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Jans Blog: Profi-Tour statt Ligaleben? Eine finanzielle Frage

In stark besetzten Turnieren wie den Swedish Open ist es schwierig, mit einem Plus nach Hause zu fahren (©ITTF)

05.11.2018 - Spannende Duelle der absoluten Topspieler und eine lückenlose Berichterstattung in der digitalen Welt - wenn es nach unserem freien Redakteur Jan Lüke ginge, könnte das hohe Niveau, das wir gerade im internationalen Toptischtennis geboten bekommen, zum Alltag werden. Der Spagat, den die Spieler schon jetzt zwischen ITTF-Events und Liga machen, ist aber kaum mehr auszureizen. In seinem Blog überlegt Lüke, was sich ändern müsste, wenn man den Fokus auf den Einzelsport legen würde.

Die vergangenen Wochen haben einige spannende Erkenntnisse geliefert. Fan Zhendong etwa hat mit seinen überzeugenden Siegen beim World Cup und den darauf folgenden Swedish Open unterstrichen, dass er derzeit der dominierende Spieler auf der Tour ist. Der 21 Jahre alte Chinese wird eine neue Ära im Herrentischtennis begründen. Das wird Dimitrij Ovtcharov nicht verhindern können, doch Deutschlands Nummer zwei zeigte in den vergangenen Wochen, dass er nach einem durchwachsenen Jahr auf dem Weg zurück zu alter Stärke ist. Das Welttischtennis bei den Damen scheint hingegen so ausgeglichen zu sein wie seit vielen Jahren nicht mehr: Japans Wunderkind Mima Ito schlug jüngst in Stockholm der gesamten chinesischen Elite ein Schnippchen – und das nicht zum ersten Mal. Anders als bei den Männern scheint Chinas Dominanz bei den Frauen wahrhaftig in Gefahr zu geraten. Wer sich jedenfalls für internationales Toptischtennis und seine Protagonisten interessiert, erlebt derzeit Festwochen.

Glänzender Job der ITTF

Das hat nicht allein sportliche Gründe. Gerade der World Cup in Paris, aber auch das World-Tour-Turnier in Schweden haben Tischtennissport auf extrem hohem Standard geboten. Das gilt sowohl für die Präsentation in der Halle, die gerade beim World Cup auf dem Gelände des Disneyland Paris herausragend war. Das gilt aber auch für die mediale Aufbereitung: permanente Live-Übertragungen, Kommentierung mit einem glänzenden Adam Bobrow, rasante Highlight-Ballwechsel, Begleitung in den sozialen Medien. Die ITTF hat einmal mehr einen glänzenden Job abgeliefert, um ihre Events weltweit zu präsentieren und zu vermarkten. Wenn es Tischtennisfans nur darum geht, ihren Sport hochwertig dargeboten zu bekommen, lässt einem dieses Angebot keinen Grund, sich noch nach Sendeplätzen im linearen Angebot der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten zu sehnen.  

Waren Paris und Stockholm ein Wink in die Zukunft? Es wäre jedenfalls zu hoffen. Der Tischtennissport sollte den Weg einschlagen und weitergehen, eine Profi-Tour aufzuziehen, die vergleichbar mit den Grand Slams, den ATP Finals und der ATP World Tour Masters im Tennis ist. Die besten Spielerinnen und Spieler der Welt sollten sich dauerhaft in einer Turnierserie messen, die für ein weltweites Publikum aufbereitet wird. Ob die Formate immer klassische Wettkampfformen mit Qualifikation und Hauptfeld sein müssen, sei zwar dahingestellt. Aber das Ziel muss es sein, die Stars der Szene in hoher Regelmäßigkeit auf die Tour zu holen. Das haben die Turniere in Paris und Stockholm einmal mehr verdeutlicht. 

