sieht doch etwas furchteinflößend aus. Alles in allem ist es aber immer wieder ein spezielles Erlebnis, im Knast an die Tische zu gehen. Spätestens in der Rückrunde geht es für uns wieder in die JVA. Dann sind wir im Rückspiel erneut der Gast. Anders als alle anderen Teams hat Pont zwei Heimspiele pro Saison – natürlich. Gespielt wird wie immer am Donnerstagabend.

Haben Sie auch schon mal im Gefängnis gespielt? Berichten Sie darüber gerne in der Kommentarleiste! 

(Fabian Kleintges-Topoll)

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