WM-Blog: Abwechslung in der Hymnen-Jukebox?
Selten waren die Hoffnungen mehrerer Nationen vor einer Team-WM so groß, dass die Chinesen diesmal nicht beide Titel gewinnen. Redakteurin Janina Schäbitz schätzt im Blog die Chancen ein.

Die chinesische Nationalhymne ist mir wohl bekannt. In meinen inzwischen 14 Jahren bei myTischtennis.de habe ich sie bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen insgesamt 40 Mal vor Ort gehört. Unfassbar, oder? Während die Jukebox im Doppel und Mixed hier und da auch mal einen anderen Song ausgespuckt hat, kennt die Team-WM seit 2012 nur ein einziges Lied. Gibt’s diesmal ein bisschen Abwechslung auf die Ohren? Ich habe schon öfter dran geglaubt, aber diesmal - ich wage es gar nicht, zu laut sagen - stehen die Chancen wirklich nicht schlecht.
Chinas Herren wackeln
Das gilt allerdings nur für den Herrenwettbewerb. Bei den Damen kommen aktuell nur die Japanerinnen ernsthaft in Betracht, die Chinesinnen zu ärgern. Ich erinnere mich noch gut an das Finale der letzten Team-WM, wo Japan schon mit 2:1 in Führung lag, dann aber doch noch überholt wurde. Die Chinesinnen stellen mit Sun Yingsha, Wang Manyu, Chen Xingtong, Kuai Man und Wang Yidi in ihrem Team nicht umsonst die Hälfte der Top 10 der Weltrangliste. Sag niemals nie, aber hier rechne ich bei der Siegerehrung wieder fest mit der chinesischen Hymne.
Bei den Herren allerdings machen sich gleich mehrere Nationen Hoffnungen auf die Sensation. Die Gründe? Der Unbesiegbar-Status der Chinesen wackelt, während die Verfolger immer mehr zu ihnen aufschließen. Während das chinesische Team in den vergangenen Jahren kaum eine Schwäche in seinen Reihen zeigte, ist es diesmal nur Wang Chuqin, der als Bank bezeichnet werden kann. Hinter der Nummer eins der Welt laborierte Lin Shidong zuletzt an einer Schulterverletzung und musste so manche Niederlage gegen Spieler aus dem Ausland hinnehmen. Ein Schicksal, das er mit den drei anderen Teamkameraden Liang Jingkun, Zhou Qihao und Xiang Peng teilt. Somit muss Wang die Hauptlast schultern, was auch für ihn eine neue Erfahrung ist. Bei den letzten Team-Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen in Paris gehörten schließlich Fan Zhendong und Ma Long noch zur Mannschaft.
Breites Feld an Konkurrenten
Die Konkurrenz hat derweil nicht geschlafen. So stehen etwa die Japaner bereit, die neben dem Weltranglistendritten Tomokazu Harimoto auch über den zuletzt bärenstarken und inzwischen auch auf Platz acht stehenden Sora Matsushima zurückgreifen können. Team-Europameister Frankreich hatte sich seinen Finaltraum bereits bei der Team-WM 2024 in Busan erfüllt, gehört mit den Lebrun-Brüdern und Simon Gauzy aber auch diesmal wieder zu den heißesten Anwärtern, um China die Suppe zu versalzen. Oder was ist mit den Olympiazweiten aus Schweden, die bei der EM ohne Truls Moregard zwar überraschend früh ausschieden, in London aber wieder in Bestbesetzung antreten werden? Taiwan mit dem starken Frontmann Lin Yun-Ju sollte man ebenfalls immer auf dem Schirm haben. Und dann ist da natürlich noch das deutsche Team, das die Rolle des Hauptkonkurrenten Chinas zuletzt zwar einbüßen musste und in Busan und bei den Olympischen Spielen im selben Jahr in Paris keine Medaille gewann. Der Wille, sich diesen Platz wieder zurückzuholen, dürfte jedoch umso größer sein - und mit den Top-25-Spielern Dang Qiu, Benedikt Duda, Patrick Franziska und Dimitrij Ovtcharov plus Jungspund Andre Bertelsmeier hat man ein schwer berechenbares Team am Start.
Doch ich erinnere mich auch: Diese Gedanken hatte ich schon öfters. Und am Ende waren es dann doch immer die Chinesen, die zweimal singen durften. Spannend dürfte es aber allemal werden - auch gerade aus deutscher Sicht. Denn neben den Herren, die diesmal wieder mit einer Medaille nach Hause kommen wollen, haben auch die DTTB-Damen gute Chancen, bei der Siegerehrung dabei zu sein. Sabine Winter hat dem Team mit ihrem Einzug in die Top 10 der Welt noch mal einen ordentlichen Schub gegeben. Und Bundestrainerin Tamara Boros hat ein buntes Repertoire an Spielstilen zur Auswahl und damit alle Möglichkeiten, die Gegner zur Verzweiflung zu bringen. Ein bisschen müssen wir uns zwar noch gedulden - denn auf die heute beginnende Vorrunde 1B, in der die letzten Plätze in der Hauptrunde ausgespielt werden, folgt noch die Vorrunde 1A, wo die besten Teams und Gastgeber England die Setzung unter sich ausmachen. Am nächsten Montag melde ich mich dann pünktlich zur K.-o.-Runde aus London zurück - in freudiger Erwartung aller Überraschungen, die da kommen mögen.
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