Adriana Diaz: Der Stolz der Nation

    Adriana Diaz hat den Tischtennissport in Puerto Rico auf ein neues Level gehoben. In ihrer Heimat ist sie ein Star - wegen ihrer Erfolge, aber auch ihrer Spielweise und ihres Auftretens.

    In ihrer Heimat Puerto Rico ist Adriana Diaz sehr bekannt (©ITTF)

    Ein Raunen geht durch die Zuschauerränge in der Süwag Energie Arena. Ein Chop-Block mit Rechtsdrall, ein Chop-Block mit Linksdrall. Dann ist die Chance, zu punkten, groß. Doch Adriana Diaz zieht den Topspin ins Netz. 8:9, Diaz liegt wieder hinten – die Zuschauer aber sind begeistert vom Ballgefühl der Puerto Ricanerin. Im Ballwechsel zuvor hatte sie ihre Gegnerin Hina Hayata mit einem Vorhand-Schlag, der in keinem Lehrbuch steht, zum Fehler gezwungen. Halb Stopp-Block, halb Chop-Block, mit dem Ball konnte die Japanerin nicht viel anfangen und schupfte ihn ins Netz.

    Es läuft der vierte Satz im Viertelfinale des WTT Champions in Frankfurt, das Diaz durch souveräne Siege gegen die Kanadierin Mo Zhang und Prithika Pavade aus Frankreich erreicht hat. Der Auftritt passt ins Bild. Die letzten Wochen sind gut gelaufen für die Südamerikanerin, im Oktober hatte sie zunächst neben dem Mannschafts-Titel auch Einzel-Gold bei den Panamerika-Meisterschaften gewonnen. Dort war sie gegen ihre ärgsten Konkurrentinnen Lily Zhang (USA) und Bruna Takahashi (Brasilien) im Halbfinale bzw. Finale ohne Satzverlust geblieben. Dann, beim WTT Champions in Montpellier in der Woche vor dem Turnier in Frankfurt, besiegte Diaz die ehemalige Weltranglistenerste Zhu Yuling. Auch ihr erster Sieg über eine der Top-Chinesinnen, Wang Yidi, beim WTT Champions in Macau liegt noch nicht lange zurück.

    Entspannt spielt sich's besser

    Die Erklärung, die die 25-Jährige für die guten Resultate in der jüngeren Vergangenheit hat, ist simpel. „Die Saison geht aufs Ende zu, bald ist Weihnachten. Ich habe die letzten Turniere sehr genossen“, sagt Diaz in Frankfurt im Gespräch mit tischtennis. Sie sei etwas entspannter als in anderen Saisonphasen. „Und wenn ich entspannt bin, spiele ich auch besser.“ Das Turnier am Main war das 16. und letzte für sie in diesem Jahr. Jetzt freue sie sich auf zuhause, sagt die Nummer 20 der Welt.

    Dort, im Örtchen Utuado im bergigen Inneren der Insel, nahm eine Karriere, wie es sie im puerto-ricanischen Tischtennis zuvor noch nicht gab, vor gut 20 Jahren ihren Anfang. Diaz‘ Weg war vorgezeichnet: Ihre Eltern hatten sich beim Tischtennis kennengelernt, im örtlichen Verein, den Vater Bladimir einst gründete. „Wir sind wohl der Inbegriff einer Tischtennisfamilie“, sagt Adriana Diaz. Ihre drei Schwestern spielen bzw. spielten auch, zwei von ihnen, Melanie und Fabiola, auch international. Auch Cousin Brian Afanador hat eine Profi-Laufbahn eingeschlagen, gemeinsam mit ihm trug Diaz bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2021 in Tokio die puerto-ricanische Flagge.

    Auch ihre Schwester Melanie spielt international Tischtennis (©ITTF)

    China-Reisen in jungen Jahren

    Dass Adriana der talentierteste Spross der Familie ist, war schnell offensichtlich, als sie im Alter von vier Jahren die ersten Bälle übers Netz spielte. Nur drei Jahre später flog Bladimir Diaz mit seiner Tochter erstmals für einen mehrwöchigen Trainingsaufenthalt nach China. „Das war schon ein Kulturschock. Und viele haben meinen Vater damals auch für verrückt erklärt“, erinnert Diaz sich. „Aber er war davon überzeugt, hat gesagt, wenn ich wirklich gut werden will, müssen wir jede Chance nutzen.“ Sieben oder acht Jahre lang sei sie mindestens einmal im Jahr für mehrere Wochen nach China gereist. Hart sei das anfangs gewesen, „aber am Ende hat es mir geholfen, zu der Frau zu werden, die ich heute bin“. Das nationale olympische Komitee Puerto Ricos förderte die China-Reisen, auch durch das Hopes-Programm der ITTF erfuhr das Talent früh Unterstützung. Und Diaz zahlte das Vertrauen in sie bald  zurück: Mit elf Jahren wurde sie erstmals lateinamerikanische Jugendmeisterin, im Alter von 14 Jahren holte sie ihre erste Medaille bei Panamerika-Spielen – und qualifizierte sich als 15-Jährige für die Olympischen Spiele 2016. Vor ihr hatte es noch nie eine Tischtennisspielerin aus Puerto Rico zum größten Sportereignis der Welt geschafft.

    Inzwischen kommt Diaz auf drei Olympia-Teilnahmen, 2024 in Paris hätte sie es beinahe ins Viertelfinale geschafft, verspielte im Achtelfinale gegen die Nordkoreanerin Pyon Song Gyong eine 3:0-Satzführung. Auf kontinentaler Ebene hat Adriana Diaz unzählige Titel gewonnen – im Einzel, im Doppel, mit der Mannschaft. Zweimal zog sie in ein WM-Achtelfinale ein, erreichte 2022 erstmals die Top 10 der Weltrangliste.