Spieler sind finanziell auf Vereine angewiesen

Das heißt aber auch: Das Profi-Tischtennis muss raus aus dem klassischen Mannschaftssport in Ligastrukturen. Die Erwartung, dass die Topathleten Wochenende für Wochenende für einen Verein um Punkte kämpfen und zusätzlich den Belastungen einer jahresübergreifenden und weltweit stattfindenden Turnierserie standhalten, ist vermessen. Die Stars der Szene leben es längst anders vor. Timo Boll hat sich aus dem TTBL-Alltag weitestgehend verabschiedet, andere europäische Topspieler wie Dimitrij Ovtcharov, Vladimir Samsonov oder Marcos Freitas spielen für ihre russischen Vereine vor allem in der Champions League. Sie können sich vor allem auf ihre Karriere und Planung als Einzelspieler konzentrieren. Was für die allerbesten Spieler der Welt funktionieren mag, kann sich die erweiterte Weltspitze allerdings nicht leisten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Spieler jenseits der Top 20 oder Top 30 der Weltrangliste sind noch deutlich mehr als die Topstars auf die fixen Gehälter ihrer Vereine angewiesen. Auch wenn das sportliche Augenmerk auch bei vielen anderen Spielern mittlerweile auf der weltweiten Turnierserie liegen mag, müssen sie sich den regelmäßigen Belastungen und Einschränkungen durch den Ligaalltag aussetzen. Zumindest haben sie kaum eine Wahl, sich dagegen zu entscheiden.

Man wird nicht gleichzeitig eine hochprofessionelle, weltweite Turnierserie aufbauen können, an die man organisatorisch und sportlich höchste Maßstäbe ansetzt, und gleichzeitig einen regelmäßigen Spielbetrieb in nationalen Ligen beibehalten können, bei dem die besten Spieler der Welt Wochenende für Wochenende das Vereinstrikot überziehen. Wenn man Tischtennis zukunftsfähig aufbauen und darbieten will, kann diese Entscheidung nur zugunsten einer weltweiten Profitour fallen.

ITTF müsste Preisgelder anheben

Auf den ersten Blick könnte das ein Segen für den Weltverband sein. Auf den zweiten Blick ginge mit dieser Entwicklung aber eine große Verpflichtung einher. Denn die ITTF steht dann in der Verantwortung, für ihre Spieler zu sorgen. Dieser Verantwortung kommt die ITTF derzeit aber noch nicht im Geringsten nach. Der Weltverband zwingt die Aktiven zu einem Spagat zwischen World-Tour-Events und dem Engagement für ihre Klubs, weil er keine Preisgelder ausschüttet, von denen eine nennenswerte Zahl an Athleten in der erweiterten Weltspitze leben kann. Wenn jedes Erstrunden-Aus zum Existenzrisiko werden kann, wird kein Profi auf die regelmäßigen Gehaltszahlungen seines Vereins verzichten. Selbst wenn er gerne wollte.

Die ITTF mag argumentieren, dass sie nur ausgeben kann, was sie auch einnimmt. Wenn der Weltverband aber seine Unternehmung, und nichts anderes ist eine weltweite Turnierserie, wachsen lassen will, dann muss er auch bereit sein, Investitionen zu tätigen. Er muss in Vorleistung gehen – und zwar finanziell. In den vergangenen Jahren tat er das zwar bei der Präsentation und Vermarktung seiner Events, nicht aber bei den Preisgeldern für die Spieler. Die wurden – gerade in der Breite eines gesamten Starterfelds – nur in meist kleinsten Dosierungen angehoben. Wer früh bei einem Turnier scheitert, zahlt drauf. Entweder aus eigener Tasche oder über Gelder der nationalen Verbände. Stattdessen hat der Weltverband zu einem anderen Mittel gegriffen, um die Spieler auf die Tour zu locken: Er modifizierte die Weltrangliste, die noch immer der Gradmesser für jeden Topspieler ist. Vielspieler werden nun belohnt, Wenigspieler werden bestraft.

Dass das funktioniert, merkt man den Meldelisten der World-Tour-Events in diesem Jahr an. Da reicht schon der Blick auf die Starterliste des Platinum-Turniers im österreichischen Linz in dieser Woche: Von den derzeit besten 50 Spielern der Herren-Weltrangliste gehen in Österreich 48 an den Start. Zumindest für die Tischtennisbegeisterten auf der ganzen Welt gehen die Festwochen vorerst weiter.

(Jan Lüke)

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