Buntes

Multitalent: Verbandsklässler im extremen Höhenrausch

Gipfelstürmer Heiko Schneider gibt auch im Tischtennis nie auf (©privat)

14.11.2014 - Manche versuchen, in der JOOLA-Rangliste luftige Höhen zu erklimmen, der Stuttgarter Verbandsklasse-Spieler Heiko Schneider nimmt das wörtlicher. Der 45-Jährige geht neben seiner TT-Leidenschaft auch dem Extrembergsteigen nach und ist bereits in über 8000 Meter Höhe vorgestoßen. Wieso solch ein Extremsportler besonders am Tischtennis Spaß hat und was er vom Berg mit an den Tisch nimmt, erzählt Schneider in unserer Reihe "Multitalente".

Es ist dieser eine Moment, für den sich Heiko Schneider wochenlang quält. Für den er in Eiseskälte friert, trotz seines rasenden Pulses immer wieder einen Fuß vor den anderen setzt und seinen Körper an die absolute Grenze bringt. Sobald er auf dem Gipfel eines Berges angekommen ist und weiß, dass er es wieder geschafft hat, sich selbst zu überwinden, immer wieder neu zu motivieren und eben nicht umzukehren, ist alles andere egal. "Das sind die Momente, die man nie vergisst und an die kaum etwas anderes herankommen kann", schwärmt der Extrembergsteiger. "Das ist so, als ob man als krasser Außenseiter dank einer Wild Card an den Deutschen Tischtennis-Meisterschaften teilnehmen darf und das Turnier gewinnt. Alle Wetten stehen gegen einen, es ist sehr wahrscheinlich, dass man verliert, aber schafft es trotzdem." Heiko Schneider hat schon oft den Kampf 'Mann gegen Berg' gewonnen, Gipfel rund um die ganze Welt erklommen und sich zum Teil in luftige Höhen von 8000 Metern gequält. Wie passt dieser nach Extremen suchende Sportler mit dem Tischtennisspieler Heiko Schneider zusammen, der mit einem Q-TTR-Wert von 1720 beim VfB Oberesslingen/Zell in der Verbandsklasse spielt? "Es ist unbeschreiblich, auf einem Gipfel anzukommen, aber der Spaß hält sich bei einer solchen Expedition in Grenzen. Den habe ich, wenn ich Tischtennis spiele."

 

Von Papas Keller bis in luftige Höhen

 

Schneider, der zudem ein sehr guter Skifahrer und Leichtathlet ist und auch in diesen Disziplinen schon einige Erfolge feiern durfte, spielt bereits sein ganzes Leben lang Tischtennis. Der Weg zum Zelluloidball war dabei der klassische: "Mein Vater war ein guter Spieler, wir hatten immer eine Platte im Keller und als in meinem Dorf die TT-Abteilung gegründet wurde, war ich sofort dabei", erinnert sich der 45-Jährige. Seine Begeisterung für den Rückschlagsport war sogar so groß, dass, wenn seine Freunde die typischen Berufswünsche 'Feuerwehrmann' oder 'Astronaut' angaben, er von einer Karriere als Tischtennisprofi träumte, was er aber später wegen der schlechten Chancen, davon leben zu können, wieder verwarf. Seinem Sport blieb der heutige Programmierer trotzdem treu und spielt nun als offensiv ausgerichteter Allrounder an Position vier seiner Oberesslinger Mannschaft. "Tischtennis ist ein Sport, der alles in sich vereint", erklärt Schneider seine Faszination. "Du brauchst schnelle Beine, viel Gefühl, eine hohe Reaktionsgeschwindigkeit und gute Taktik. Es gibt sonst kaum einen Ballsport, bei dem so viel zusammenkommen muss, um erfolgreich zu sein." 

 

Eines kann der Tischtennissport allerdings nicht leisten: Er bringt Schneider nicht an den Rand seiner körperlichen Grenzen. "Ich habe schon immer nach meinen eigenen Grenzen gesucht und so habe ich irgendwann angefangen, andere Dinge als Tischtennis auszuprobieren", erzählt der Stuttgarter, der auch nach einem Marathon noch zehn Kilometer weiterlaufen würde, wenn es darauf ankommt. "Über dem Bergsteigen kommt einfach nichts mehr drüber." Denn auf dem Berg wird man sowohl körperlich als auch geistig bis aufs Äußerste gefordert, wie Schneider anschaulich beschreibt. Sein Puls schlägt dann über mehrere Stunden so schnell, als ob er pausenlos sprinten würde, auch wenn er sich in diesen Höhen nur langsam fortbewegen kann. Und auch sein Kopf macht ihm zu schaffen: "Durch den Sauerstoffmangel funktioniert das Gehirn nicht mehr, wie es soll. Ganz einfache Dinge werden plötzlich kompliziert. So kann es eine halbe Stunde dauern, bis man sich die Schuhe zugebunden hat."

 

Die 'Sucht' treibt ihn von Gipfel zu Gipfel

 

Bleibende Schäden seien zwar nur in den seltensten Fällen zu erwarten, trotzdem hat Schneider schon ein paar Extremsituationen erlebt, die ihn nicht nur an, sondern fast auch über seine Grenze gebracht hätten. So wurde seine Expeditionsgruppe bei dem Umrundungsversuch des Dhaulagiri in Nepal auf etwa 5000 Metern eingeschneit, was seiner an der Höhenkrankheit leidenden Freundin fast das Leben gekostet hätte. Die Bergsteiger wurden nach sieben Tagen zwar in allerletzter Minute gerettet - dass alle überlebt haben, grenzte allerdings an ein Wunder. Bei Schneiders letzter Expedition im Himalaya der nächste Schrecken: Sein rechter Arm war vom Ellenbogen abwärts eingefroren, so dass er ihn nicht mehr bewegen konnte. "Nach sechs, sieben Tagen hatte sich das Gott sei Dank erledigt. Das wäre sonst schlecht fürs Tischtennis gewesen", kann Schneider inzwischen über den Vorfall schmunzeln. "Es ist schon eine Sucht für mich - und darum wird es auch weitere Touren geben. Aber kein Berg der Welt ist es wert, dass die Gliedmaßen oben bleiben."

 

Bei solchen Geschichten ist es gut nachzuvollziehen, dass beim Bergsteigen nicht nur der Körper, sondern vor allem der Kopf ganz entscheidend ist. "Man fragt sich schon ständig, warum man sich das eigentlich freiwillig antut. Gründe abzubrechen, gibt es genügend. Die Kunst ist, trotzdem weiterzumachen." Dieser Kampfgeist zeichnet Schneider auch als Tischtennisspieler aus. "Ich bin einer, der nie aufgibt. Auch wenn ich 3:10 hinten liege, ist noch nichts verloren - obwohl es nicht wahrscheinlich ist, dass ich noch gewinne. Dass ich am Shisha Pangma, einem 8000er,  oben angekommen bin, war schließlich auch eher unwahrscheinlich." Trotzdem ist der Gewinn eines solchen schon verloren geglaubten Satzes kaum mit dem Moment zu vergleichen, als Schneider nach acht Wochen endlich seinen Fuß auf den Gipfel des tibetanischen Bergs setzen konnte. Denn an diese Momente kommt kaum etwas heran - noch nicht einmal Tischtennis.


Kennen Sie auch ein solches Multitalent? Dann erzählen Sie uns von ihm oder ihr unter redaktion@mytischtennis.de!
 

(JS)

 

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