    Aus Ping Pong wird Tischtennis

    Mit jedem weiteren Erfolg änderte sich in Diaz' Heimat die Wahrnehmung von Tischtennis. „Es wurde lange nicht als richtiger Sport angesehen. Früher haben die Leute von Ping Pong gesprochen – heute ist es Tischtennis“, schildert sie. Aktuell zählt Tischtennis zu den am schnellsten wachsenden Sportarten in Puerto Rico. Diaz' Heimatverein beherbergt inzwischen ein Tischtennisinternat, im Erdgeschoss trainieren die Kinder, im Obergeschoss drücken sie die Schulbank. „Dass wegen mir Kinder mit dem Tischtennisspielen anfangen, ist vielleicht meine größte Leistung. Darauf bin ich wirklich stolz“, sagt Diaz. Inzwischen ist sie in ihrer sportbegeisterten Heimat eine der bekanntesten Athletinnen überhaupt. Oder? Adriana Diaz grinst und zögert, als sie die Frage hört. „Doch, ist sie, definitiv“, sagt ihr Trainer Daniel Gonzalez aus dem Hintergrund. Das belegen auch über 300.000 Follower sowohl auf Instagram als auch auf Facebook. Mit Engagements im Ligaspielbetrieb in China, Japan und Indien hat Diaz auch ihre Popularität im asiatischen Raum gesteigert.

    Auch zum Turnier in Frankfurt sind ein paar Fans nur wegen ihr gekommen. Sie schwenken die puerto-ricanische Flagge, feuern sie auf Spanisch an. Einer von ihnen ist Axel Guzman. Der Puerto Ricaner, der in Wiesbaden lebt, war im Vorjahr auch schon in der Süwag Energie Arena. Tischtennis spielt er nicht, aber Diaz kenne er natürlich, sagt er. „Adriana ist der Stolz von Puerto Rico. Jeder kennt sie. Sie ist ein Champion, außerdem sehr charismatisch und total freundlich – eine tolle Repräsentantin unseres Landes.“

    Unberechenbarkeit zählt zu Diaz' großen Stärken (©ITTF)

    Gefragtes Werbegesicht

    Diaz‘ Popularität macht sie in ihrer Heimat auch zur interessanten Werbeträgerin. Ein Automobil-Hersteller und eine Versicherung gehören zu ihren Sponsoren, außerdem wirbt Diaz für einen Hersteller von Haushaltsgeräten. „Ich bin in einer guten Position und weiß das auch sehr zu schätzen“, sagt sie. Anders als viele andere Spielerinnen kann sie es sich erlauben, sich fast ausschließlich auf die WTT-Tour zu konzentrieren. Diaz ist zwar für den T.League-Klub Kinoshita Abyell Kanagawa gemeldet, lebt und trainiert auch seit einigen Jahren in Japan. In dieser Saison hat sie aber erst ein Liga-Spiel absolviert.

    Dass Adriana Diaz so beliebt ist, auch ITTF und WTT gerne mit ihr werben, hat nicht nur mit ihren Erfolgen, sondern auch mit ihrem positiven Auftreten und der Art und Weise, Tischtennis zu spielen, zu tun. Diaz weiß sich auszudrücken, ist auch abseits des Tisches schlagfertig. Im Interview mit tischtennis antwortet sie auf die Frage, welche Pläne sie für die Zeit nach der Karriere hätte, das müsse man sie in zehn Jahren noch mal fragen. „Aber wenn ich morgen aufhören würde, wüsste ich, was ich tun würde: mich in Puerto Rico an den Strand legen und es mir gutgehen lassen“, sagt Diaz und strahlt. Das tut sie auch am Tisch häufiger, die Spielfreude ist ihr anzusehen. Und mit ihrem kreativen Spiel fällt Adriana Diaz auf. Sie probiert Platzierungen, die kaum möglich scheinen, spielt Chop-Blocks und No-look-Shots, wie man sie sonst im Frauen-Tischtennis nur sehr selten sieht. Ihr Spezialschlag ist der Rückhand-Punch, ein Treibschlag, bei dem sie den Ball in der aufsteigenden Phase nimmt. „Ich mag es einfach, die Leute zu unterhalten“, sagt die Puerto Ricanerin. „Es gibt kaum etwas Besseres, als einen verrückten Ball zu spielen, der die Zuschauer begeistert.“

    Das meiste Ballgefühl

    Verspielt am Tisch war sie schon immer, als Kind habe sie ihren Vater damit manches Mal in den Wahnsinn getrieben, erzählt die 25-Jährige und lacht. „Aber ich glaube, die Unberechenbarkeit ist bis heute meine größte Stärke. Es ist für meine Gegnerinnen schwer vorhersehbar, was als nächstes passiert. Manchmal weiß ich es ja selbst nicht.“ An ihrem Spielsystem habe sie zuletzt viel gearbeitet, sie sei jetzt an einem Punkt, „an dem ich mein Spiel verstehe und weiß, was ich tun muss, damit die Dinge so laufen, wie ich sie gerne hätte“. Dazu gehöre auch, es mit der Spielerei nicht zu übertreiben.

    Das tut Adriana Diaz in ihrem Viertelfinal-Match in Frankfurt auch nicht. Gegen die spätere Turniersiegerin Hina Hayata sollte es am Ende dennoch nicht reichen, sie verliert das Match mit 1:4 Sätzen. Unter großem Applaus wird die Puerto Ricanerin aus der Halle verabschiedet – und mit einem Lob ihrer Gegnerin. „Adriana“, sagt Hayata, „ist wahrscheinlich die Spielerin mit dem meisten Ballgefühl auf der Welt“.


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