Weihnachtsporträt: So tickt Jugend-Weltmeisterin Mia Griesel

    Leise, fokussiert, erfolgreich: Die 19-Jährige krönte ihr letztes Jugendjahr mit WM-Gold im Doppel. Eine Geschichte über Präzision, Geduld – und den vollzogenen Schritt in den Profi-Bereich.

    Mia Griesel bejubelte kürzlich im Doppel den Jugend-WM-Titel. (© ITTF)

    Zwischen Feiertagsruhe und Weltklasse-Tischtennis liegen bei Mia Griesel oft nur wenige Tage. Wenn andere an Weihnachten Geschenke auspacken, blickt die 19-Jährige auf ein Jahr zurück, das ihr Leben sportlich verändert hat: Ende November gewann sie im U19-Doppel den Jugend-WM-Titel – leise, fokussiert und ohne großes Aufheben. Eine Karriere, die scheinbar im Stillen verläuft, in der sich die Erfolge aber beinahe nahtlos aneinanderreihen.

    Weihnachten: Familie, Abstand, Durchatmen – in den Fußstapfen von Roßkopf/Fetzner

    Mit Weihnachten verbindet Mia Griesel vor allem eines: Zeit mit der Familie. „Wir feiern immer in einem relativ großen Rahmen – mit meinen Großeltern, meiner Tante, meinem Onkel, meiner Uroma, meiner Mama und meinem Bruder. Das ist immer sehr, sehr schön.“
    Kulinarisch ist das Fest bodenständig und traditionsbewusst: An Heiligabend gibt es Abwechslung – in diesem Jahr Burger mit Pommes. Am zweiten Weihnachtstag hingegen stehen Kaninchen und Gans auf dem Tisch. Für Mia selbst allerdings Schnitzel, Knödel, Rotkohl und Salat. Zwischen den Festtagen und Neujahr bleibt der Schläger bewusst eingepackt. „Ich brauche ein bisschen Pause, um meinen Kopf wieder klarzukriegen.“ Abschalten, Kraft sammeln – bevor im neuen Jahr alles wieder von vorne beginnt.

    Denn 36 Jahre nach dem WM-Triumph von Steffen Fetzner und Jörg Roßkopf durfte Deutschland im Winter wieder einen Weltmeistertitel im Doppel feiern. Im rumänischen Cluj-Napoca schnappte sich Mia Griesel gemeinsam mit ihrer walisischen Partnerin Anna Hursey die Goldmedaille – im Finale gegen die topgesetzten Chinesinnen Zong Geman und Qin Yuxuan. Das Porträt einer Spielerin, die selten im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht, sportlich aber längst dort steht.

    Früh selbstständig: Mit dem Einser-Abi nach Düsseldorf und zur Bundeswehr

    Wenn Mia Griesel über die Anlage des Deutschen Tischtennis-Zentrums läuft, wirkt sie eher wie eine, die sich ruhig in eine Szene einfügt, als eine, die sie anführt. Seit dem Herbst lebt sie in Düsseldorf, der sportlichen Heimat der deutschen Tischtennis-Nationalmannschaften. Mit dem Einser-Abitur in der Tasche kann sie sich nun voll auf ihre Profikarriere konzentrieren. Unterstützung erhält sie durch die Sportfördergruppe der Bundeswehr, der sie sich in diesem Jahr angeschlossen hat. Die Grundausbildung hat sie bereits erfolgreich absolviert. „Das hilft mir enorm, weil ich so den Kopf für den Sport frei habe“, erklärt die gebürtige Niedersächsin.

    Selbstständigkeit gehört für Griesel seit Jahren zum Alltag. Ab der achten Klasse besuchte sie die Humboldtschule Hannover, eine Eliteschule des Sports, und lebte im Sportinternat am Bundesstützpunkt der niedersächsischen Landeshauptstadt. 2022 wurde sie dort als „Eliteschülerin des Jahres“ ausgezeichnet – ein Preis für junge Athletinnen, die Schule und Leistungssport auf hohem Niveau verbinden.

