WM-Blog: Braucht man die Extra-Vorrunde?
myTischtennis.de-Redakteurin Janina Schäbitz ist unterwegs zur Team-WM in London - mit den Eindrücken der neu eingeführten Vorrunde im Hinterkopf. Eine Idee, die man beibehalten sollte?

Die WM gehört im Kalender unserer myTischtennis-Redaktion in jedem Jahr zu den fest eingeplanten Turnieren, bei denen wir von vor Ort berichten. In diesem Jahr stellte sich vorab eine ungewöhnliche Frage, die wir bisher noch nie hatten beantworten müssen: Ab wann wollen wir denn in London sein? Zum Start der Vorrunde 1B am 28. April, als die WM offiziell begann? Oder zum Start der Vorrunde 1A am 2. Mai, als die deutschen Teams zum ersten Mal die WM-Bühne betraten? Oder zum Start der K.-o.-Runde am 4. Mai, wenn die Jagd nach den Titeln erst richtig beginnt? Wir entschlossen uns für die dritte Option, so dass ich erst jetzt am Flughafen sitze und auf den Flieger Richtung London warte.
Zwei Vorrunden mit unterschiedlichem Mindset
Ich hatte vorher nicht erwartet, diese Entscheidung zu bereuen. In der Vorrunde 1B, in der sich jeweils 64 Mannschaften pro Geschlecht um 24 Startplätze für die Hauptrunde stritten, ist der bunte Mix aus Teams aus aller Welt zwar immer wieder eine Freude. Wegen der teils großen Leistungsunterschiede innerhalb der Gruppen waren aber keine immensen Überraschungen zu erwarten und sind letztlich auch nicht passiert. Einige Mannschaften wie Togo, die Elfenbeinküste oder Uganda waren zudem nicht angereist, so dass manche Gruppenspiele mit einem „Walk-Over“ endeten. Und auch wenn bereits in dieser Phase die Emotionen teilweise hochkochten und das eine oder andere überraschende Ergebnis auf der Anzeigetafel stand, ist es okay für mich, diesen Teil der WM von zu Hause aus verfolgt zu haben.
Der Vorrunde 1A, die im Vorhinein - unter anderem vom DTTB - scharf kritisiert worden war und in der es letztlich ‚nur‘ darum ging, sich für die Hauptrunden-Auslosung in eine möglichst günstige Position zu bringen, habe ich am Wochenende dann auch ohne große Erwartungen entgegengeblickt. Klar: Die besten Teams der Welt treffen aufeinander, man sieht Duelle, die man normal erst in einem Viertel-, Halb- oder gar Finale erlebt. Doch stellte sich von Beginn an die Frage, wie die verschiedenen Mannschaften mit dieser neu eingeführten Vorrunde umgehen würden, ob sie ihre besten Spieler aufstellen und ob diese schon ihr ganzes Potenzial abrufen, was man gegebenenfalls später, wenn es dann um alles geht, bereuen könnte. Am Ende sind die Nationen unterschiedlich damit umgegangen. Die Aufstellungen wurden durchaus ein wenig variiert, so mancher Spitzenspieler blieb auf der Bank, aber es kam nichtsdestotrotz auch zu Duellen in Bestbesetzung.
Was sind die Überraschungen wert?
So zum Beispiel auch im Herren-Spiel Deutschland gegen Japan, als ich zum ersten Mal einen kleinen Zweifel spürte, ob es nicht doch besser wäre, wenn ich vor Ort wäre. Dang Qiu besiegte sowohl Tomokazu Harimoto als auch Sora Matsushima - am Ende ging das Match mit 3:2 an Deutschland. Als dann wenig später Chinas Herren ihr erstes WM-Spiel seit dem Jahr 2000 gegen Südkorea verloren, war ich mir dann sicher: Ich wäre jetzt wirklich sehr, sehr gerne in London! Die Stimmung - das merkte man auch im Stream - war schon jetzt grandios, gerade die chinesischen Fans gaben alles, um ihre Spieler doch noch einmal voranzupeitschen. Und die Spiele waren bereits auf hochklassigem Niveau.
Und doch: Ein Fan dieser Vorrunde bin ich trotzdem nicht geworden. Und das hat vor allem dramaturgische Gründe. Für mich sind diese Matches zwischen Japan und Deutschland oder China und Schweden die Höhepunkte einer WM, auf die am Ende alles hinausläuft. Ich möchte nicht vorab schon mal eine Preview davon sehen, von der ich nicht genau weiß, was sie bedeutet. Haben die Teams jetzt schon alles gegeben? Oder haben sie - verständlicherweise - die klügsten Spielzüge noch für sich behalten? Das deutsche Herrenteam sagte nach seinem Erfolg gegen Japan, es fühle sich an wie ein großer Sieg, sei ja aber leider nur die Gruppenphase. Und so bleibt man etwas ratlos zurück. Die Vorrunde 1B war sicher eine nette Idee, um den 100. ITTF-Geburtstag mit möglichst vielen Tischtennisnationen zu feiern. Und die Vorrunde 1A trug bestimmt dazu bei, dass sich auch die besten Teams schon mal ein bisschen akklimatisieren konnten. Aber am Ende sind wir nach bereits sechs verstrichenen Turniertagen noch nicht wirklich weiter - und erst ab heute, ab der Runde der besten 32, zählt jedes Spiel.
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