    Ihr Vater Chris war kurz vor ihrem zehnten Geburtstag verstorben. Mutter Tanja und Bruder Mattis begleiteten sie seitdem durch Schule, Training und sämtliche, wichtige Entscheidungen – auch aus der Ferne. Sportlich war der Wechsel von Hannover nach Düsseldorf ein großer Schritt. „Das Niveau ist in jeder Einheit hier enorm hoch“, beschreibt Griesel. Für eine Spielerin, die auf Landesverbandsebene lange klar herausragte, war das eine Umstellung – aber auch genau das, wonach sie sucht. „Schon in den ersten Wochen habe ich gemerkt, wie schnell ich Fortschritte mache, wenn ich täglich mit Weltklassespielerinnen trainiere.“

    Ihre starke Rückhand zeichnet die Niedersächsin aus. (© ITTF)

    Negativergebnisse als Antrieb für den Start als Profi

    Niederlagen werfen die zweifache U21-Europameisterin im Doppel nicht aus der Bahn. Im Gegenteil: Sie nutzt sie als Motivation. „Ohne Ehrgeiz geht es im Leistungssport nicht“, weiß sie. „Man muss auf vieles verzichten – auf Feiern, Treffen, Freizeit.“Klare Ziele helfen ihr, den anspruchsvollen Trainingsalltag durchzuhalten. „Olympia wäre natürlich schon so ein Träumchen“, sagte sie dem ZDF lachend. „Oder eine WM-Medaille – das wäre auch okay.“

    Der Sprung vom Jugend- in den Erwachsenenbereich ist anspruchsvoll. DTTB-Sportvorstand Richard Prause bezeichnet ihn als „brutal schwierig“. In der U19-Weltrangliste steht Griesel auf Platz 12, bei den Damen aktuell auf Rang 255. „Im Erwachsenenbereich verliert man am Anfang öfter“, sagt sie nüchtern. „Das kann auch mal ein bisschen deprimierend sein.“
    Sie ist Realistin – und verlässt sich lieber auf Zahlen und Fakten. Schon in der Schule lagen ihr Mathematik und Naturwissenschaften mehr als Gedichtsinterpretationen.

    Eine Konstante im Jugend-WM-Medaillenspiegel

    Geboren 2006 in Bremervörde, ist Mia Griesel eine der leiseren Persönlichkeiten im deutschen Kader. Unauffällig im Auftreten vielleicht, aber nie im Ergebnis. Sie jubelt selten laut, kommt dafür oft sehr weit – und bringt von internationalen Turnieren zuverlässig Edelmetall mit. Seit 2019 wird sie regelmäßig für Jugend-Europameisterschaften nominiert. Bei ihrer Premiere holte sie mit dem U15-Team Bronze, zwei Jahre später folgte in Varaždin der Titel mit Annett Kaufmann, Josephina Neumann und Faustyna Stefanska.

    Seit ihrer ersten Jugend-WM 2021 gewann sie bei jeder Weltmeisterschaft mindestens eine Medaille: fünf Turniere, sechsmal Podest. Silber und Bronze im U15-Doppel und -Mixed, mehrere Medaillen in der U19 – und nun Gold im letzten Jugendjahr. Ihre WM-Serie bleibt makellos.

    Herren-Bezirksoberliga mit 13 – und Champions-League-Sieg mit 18

    Bereits mit elf Jahren spielte Griesel in der Verbandsliga der Damen für ihren Heimatverein TSV Lunestedt. Später kam es zu einem ungewöhnlichen Gastspiel: Als die Damenmannschaft zurückgezogen wurde, spielte sie mit 13 Jahren in der Herren-Bezirksoberliga – im oberen Paarkreuz. 15:7 Siege, viele hochgezogene Augenbrauen und wichtige Erkenntnisse.

    „Im Nachhinein war das eine lustige Erfahrung“, sagte sie 2023 dem Magazin tischtennis. „Da habe ich auch gelernt, mit Sprüchen umzugehen.“ Es folgte der Wechsel zum MTV Tostedt, mit 14 Jahren das Debüt in der 2. Bundesliga. Heute spielt sie für den deutschen Topklub ttc berlin eastside – und gewann in ihrer ersten Saison direkt die Champions League.

    Abseits der Box ist die 19-Jährige eher ruhiger. (© ITTF)

    Präzision statt Spektakel – mit 15 als Talent in TV-Show

    Auf Instagram ist Griesel kaum präsent. Zwei Beiträge mit Tischtennisbezug, mehr nicht. Bevor sie etwas postet, denkt sie lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. So ist sie auch am Tisch: ruhig, kontrolliert, analytisch und mit Köpfchen. Sie sucht die Öffentlichkeit nicht. Mit 15 war sie in der RTL-Show "Gipfel der Quizgiganten" zu Gast. In einem rund zehnminütigen Spiel mussten ihre Gegner, die TV-Moderatoren Günther Jauch, Guido Cantz und Johannes B. Kerner, möglichst viele ihrer zehn Aufschläge auf den Tisch zurückbringen. Kerner war mit zwei erfolgreichen Rückschlägen der Beste. Mia Griesel hatte sich als eines von Deutschlands größten Nachwuchstalenten nicht um den Auftritt in der Show gerissen. Als sie gefragt wurde, ob sie dabei sein möchte, war ihre Antwort nicht ein freudenstrahlendes „Ja, natürlich“, sondern die Rückfrage, was denn mit Annett sei. Der drei Monate jüngeren Annett Kaufmann gehörte bereits damals die größere Aufmerksamkeit.

    Ihre größte Waffe ist die variable Rückhand. Auf der Vorhand spielt sie eine kurze Noppe, die ihr Tempo, Variation und besondere Rhythmuswechsel sowie Rotationsvielfalt ermöglicht. Dazu kommen ein hochgeworfener Aufschlag, starke Rückhand-Eröffnungen und ein sehr kluger Spielaufbau. Keine große Show – dafür maximale Effizienz, Ballsicherheit und Spielübersicht. Trainer beschreiben sie als „perfektionistisch, zielstrebig und fleißig“. Aufgaben gelten für sie erst dann als erledigt, wenn sie wirklich sitzen. Erreichte Ziele sind kein Endpunkt, sondern der Start für das nächste.

    Leise bleiben, weit kommen

    Ihre Mutter Tanja, eine engagierte Lehrerin, beschreibt ihre Tochter als „bodenständig und eher zurückhaltend“. Ihre Familie trägt ihr Übriges dazu bei: Sie drängt die begabte Tochter, Schwester und Enkelin nicht, sondern trägt sie, wo es notwendig ist. Nun ist ihre Zeit im Nachwuchsbereich beendet. Vor ihr liegen Bundesliga-Alltag, Nationalmannschaft, ein voller WTT-Turnierkalender und das Leben im Profisport. Mia Griesel bringt alles mit, was es dafür braucht: Technik, Talent, Disziplin, Zielstrebigkeit, Realismus – und die Fähigkeit, sich selbst treu zu bleiben.

    „Mein Wunsch für das Jahr 2026 ist zunächst ein ganz typischer: gesund bleiben, Gesundheit für meine Familie – und glücklich sein. Und vielleicht noch, dass ich am Ende des Jahres zufrieden auf das Zurückliegende blicken kann.“ Leise, fast unauffällig, wird auch sie weiter ihren Weg gehen und dabei noch oft überraschen. Vielleicht ist sie genau deshalb eine Spielerin, mit der das deutsche Tischtennis langfristig rechnen darf. Selbst wenn ihre Entwicklung im Erwachsenenbereich nicht die schnellste sein sollte: Sie dürfte zu den stabilsten gehören. Annett Kaufmann hat vorgemacht, wie ein nachhaltiger Weg aussehen kann, auch Koharu Itagaki ist auf einem guten Kurs. Um Deutschlands Damen-Tischtennis muss man sich künftig wenig Sorgen machen.

    Wie die deutschen Nationalspieler Weihnachten feiern, erfahrt ihr hier!

    (DTTB/FKT)

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